Mehr als ein Beruf
02. August 2026 – 19. Aw 5786
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Valerie Vorkul ist Sozialarbeiterin – und jüdischer, als sie lange Zeit annahm
Als ich im August 1977 in Cherson zur Welt kam, hörte meine Mutter keine Glückwünsche. Von den Ärzten hieß es nur: »Sie haben ein schwer krankes Kind geboren. Geben Sie es besser auf.« Doch meine Eltern taten das Gegenteil. Sie haben mir wahnsinnig viel Liebe geschenkt und mir nie das Gefühl gegeben, dass ich irgendwie anders wäre. In meinem heutigen Job als Migrationsberaterin war ich häufig damit konfrontiert, dass das leider alles andere als selbstverständlich ist. Viele Familien zerbrechen an einem behinderten Kind. Es ist ein großes Glück, dass es bei uns anders war.
Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Ingenieur. Wir waren jüdisch, aber das hat wie bei vielen Juden in der Sowjetunion keine große Rolle gespielt. Mein Vater war mit dem Rabbiner befreundet und brachte an Pessach Mazzen mit nach Hause. Das war es dann aber auch schon. Wir haben zwar versucht, die Erinnerung an unsere Tradition aufrechtzuerhalten, aber religiöse Rituale gehörten bei uns nicht zum Alltag. Ich denke, das hatte auch damit zu tun, dass meine Eltern und Großeltern häufig Angst hatten, ihr Jüdischsein offen zu zeigen.
Mit meinem Bruder und seinen Kumpels unterwegs
Neben meinen Eltern spielte auch mein älterer Bruder eine große Rolle in meinem Leben. Das tut er bis heute. Ich war als Kind immer mit ihm und seinen Kumpels unterwegs. Ich habe nie mit Puppen gespielt, sondern bin wie ein Junge aufgewachsen. Wir waren den ganzen Tag draußen und haben tolle Abenteuer erlebt. Ich war eine richtig wilde Banditin. So nennt mich mein Chef heute noch manchmal.
Die Schulzeit war für mich sehr schwierig. Meine Eltern entschieden, dass ich eine reguläre Schule besuchen sollte, obwohl es wegen meiner Kleinwüchsigkeit auch möglich gewesen wäre, mich zu Hause zu unterrichten. Heute habe ich verstanden, dass das eine mutige Entscheidung war, die mich zu der gemacht hat, die ich heute bin.
In meiner Klasse war alles in Ordnung. Ich hatte viele Freunde, die mich so akzeptiert haben, wie ich bin. Aber abgesehen davon habe ich viel Ablehnung und Mobbing erfahren. Besonders schmerzhaft ist mir ein Satz meiner Biologielehrerin in Erinnerung geblieben. Im Unterricht sagte sie, Kinder mit Behinderung sollte man direkt nach der Geburt töten.
Verletzende Vorurteile
Damals verstand ich zum ersten Mal, wie verletzend Vorurteile sein können. Vielleicht begann genau dort mein Wunsch, Menschen beizustehen, die sich allein fühlen. Heute mache ich mir über meine Kleinwüchsigkeit nicht mehr viele Gedanken, sie gehört zu mir, definiert mich aber nicht als Person.........
