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Unerschrockene Mieterin wehrt sich erfolgreich gegen Kündigung ihrer Wohnung

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04.08.2026

Cholud Kassem zieht das Kuvert aus dem Briefkasten und bleibt einen Moment stehen. Der Absender: ihr Vermieter. Die wenigen Zeilen kippen ihr Leben aus dem gut verfugten Alltag. Eigenbedarf – sie soll ihre Altstadtwohnung verlassen. Der Schreiber dieser Zeilen ist ein stadtbekannter Unternehmer. Er beansprucht ihr Zuhause für sich, weil er sich von seiner Frau getrennt hat. Sagt er jedenfalls.

So erzählt es die Heidelbergerin im Rückblick und so ähnlich ergeht es jedes Jahr Abertausenden Menschen in Deutschland. Ein Hausbesitzer gibt an, die Wohnung für sich selbst oder einen Angehörigen zu benötigen. Die Gründe klingen in vielen Fällen erst mal nachvollziehbar, in einigen Fällen absurd. Manchmal braucht die Schallplattensammlung oder die Modelleisenbahn den Platz, ein anderes Mal soll ein Gemeindemitglied der eigenen Freikirche einziehen, was vor zwei Jahren in München geschehen ist.

In den vergangenen zehn Jahren sind die Angebotsmieten in München um 52 Prozent gestiegen

Seit Corona, berichtet die stellvertretende Geschäftsführerin des dortigen Mietervereins, Monika Schmid-Balzert, rolle eine Welle der Eigenbedarfskündigungen durch die Stadt. Eine Ursache: „Der Münchner Mietmarkt ist heiß umkämpft, langjährige Mieter zahlen häufig weniger als das, was Vermieter von neuen Mietern verlangen können.“ In den vergangenen zehn Jahren sind die Angebotsmieten in München um 52 Prozent gestiegen.

Wie häufig die Gründe nur vorgetäuscht sind, ist statistisch nicht erfasst. Dem Deutschen Mieterbund zufolge ist vorgeschobener Wohnbedarf keine Ausnahme – in etwa der Hälfte der Fälle spiele er eine Rolle. Eine Zahl, die der Eigentümerverband Haus & Grund bestreitet.

Das Kündigungsschreiben, das Cholud Kassem erhält, hat eine lange Vorgeschichte. Die Künstlerin ist schon 1982 in ihre Altbauwohnung gezogen und nutzt einen Teil davon als Atelier. Für Nachgeborene: Die Heidelberger Altstadt ist damals ein Paradies für Hippies, Studierende, Familien mit knappem Budget und Aussteiger. „Auch unser Haus war eine bunte Mischung“, schwärmt Kassem. „Unter dem Dach wohnte eine Studentin, gegenüber von mir eine türkische Familie und darunter eine Familie, die schon seit den 1950er-Jahren hier lebte.“ Der Komfort ist – freundlich ausgedrückt – überschaubar.

In den folgenden Jahren verändert sich die Altstadt. Die heute 70-Jährige kann zusehen, wie Haus für Haus entkernt und saniert wird. Die Mieten steigen, junge Gutverdiener........

© Südkurier