Streit um „gefährlichsten Park Berlins“: Görlitzer Park wird ab Sonntag eingezäunt
Eine Frau steht vor einem Baum und wippt langsam vor und zurück; in ihrer linken Hand, die rot vor Kälte ist, hält sie ein Paar Schuhe, in ihrer rechten eine längst abgebrannte Zigarette. Ein Mann schiebt einen Kinderwagen an der Frau vorbei, vorbei auch an den Dealern, die ein paar Meter weiter Musik hören – und dann wird der Vater beinahe von einem eingemummten Jogger umgerannt, der auf dem vereisten Gehweg ins Taumeln kommt.
Es ist ein Freitagmorgen im Görlitzer Park, der umstrittensten Grünfläche Deutschlands, im Herzen von Kreuzberg.
Ab 1. März soll der Park nachts endgültig zu sein, wie der Senat am 19. Februar mitteilte. Bis dahin will man die baulichen Lücken in der Umzäunung schließen. In den Wintermonaten sollen die Tore zwischen 22 und 6 Uhr verriegelt werden, im Sommer beginnt die Sperrstunde erst um 23 Uhr. Schwere Drehkreuze sollen sicherstellen, dass Besucher den Park dann zwar verlassen, aber nicht mehr betreten können. Senat und Polizei versprechen sich davon ein wirksames Mittel gegen die ausufernde Drogen- und Gewaltkriminalität.
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Kreuzberg: Görli ist „der gefährlichste Park Berlins“
Der Mann mit dem Kinderwagen heißt Kudra. Er schiebt den Wagen jeden Morgen hier durch auf dem Weg zur Kita. Er findet es gut, wenn der Park ab dem 1. März abends geschlossen wird. „Es ist nicht sicher“, sagt er. Ihm selbst sei noch nichts passiert, aber ein Arbeitskollege sei einmal bedroht worden, als er nachts durch den dunklen Park ging. Tagsüber mag er den Park, aber nachts „ist das der gefährlichste Park Berlins“, sagt er.
Die Kriminalstatistik gibt Kudras Gefühl ein Fundament. Die Polizei registrierte im Jahr 2024 mehr als 900 Straftaten auf den 14 Hektar des Parks. Darunter waren 245 Körperverletzungen, 242 Fälle von Raub und 24 Sexualstraftaten.
„Gefährlich für wen?“, fragt die Medizinstudentin Johanna, die wir weiter im Parkinneren treffen. In der großen Mulde liegt flachgetretener Schnee, ein Kind rutscht juchzend auf einem Schlitten den Hang hinunter. „Wenn hier etwas passiert, spielt sich das innerhalb einer gewissen Szene ab“, sagt sie. Sie findet: Der Zaun löse keines der Probleme. „Leute leben hier auf der Straße. Klar, es werden Drogen verkauft. Aber wenn die Leute hierher geflüchtet sind und keine Arbeitserlaubnis haben, dann müssen sie halt irgendwie anders an Geld kommen. Wenn sie das nicht im Park machen, machen sie es woanders – bei uns im Hauseingang zum Beispiel.“
Berliner Senat vs. Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg
Der New Yorker Adrian, der mit seiner Hündin unterwegs ist, kennt das Problem: Nachdem ein Park bei ihm in der Nähe nachts seine Tore schloss, trieben sich Dealer und Abhängige vermehrt vor seiner Haustür herum. Die Sorge vor der Verlagerung der Szene in die Treppenhäuser des Wrangelkiezes teilen viele Anwohner. Einige Hausgemeinschaften in den umliegenden Straßen haben bereits aufgerüstet, mit vergitterten Türen, massiven Zäunen zwischen den Höfen und Überwachungskameras.
Nach Schätzungen der Polizei bewegen sich je nach Wetterlage 100 bis 300 Dealer in und um die Grünanlage. Es sind zumeist junge Männer aus Westafrika, viele von ihnen stecken in schwebenden Asylverfahren und besitzen keine Arbeitserlaubnis. Auch an diesem Morgen bekommt man fast an jedem der Eingänge Marihuana, Ecstasy, Ketamin oder Crack angeboten. In Grüppchen stehen die Männer da, einige um einen improvisierten Grill herum, ihre Augen sind müde, so mancher Blick glasig.
Die Wurzeln des Vorhabens, den Park zu schließen, reichen bis ins Jahr 2023 zurück, als Berichte über eine mutmaßliche Vergewaltigung eine hitzige Debatte über die Sicherheit im Kiez auslösten. Der Weg bis zur Umsetzung war lang, vor allem wegen des anhaltenden Widerstands aus dem grün geführten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Dessen Bürgermeisterin Clara Herrmann lehnt die Maßnahme ab. Auch sie warnte davor, dass sich das Problem in die umliegenden Straßen und Hauseingänge verschiebe.
