Wer lacht, gewinnt: Die wunderbare Geschichte der Alysa Liu
Freude am Sport ist ein krasser Wettbewerbsvorteil. Davon zeugt die wunderbare Geschichte der US-Eiskunstläuferin Alysa Liu, die olympisches Gold im Einzel der Frauen gewann: Im Goldpailleten-Kostüm lief sie am Donnerstagabend aufs Eis der Milano Ice Skating Arena und strahlte in die Kameras. Als die Musik einsetzte, vollführte sie zu Discoklängen von Donna Summer ihre Pirouetten und Sprünge – lächelnd, leicht und derart perfekt, dass für die Preisrichter kein Zweifel bestand: Höchstnoten für diese wilde Kür – Platz 1 vor beiden Japanerinnen Kaori Sakamoto und Ami Nakai.
Es war bereits Alysa Lius zweite Goldmedaille nach dem Sieg im Teamwettbewerb und zudem der erste Einzel-Olympiasieg einer US-Läuferin seit 2002. Die eiskunstlaufverliebten US-Medien jubelten. Die 20-Jährige mit den blond-schwarz-gestreiften Haaren indes ließ ihr Lippenbändchen-Piercing aufblitzen und sagte vergnügt, sie hoffe, sie werde jetzt hoffentlich nicht auf Medaillen reduziert: »Das Wichtigste an meiner Story ist die menschliche Verbindung«, sagte Liu nach der Gold-Kür. »Das ist alles, was ich mir im Leben wünsche: menschliche Verbindung. Und verdammt, jetzt bin ich mit unglaublich vielen Menschen in Kontakt.«
Corona als Wendepunkt
Vor ein paar Jahren noch hatte es sich für Liu so angefühlt, als sei ihr jeglicher Kontakt zum echten Leben verloren gegangen. 2019 war sie die jüngste US-Meisterin aller Zeiten geworden: Erst 13 Jahre jung zeigte sie als erste US-Läuferin gleich drei der schweren Dreifach-Axel in einem Wettkampf. Das Wunderkind begeisterte alle, auch wegen seiner Wurzeln: Liu wuchs als Älteste von fünf Kindern auf, ihr alleinerziehender Vater stammt aus China und hatte das Land als Oppositioneller 1989 nach den Protesten am Tian’anmen-Platz verlassen müssen. Was für eine Story!
Die junge Athletin lief von Erfolg zu Erfolg, dann kam Corona. Die Welt stand still, natürlich auch im Eiskunstlauf. »Ich hatte zum ersten Mal Zeit für mich allein«, so umschrieb sie es später. »Zum ersten Mal fragte ich mich: Was soll ich mit mir anfangen?« Sie trainierte, aber irgendetwas war fortan anders. 2022 durfte Liu erstmals zu Olympia und erreichte in Peking Platz sechs. Doch das harte Training und das reglementierte Leben einer Hochleistungssportlerin hatten sie zermürbt. Im selben Jahr verkündete sie ihren Rücktritt.
Statt sich von Trainern und Betreuern vorschreiben zu lassen, was sie zu tun, zu essen und anzuziehen habe, ging sie auf die Suche nach sich selbst: Sie schrieb sich an der University of California in Los Angeles für ein Psychologiestudium ein. Mit ihrer besten Freundin und deren Mutter wanderte sie durch den Himalaja und besuchte dort sogar das Basislager des Mount Everest. Ihr Leben war plötzlich reich, vielfältig und vor allem: selbstbestimmt. Es war eine Befreiung.
Das Eislaufen indes fehlte ihr dennoch. Irgendwann fing Alysa Liu an, wieder aufs Eis zu gehen; klammheimlich, nicht einmal ihre Freunde wussten davon, so erzählte es dem Magazin »Time«. Zwei Jahre nach ihrem letzten Wettkampf rief sie schließlich ihren Trainer an und fragte, ob sie es nicht noch einmal miteinander versuchen wollten? Ihre einzige Bedingung: Vollkommene Freiheit. Sie wolle nur Kostüme tragen, die ihr gefallen. Sie werde nur zu Musik laufen, die sie gut findet.
Ihr Trainer sagte ja und Alysa Lius Plan ging auf: Im März 2025 gewann sie bei ihrem Comeback den Weltmeistertitel. Dabei war ihr der Sieg fast egal. Sie trete nicht mehr für Punkte oder Medaillen an, verkündete sie, sondern einfach, weil sie den Sport so sehr vermisst habe: »Wo immer es ein Publikum gibt, laufe ich.« Derart unbefangen ging sie auch ihren Olympiastart in Mailand 2026 an: »Was gibt es schon zu verlieren?«, fragte sie schon vor der Abreise nach Italien. »Jede Sekunde dort bringt etwas.«
Gold ist nicht alles – diese Sichtweise erwies sich am Donnerstagabend als die richtige. Als die 17-jährige Japanerin Nakai, nach dem Kurzprogramm noch Führende, ihre Wertung bekam, stürzte Liu direkt zu der jungen Konkurrentin: Die beiden herzten sich innig, es schien, als freue sich die US-Läuferin mehr über Bronze für die junge Kollegin denn über ihren eigenen Sieg.
Und wömöglich war es in diesem Moment sogar so. »Ich glaube, es geht darum, Dinge zu tun, von denen einem abgeraten wird. Genau das habe ich in letzter Zeit oft getan«, erzählte Alysa Liu später den Reportern. »Ich bin froh, dass jetzt so viele Leute zusehen, damit ich ihnen alles zeigen kann, was ich mir ausgedacht habe und meine Geschichten mit ihnen teilen kann.«
In den Olympiachroniken wird Alysa Liu nun als Gold-Gewinnerin verewigt. In den Herzen der Zuschauer aber wird vor allem ihre Coming-of-Age-Geschichte bleiben: Wer lacht, gewinnt. Auch wer auf Konventionen pfeift, kann am Ende Olympiasiegerin sein.
Vom 6. bis 22. Februar 2026 schaut alle Welt auf Mailand und Cortina d’Ampezzo, wo zum 25. Mal Olympische Winterspiele ausgetragen werden. »nd« berichtet ausführlich über das Sportspektakel in Norditalien – sämtliche Berichte, Reportagen und Interviews finden Sie hier!
