Ceuta – der Testlauf für eine territoriale Übernahme
Link in die Zwischenablage kopieren
Ceuta – der Testlauf für eine territoriale Übernahme
11. August 2026 | Avraham Shmulevich
Marokko hat gezeigt, wie sich ein umstrittenes Territorium mit einem gesteuerten Menschenstrom lähmen lässt. Der nächste Angriff auf europäisches Gebiet kann mit Zivilisten beginnen.
VON AVRAHAM SHMULEVICH
In Ceuta demonstrierte Marokko eine neue Form territorialer Machtausübung. Für die Übernahme eines umstrittenen Gebietes müssen keine Soldaten die Grenze überschreiten. Es genügt, die Grenzkontrolle zeitweise auszusetzen, Zehntausende Menschen in Bewegung zu setzen und den betroffenen Staat zu zwingen, gleichzeitig seine Souveränität zu verteidigen, humanitäre Verfahren einzuhalten und sich vor seinen europäischen Verbündeten zu rechtfertigen. Ceuta war der Testlauf für eine territoriale Übernahme unterhalb der Kriegsschwelle.
Nach Angaben der spanischen Behörden gelangten innerhalb von 24 Stunden rund 72.000 Menschen aus Marokko in die spanische Exklave. Ceuta zählt etwa 85.000 Einwohner. Der Regierungschef der Stadt, Juan Jesús Vivas, sprach später von rund 100 Toten und 3.000 bis 5.000 Menschen, die in Ceuta geblieben seien. Der weitaus größte Teil des Stroms kehrte binnen kurzer Zeit nach Marokko zurück.
Diese Abfolge ist politisch entscheidend. Ein Menschenstrom, dessen Umfang beinahe der Einwohnerzahl der betroffenen Stadt entsprach, überwand eine streng bewachte Außengrenze der Europäischen Union. Wenig später bewegte sich der größte Teil dieser Masse in die entgegengesetzte Richtung. Die Grenze funktionierte wie ein politischer Schalter: Sie öffnete sich, sie schloss sich wieder, und die Erschütterung setzte sich in Europa fort.
Italien führte Kontrollen für Einreisende aus Spanien ein und berief sich auf Sicherheitsrisiken nach dem Massenzustrom. Spanien antwortete mit Kontrollen für Reisende aus Italien. Ein Ereignis an der afrikanischen Küste genügte, um zwei EU-Staaten zu gegenseitigen Grenzmaßnahmen zu treiben.
Ceuta zeigte damit den gesamten Ablauf einer Operation unterhalb der Kriegsschwelle: die plötzliche Bewegung einer zivilen Masse, die Überlastung eines kleinen Territoriums, die Bindung von Polizei und Militär, die Aktivierung rechtlicher und humanitärer Verfahren, den Streit zwischen Verbündeten und die Wiederherstellung der Grenzkontrolle durch die Macht, die sie zuvor gelockert hatte.
Berichte über die vorläufigen Schlüsse spanischer Nachrichtendienste laufen auf eine entscheidende Differenzierung hinaus: Marokko habe den massenhaften Grenzübertritt nicht von Anfang an geplant, ihn aber geschehen lassen. Die marokkanischen Kontrollen seien im Juli schrittweise gelockert und zeitweise aufgehoben worden, als sich die Menschenmenge der Grenze näherte.
Diese Unterscheidung entlastet Rabat nicht. Sie beschreibt ein besonders flexibles Instrument staatlicher Macht. Eine Grauzonenoperation........