Anwohner fordern „soziale Lösungen für soziale Probleme“
Weil der Bezirk den Zaunbau nicht unterstützte, entzog der Senat ihm im vergangenen Jahr die Zuständigkeit für die Anlage. Eine gerichtliche Klärung steht noch aus. Der Bau selbst wurde seit Sommer immer wieder sabotiert, so versenkten Unbekannte eines der 220 Kilogramm schweren Drehkreuze Anfang November im Lohmühlenkanal.
Johanna stört an der geplanten Schließung noch etwas anderes. „Es ist ein öffentlicher Park, ich will hier zu jeder Tages- und Nachtzeit durchlaufen können.“ Das Argument, dass auch andere Städte – Paris oder London – ihre Parks in der Nacht schließen, lässt sie nicht gelten. „Wenn der Park geschlossen ist, muss ich außenrum zum Bus, das dauert nicht nur länger. Da hinten am Flussufer finde ich es persönlich auch viel unheimlicher als im Park, wo immer viele andere Leute sind.“
Sie findet es „richtig bescheuert, dass sie da einen Zaun hinbauen wollen“, sagt Johanna. „Es braucht andere Lösungen.“ Dass die Stadt einen Zaun bauen will, ist für sie viel eher das Symbol einer gescheiterten Sozialpolitik.
Zaun kostet Berlin fast zwei Millionen Euro
So sehen das auch Cem, Sabine und Laura. Sommers wie winters treffen sie sich hier auf den Wiesen zum Kung-Fu-Training. Laura wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Es ist absurd, dass man Hilfsangebote streicht und dann hier einen Zaun baut“, sagt sie. „Außerdem könnte man mit dem Geld den Park auch mal pflegen, den Müll wegräumen oder die kaputten Laternen reparieren.“
Die Zahlen, die in den vergangenen Wochen und Monaten durch Kreuzberg kursieren, heizen die Stimmung zusätzlich an. Der Bau des Zauns kostet das Land Berlin rund 1,56 Millionen Euro. Dazu kommen etwa 900.000 Euro für neue Beleuchtung. Den privaten Wachdienst, der die Schließung nachts durchsetzen soll, lässt sich der Senat jährlich stolze 800.000 Euro kosten.
Während diese Millionen in bauliche Maßnahmen und Sicherheit fließen, wurde bei den sozialen Präventionsangeboten der Rotstift angesetzt, wie Kritiker nicht müde werden zu betonen. Aufgrund der Haushaltskürzungen im Bezirk stünden Streetwork-Projekte und spezialisierte Anlaufstellen für Suchtkranke wie die Drogenhilfe Fixpunkt vor finanziellen Schwierigkeiten. Stellen könnten nicht nachbesetzt werden, Kontaktläden müssten ihre Öffnungszeiten drastisch reduzieren.
Kreuzberger Initiativen kündigen weiteren Protest an
Auch Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann verweist gerne auf ein Vorzeigemodell aus Zürich. Dort setzt man auf ein stark finanziertes Paket aus gesundheitlicher Hilfe, Therapie und sicheren Konsumräumen, nachdem der Versuch gescheitert war, eine offene Szene durch bauliche Abriegelung zu kontrollieren. Wahr ist aber auch: Die vierte Säule des international anerkannten Konzeptes aus Zürich lautet: „Repression und Regulierung“. Dabei nimmt man zwar nicht die Konsumenten, sehr wohl aber die Hersteller, Schmuggler und Dealer ins Visier.
Viele Anwohner haben sich unterdessen längst in Initiativen wie Görli zaunfrei oder Wrangelkiez United zusammengeschlossen. Als Reaktion auf die jüngste Senatsentscheidung wurden bereits weitere Proteste angekündigt. Auch juristisch möchte man gegen die Schließung vorgehen. Läuft man an diesem Freitagmorgen durch den Park, sieht man die Spuren des Kampfes gegen den Zaun überall. An den neu betonierten Zaunpfosten kleben bunte Flugblätter. An dem hohen Metallgitter, das den Fußballplatz in der Mitte der Anlage umgibt, hängt ein großes, weißes Transparent. Darauf steht in dicken, schwarzen Lettern geschrieben: „Der Görli bleibt auf. Soziale Lösungen für soziale Konflikte.“
Es sind die Spuren eines Kampfes, dessen letzte Schlacht, so scheint es, noch nicht gefochten ist.
