Tuberkulose-Epidemie hat soziale Ursachen
Es ist ein politisches Armutszeugnis: Obwohl Europa über die finanziellen, technologischen und medizinischen Kapazitäten verfügt, um Tuberkulose effektiv zu bekämpfen, ist absehbar, dass die Staaten die Ziele der Vereinten Nationen zur Eliminierung der Tuberkulose bis 2030 verfehlen werden.
Alarmierende Daten zu multiresistenten Tuberkuloseerregern sind kein Zufall, sondern Folge eines strukturellen politischen Versagens: lückenhafte Gesundheitssysteme aufgrund von Austeritätspolitik, mangelnden Investitionen, Krisen und Krieg. Dadurch kann die aufwendige, monatelange medizinische Begleitung der ohnehin meist marginalisierten Patient*innen nicht sichergestellt werden. Lebensrettende Antibiotika-Behandlungen werden abgebrochen und Resistenzen können sich ausbreiten.
Die Daten der Weltgesundheitsorganisation und des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten zeigen deutlich, dass die anhaltende Tuberkulose-Epidemie in erster Linie soziale Ursachen hat, die vulnerable Gruppen besonders treffen – und die dafür oft zusätzlich stigmatisiert werden. Dass die Krankheit weiter grassiert, liegt aber nicht an mangelnder Disziplin einzelner Bevölkerungsgruppen. Es ist das Resultat einer Gesellschaft, die Krankheit individualisiert und Armutsbetroffene, Arbeitsmigrant*innen, Geflüchtete oder Inhaftierte im Stich lässt.
Und das bedeutet im Umkehrschluss: Statt Sparzwang und Stigmatisierung braucht es den flächendeckenden Ausbau eines integrierten und patient*innenzentrierten Versorgungsmodells für alle.
