Helau muss sich anpassen
Fastnacht : Helau muss sich anpassen
Viele rümpfen die Nase über Fastnacht und Karneval. Auch wenn die Wurzeln mehr und mehr in Vergessenheit geraten, so feiern nach wie vor viele Millionen mit. Das funktioniert nur, wenn Brauchtum sich der Gegenwart stellt.
Damit belassen wir es mal beim Schüttelreim und widmen uns seriös dem Phänomen. Tendenziell rümpfen viele die Nase, wenn Menschen im Bus sitzen und sich in Frankfurt zum Umzug oder gar in der S-Bahn auf den Weg nach Mainz begeben. Kindern wird das natürlich verziehen, Jugendlichen milde nachgesehen, bei Erwachsenen aber löst vermeintlich infantiles Verhalten Befremden aus. Es gehört schon ein wenig Mut dazu, sich in gewissen Kreisen zur Fastnacht zu bekennen.
Im Gegensatz zu dem hohen Grad an Ablehnung stehen aber die Zahlen an Teilnehmern an den Straßenumzügen in Deutschland: Gewiss dürften deutlich über fünf Millionen Menschen in Deutschland irgendwo „uff die Gass“ gehen. Mutigere Schätzungen gehen sogar von 11.111.111 Teilnehmern an Kinderumzügen, Paraden, Rosenmontags- oder Fastnachtsdienstagsumzügen aus.
Die Wertschöpfung wird auf über zwei Milliarden Euro hochgerechnet. Die Tage rund um das Fastnachtswochenende sind nach wie vor das größte Volksfest in der Republik und für Gastronomie und Tourismus nicht unbedeutend. Das sind wichtige Argumente angesichts der Diskussionen um die Finanzierung der in jeder Stadt Hunderttausende Euro teuren Sicherheitsvorkehrungen rund um die Züge.
Neue Formate sorgen für Wandel
Dass die Wurzeln und Traditionen dabei weitgehend in Vergessenheit geraten sind, mag bedauerlich sein: Das Bewusstsein um die Katharsis vor der einst so prägenden Fastenzeit spielt keine Rolle mehr. Die politisch-literarische Mainzer Fastnacht beispielsweise hat immer mehr Schwierigkeiten, ihren einst viel beachteten Vorträgen über den kurzen Moment des nächsten Tuschs hinaus noch Gewicht zu verleihen. Das Hochamt der Mainzer Fastnacht, die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“, kämpft einen nahezu aussichtslosen Kampf gegen den Absturz der TV-Quote.
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Frankfurt hat im Vorjahr die „Laternche-Sitzung“, jahrzehntelang das Aushängeschild, verloren, weil die Macher keinen Nachwuchs für die Organisation motivieren konnten. Dafür aber hat sich mit der Rosa-Cloudchen-Sitzung ein Format etabliert, für das nach nur sieben Minuten im Onlineverkauf im Oktober alle Tickets vergriffen waren. In Mainz geht derweil die Tendenz zu Stehungen und „Fastnight“-Sitzungen, bei denen das klassische Programm gestrafft und der Partycharakter in den Mittelpunkt gestellt wird.
All das sind auch Belege für eine Gesellschaft, die ihr Feierverhalten ändert. Vierfarbbunt tut eben auch Wahrheit kund. Und diese Wahrheit ist, dass sich eine Tradition immer der Gegenwart stellen und zu Wandel bereit sein muss. Das Naserümpfen sollte dann zu verkraften sein.
Daniel MeurenRedakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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