Ein Kraftwerk und die Suche nach der besten Lösung
Das geplante Pumpspeicherkraftwerk am Salza-Stausee soll erneuerbare Energien speichern, verursacht aber massive Eingriffe in die Natur.
Günther Marchner und Karin Hochegger kritisieren mangelnde Transparenz, fehlende öffentliche Debatte und unzureichende Abwägung ökologischer Folgen.
Technische Fortschritte und Umweltprüfungen können Auswirkungen mindern, grundlegende Zielkonflikte zwischen Klima- und Naturschutz bleiben jedoch bestehen.
Baukosten des geplanten Kraftwerks: rund 500 Millionen Euro
Speicherleistung entspricht bis zu 100 Windkraftanlagen
Diskussion über das Projekt seit Sommer 2025 in Bad Mitterndorf und Mitterberg-Sankt Martin
Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für das Projekt am Salza-Stausee geplant
Das geplante Pumpspeicherkraftwerk am Salza-Stausee soll erneuerbare Energien speichern, verursacht aber massive Eingriffe in die Natur.
Günther Marchner und Karin Hochegger kritisieren mangelnde Transparenz, fehlende öffentliche Debatte und unzureichende Abwägung ökologischer Folgen.
Technische Fortschritte und Umweltprüfungen können Auswirkungen mindern, grundlegende Zielkonflikte zwischen Klima- und Naturschutz bleiben jedoch bestehen.
Baukosten des geplanten Kraftwerks: rund 500 Millionen Euro
Speicherleistung entspricht bis zu 100 Windkraftanlagen
Diskussion über das Projekt seit Sommer 2025 in Bad Mitterndorf und Mitterberg-Sankt Martin
Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) für das Projekt am Salza-Stausee geplant
Wind und Sonne liefern Strom – aber nicht immer zur richtigen Zeit. Damit die Energiewende gelingt, braucht es Speicher. In Österreich erfüllen Pumpspeicherkraftwerke diese Rolle seit Jahrzehnten, aber die damit einhergehenden Eingriffe in die Natur lösen immer wieder Debatten aus.
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Nun prüft der Stromerzeuger Verbund ein neues Projekt beim Salza-Stausee in der Steiermark. Seit dem Sommer 2025 wird darüber in den Gemeinden Bad Mitterndorf und Mitterberg-Sankt Martin diskutiert. Aber die Bewohner:innen erfahren davon eher zufällig.
Günther Marchner ist einer davon. „Ich kann grundsätzlich nicht gegen ein Projekt sein, von dem ich noch nichts weiß, aber die Art und Weise der Debatte irritiert mich“, sagt er. Marchner lebt seit Jahren in der Region und engagiert sich in lokalen Initiativen. Eine besondere Rolle spielt der Verein EIKE-Forum, der das Kulturzentrum Woferlstall betreibt. Marchner ist dort Obmann und beschließt, das Thema auf die öffentliche Bühne zu bringen. Gemeinsam mit Kolleg:innen organisiert er eine Diskussion.
Großer Nutzen, großer Eingriff
Zu debattieren gibt es viel, denn der Energiewende hilft so ein Pumpspeicher. Das geplante Kraftwerk kann überschüssigen Wind- und Solarstrom speichern und bei Bedarf wieder abgeben, in einer Größenordnung von bis zu hundert Windkraftanlagen. Es funktioniert wie eine Batterie: Bei Stromüberschuss wird Wasser in ein höheres Speicherbecken gepumpt, bei Bedarf fließt es durch Turbinen zurück und erzeugt Strom. Die Kosten für den Bau liegen bei rund einer halben Milliarde Euro. Die Eckdaten haben Verbund und die betroffenen Gemeinden gegenüber mehreren Medien bereits bestätigt.
Aber es ist auch ein Eingriff in die Natur. Marchner findet, das komme in der Debatte zu kurz. Viele Menschen vor Ort müssten sich Informationen selbst zusammensuchen. „Es gibt Leute mit null Ressourcen, die nur ihre private Zeit einbringen können – und auf der anderen Seite einen Konzern mit enormer Öffentlichkeitsarbeit“, sagt er. Und er spricht ein grundsätzliches Problem an: „Wir reden gar nicht mehr darüber, ob wir vielleicht insgesamt weniger Energie verbrauchen sollten.“
Ohne Speicher kein grüner Strom
Eines steht fest: Erneuerbare Energien brauchen Speicher. „Ohne Wasserkraft könnten wir Photovoltaik und Wind gar nicht in diesem Ausmaß nutzen“, sagt Helmut Habersack, Leiter des Instituts für Wasserbau, Hydraulik und Fließgewässerforschung an der Universität für Bodenkultur in Wien.
