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Warum Europa im Iran jetzt handeln muss

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01.03.2026

Es erinnerte ein wenig an den Tod von Osama bin Laden im Jahr 2011. Damals gingen in den USA Tausende Menschen auf die Straße, um das Ende des Al-Qaida-Chefs zu feiern. Diesmal jubelten weltweit Exil-Iraner, darunter einige hundert auf dem Stephansplatz in Wien, über den Tod von Ayatollah Khamenei. Ob man den Tod eines Menschen bejubeln darf, ist eine philosophische Frage. Die prosaische Frage lautet: Was passiert jetzt im Iran?

Der Tod des obersten Revolutionsführers markiert nicht nur das Ende einer Ära, es ist auch der Beginn einer gefährlichen Phase der Ungewissheit. Während ein provisorischer Expertenrat im Iran versucht, Stabilität vorzugaukeln, brennt es hinter den Kulissen lichterloh. Die Statik des Nahen Ostens zerbricht gerade irreversibel. 

Khamenei war ein tragender Stein in einem Fundament, das aus ideologischem Fanatismus und der brutalen Macht der Revolutionsgarden errichtet wurde. Mit seinem Tod bricht dieses Fundament zusammen. Doch ein zerfallendes Regime ist oft gefährlicher als ein stabiles. Die verbliebene alte Garde im Iran steht mit dem Rücken zur Wand, für sie ist die Machterhaltung keine politische Frage, sondern eine des Überlebens.

In Ermangelung einer starken Opposition stellt sich die Frage, wer das Vakuum füllen kann? Das iranische Volk hat in den vergangenen Monaten eindrucksvoll und mutig bewiesen, dass es mit dem Gottesstaat gebrochen hat. Aber Wut allein ist kein Programm.

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Der im Exil lebende Reza Pahlavi bringt sich als Interimsfigur ins Spiel, doch die Frage ist, ob der älteste Sohn des ehemaligen Schahs von Persien in allen Teilen der Bevölkerung den notwendigen Rückhalt hat. Viele werden sich noch an das Schreckensregime seines Vaters erinnern. Es fehlt jedenfalls eine schlagkräftige Alternative, die sofort handlungsfähig wäre.

Ohne externe Unterstützung droht das Land im Chaos zu versinken oder zu einer Militärdiktatur zu werden, wenn die Revolutionsgarden das Machtvakuum für ihre Zwecke nützen. Europa muss daher seine Strategie radikal ändern.

Wer jetzt zur Zurückhaltung aufruft, wie das Brüssel macht, verkennt die Situation. Die Zeit des Mahnens ist vorbei, Europas Rufe nach Deeskalation tarnen nur eine politische Schockstarre und eine Planlosigkeit, weil man sich nicht rechtzeitig mit den Folgen einer absehbaren Militäraktion der USA und Israels beschäftigt hat.

Europa muss sich fragen, welche Rolle es in diesem Drama spielen will. Will man weiterhin als moderierender Zuschauer am Spielfeldrand stehen, während die USA und Israel Fakten schaffen? Oder erkennt man, dass die Stabilität des Nahen Ostens unmittelbar die Sicherheit unseres Kontinents berührt? Der Iran ist von der EU-Außengrenze weniger weit entfernt, als Wien von Barcelona.

Man muss einerseits der zersplitterten Opposition helfen, sich zu koordinieren und  zu organisieren. Man muss auch klar kommunizieren, dass der Weg in eine Militärdiktatur zu einer völligen Isolation führt und nur ein demokratischer Weg mit massiven wirtschaftlichen Hilfen einhergeht.

Europa muss sich entscheiden: Bleibt es beim moralisierenden Kommentar aus der Distanz, oder ist es bereit, durch gezielte politische Einmischung und die Unterstützung einer demokratischen Alternative Verantwortung zu übernehmen?

Der Iran steht an einer historischen Wegkreuzung. Wenn Europa jetzt nicht mitwirkt und einen Wandel unterstützt, wird es die Konsequenzen eines kollabierenden Staates vor seiner Haustür tragen müssen. Schweigen ist in diesem Moment keine Diplomatie, sondern unterlassene Hilfeleistung an einem Volk, das bereit für die Freiheit ist.

E-Mail an: norbert.rief@diepresse.obfuscationcom

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