Denn Quellen für erneuerbare Energie sind nicht immer verfügbar, europäische Länder gleichen Schwankungen untereinander aus. Wenn in Deutschland kein Wind weht und die Sonne nicht scheint, springen die Turbinen in den Alpen an. „Wenn Österreich auf Wasserkraft verzichten müsste, wäre das ein enormes Problem für Wirtschaft und Versorgung“, sagt Habersack. Aber auch er sieht den Konflikt: „Wir sollen nachhaltigen Strom erzeugen, gleichzeitig die Natur schützen; diese Ambivalenz erfordert Innovation.“
Was ein Kraftwerk in einem Ökosystem verändert, hängt laut Habersack stark vom Typ ab. „Eine gewisse Auswirkung verbleibt immer. Die Frage ist, wie stark sie ist und wie gut man sie minimieren kann“, sagt er.
Minimieren heißt für ihn vor allem: genau hinschauen, wo gebaut wird. In Flussabschnitten, die bereits durch mehrere Kraftwerke verändert sind, sei ein weiterer Ausbau eher vertretbar als in weitgehend unberührten Gewässern mit sehr gutem ökologischem Zustand.
Auch technisch gebe es Fortschritte: fischfreundlichere Turbinen, bessere Lösungen für Sedimentdurchgängigkeit, also den Transport von Sand und Kies, und präzisere Planung. Entscheidend sei, so Habersack, nachhaltige Maßnahmen von Anfang an mitzudenken, nachträglich sei es schwieriger und kostspieliger.
Wie viel Eingriff in die Natur ist okay?
Wie gut sich Auswirkungen abfedern lassen, hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Fische können verbaute Gewässer heute besser passieren. „Früher waren nicht mal Fischaufstiegshilfen ein Thema – heute werden sogar schon Abstiegshilfen errichtet“, sagt Habersack. Fischaufstiegshilfen sind künstliche Wege, über die Fische flussaufwärts am Kraftwerk vorbeischwimmen können, Abstiegshilfen helfen ihnen sicher wieder nach unten.
Neue Bauweisen, feinere Steuerungen und strengere Umweltauflagen können Auswirkungen reduzieren; verhindern lassen sie sich jedoch nicht. Messprogramme, Gutachten und Umweltverträglichkeitsprüfungen sollen deswegen sicherstellen, dass Auswirkungen erfasst und abgewogen werden.
Ob und wie stark ein Kraftwerk die Salza verändern würde, soll nun eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) klären. Darin wird untersucht, welche Auswirkungen ein Projekt auf Natur, Gewässer, Boden, Luft, Landschaft, Sicherheit und betroffene Menschen hat, und ob diese Eingriffe dem Stand der Technik entsprechen und rechtlich zulässig sind. „Am Ende muss man im Verfahren wirklich alle Facetten objektiv anschauen und dann bei Bedarf verbessern“, sagt Habersack. Pumpspeicherkraftwerke hätten dabei einige Vorteile: „Sie verursachen meist keine starken Wasserstandsschwankungen und werden oft unterirdisch gebaut, sodass Auswirkungen an der Erdoberfläche ausbleiben.“
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Was steht in der Steiermark auf dem Spiel?
Für Karin Hochegger geht das Verfahren nicht weit genug. Hochegger leitet die Bezirksstelle Liezen des Naturschutzbundes Steiermark. Sie findet: „Eine UVP prüft Eingriffe nach Recht und Technik, aber die grundsätzliche Abwägung, wie viel Natur wir opfern wollen, ersetzt sie nicht.“
Für Hochegger ist das Gebiet mehr als Daten und Statistiken. „Der Bereich ist derzeit ein super Treffpunkt für Jugendliche, die können von der Brücke direkt in den Stausee springen“, sagt sie. Was dieser Eingriff für die nächste Generation bedeutet, darüber möchte sie diskutieren – und fragt: „Was ist uns wichtiger? Ein Geschäftsmodell, das auf Strompreisspitzen reagiert, oder ein intakter Naturraum?“
Sie fürchtet wärmeres Wasser, tägliche Pegelschwankungen und aufgewirbelten Schlamm. „Wenn zweimal am Tag große Mengen Wasser rein- und rausgepumpt werden, ist das kein natürlicher Rhythmus“, sagt sie. „Ich bezweifle, dass das Ökosystem da einfach mithält.“
Sorge bereitet ihr auch der Bau selbst. Beton, Bohrungen, Lkw-Verkehr in einem bisher ruhigen Berggebiet. „Das ist ein massiver Eingriff“, sagt sie. Besonders sensibel sei das Karstgebiet: „Wenn dort etwas schiefgeht, betrifft das unsere Quellen und damit die Wasserversorgung im Tal.“
Wasserkraft: eine Standortfrage?
Ganz grundsätzlich stellt sie aber auch die Standortfrage. Warum neue Speicher in unberührten Gebieten errichten, wenn es bereits bestehende Becken gibt? Hochegger schlägt vor, vorhandene Stauseen besser zu vernetzen. Kleinere Lösungen auf bereits genutzten Flächen seien naturverträglicher als ein Großprojekt im sensiblen Bergraum. Allerdings könnten sie auch deutlich geringere Energiemengen speichern.
Um Lösungen zu finden, wünscht sich Hochegger mehr als ein rein technisches Prüfverfahren. Ein interdisziplinäres Gremium könnte alle Argumente transparent abwägen, begleitet von einer Mediation, damit sich die Bevölkerung nicht als Gegner:innen oder Befürworter:innen wiederfindet, sondern als Teil einer gemeinsamen Entscheidung. Der Stromerzeuger Verbund hat Ende Februar erste Info-Veranstaltungen zum Projekt organisiert, ein Treffen im Ennstal und eines in Bad Mitterndorf. Hochegger besuchte das Format in Bad Mitterndorf, als Austausch empfand sie es aber nicht.
Diskussion über Natur- und Klimaschutz
In der Debatte werde außerdem oft so getan, als hieße es entweder Klima- oder Naturschutz. „Wir werden da im Moment ein bisschen gegeneinander ausgespielt, dabei haben wir ähnliche Interessen. Für den Klimaschutz brauchen wir auch funktionierende Ökosysteme“, sagt Hochegger.
Der Streit um das Kraftwerk zeigt, wie schwierig die Gleichung geworden ist: Klimaschutz verlangt Tempo, Naturschutz braucht Grenzen, auch wirtschaftliche Interessen spielen eine Rolle. Am Salza-Stausee prallt alles aufeinander.
Die Menschen vor Ort wünschen sich eine offene Diskussion. „Ich würde mich weder als Kraftwerksgegnerin noch als -befürworterin positionieren. Aber ich finde, wir haben als Gesellschaft das Recht, so tiefgreifende Entscheidungen wirklich gut zu überdenken“, sagt Hochegger.
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Gesprächspartner:innen
Helmut Habersack, Leiter des Instituts für Wasserbau, Hydraulik und Fließgewässerforschung an der Universität für Bodenkultur (BOKU) in Wien
Karin Hochegger, Regionalstellenleiterin Ennstal-Ausseerland und Leiterin der Bezirksstelle Liezen des steirischen Naturschutzbundes
Günther Marchner, Obmann des Vereins EIKE-Forum, der Diskussionen zum geplanten Pumpspeicherkraftwerk organisiert
Laut dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz (EAG) soll Österreich den Gesamtstromverbrauch im Jahr 2030 bilanziell zu 100 % aus erneuerbaren Quellen decken.
Der EAG-Monitoringbericht 2025 von E-Control zeigt, dass erneuerbarer Strom 2024 bereits 94 % des Stromverbrauchs in Österreich abdeckte. Pumpspeicherkraftwerke liefern in Österreich laut dem EAG-Monitoringbericht rund 5 % der Stromproduktion. Ihre Bedeutung liegt aber woanders: Sie speichern überschüssigen Wind- und Solarstrom und geben ihn wieder ab, wenn im Netz Energie gebraucht wird.
Die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) ist in Österreich im Gesetz verankert. So eine Prüfung muss durchgeführt werden, wenn vermutet wird, dass ein Projekt erhebliche Umweltauswirkungen hat. Bei Pumpspeicherkraftwerken ist die UVP oft verpflichtend wegen Eingriffen in Gewässer und Landschaft. Sie prüft Schutzmaßnahmen und Alternativen, um Ökosysteme zu schonen.
Daten der Austrian Power Grid AG, der Betreiberin des überregionalen Hochspannungsnetzes, zeigen, woher Österreichs Strom kommt. Einzusehen sind die Daten auf energie.gv.at – sie werden mehrmals am Tag aktualisiert. Am 6. März um 16 Uhr etwa kommen 35 % aus Sonnen- und 12 % aus Windenergie. Strom aus privaten Photovoltaik-Anlagen wird nicht mitgerechnet.
Das Thema in anderen Medien
Kleine Zeitung: Emotionale Debatte zum geplanten Pumpspeicher-Kraftwerk beim Salza-Stausee
Kleine Zeitung: Grüne für Pumpspeicherkraftwerk, Naturschutzbund dagegen
