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Coachella, Lollapalooza & Co.: Diese Festival-Looks wollen wir nicht mehr sehen

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16.04.2026

Die Festivalsaison steht bevor – und neben der Frage, wer eigentlich spielt, drängt sich etwas viel Grundlegenderes auf: Was ziehen wir an? Ob Coachella-Wüste oder Lollapalooza Berlin: Festivals sind längst keine reinen Musikveranstaltungen mehr, sondern ein Wettbewerb um das beste Outfit, ein Hochleistungssport für Selbstdarsteller.

Dabei war das „Sich-Verkleiden“ schon immer Teil des Deals. Festivals wie Woodstock oder die frühen Raves waren Orte, an denen gesellschaftliche Normen kurzzeitig Pause machten. Kleidung wurde zur Projektionsfläche für Freiheit und Hedonismus. Lange Haare, Schlaghosen, Selbstgemachtes: eine Absage an den Kapitalismus.

Heute: Das genaue Gegenteil. Das Festival-Outfit ist Teil einer großen persönlichen Performance geworden, die monatelang geplant und anschließend im Netz geteilt wird. Der Look muss knapp sein, sexy und gleichzeitig auf Fotos performen. Praktisch? Zweitrangig. Hauptsache, die Inszenierung steht.

Die „Effortless“-Lüge

Früher wollte man durch Extravaganz auffallen, heute ist das Ziel, so auszusehen, als wäre man versehentlich in die Vintage-Shorts gefallen und als hätte man sich sonst keinerlei Gedanken gemacht. „Effortless“ ist das Codewort für eine extrem kalkulierte Gleichgültigkeit. Während die Masse versucht, sich mit Glitzer gegenseitig zu übertrumpfen, setzen etwa Kendall Jenner oder Hailey Bieber dieses Jahr auf dem Coachella auf den ultimativen „Wir haben es nicht nötig“-Look: Casual. Ein schlichtes Top und Jeans, fertig. Wenn alle anderen kostümtechnisch so richtig auffahren, ist das einfache T-Shirt plötzlich das effektivste Mittel, um sich abzusetzen. Wer am unangestrengtesten wirkt, gewinnt.

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Die Pinterest-Cowboys

Cowboystiefel sind auf den Straßen längst kein Trend mehr, sondern etabliertes Schuhwerk. Auf Festivals wird der Look dann zur zuverlässigen Uniform ausgeweitet: besagte Boots und dazu ein Hut sowie ein Paisley-Tuch und meistens das obligatorische weiße Kleidchen. Es ist der perfekte Mittelweg: Man ist verkleidet – ist also auf jeden Fall schon einmal nicht die Spaßbremse –, lehnt sich aber modisch auch nicht zu weit aus dem Fenster. Ein Look, der sich irgendwo zwischen Wildwest-Romantik und einem sehr brav kuratierten Pinterest-Board bewegt. Das ideale Kostüm für Leute, die zumindest einen Tag lang vergessen wollen, dass sie am Montag wieder Excel-Tabellen ausfüllen müssen.

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Die Glitzer-Fraktion: Eskalation wie beim Kinderfest

Und dann gibt es noch die Bunten, die das Festival nutzen, um ihre nostalgische Lust auf Gesichtsbemalung vom Kinderfest auszuleben. Haare und Gesicht werden angesprüht und mit Strass und allem, was sonst noch funkelt, beklebt. Es ist die jährliche Eskalation mit Pailletten und Glitzer, von dem wahrscheinlich noch im Jahr 2030 Überbleibsel in der Waschmaschine auftauchen. Während andere versuchen, so zu tun, als wäre ihnen alles egal, nehmen sie das Festivalversprechen „Mehr ist mehr“ schmerzhaft wörtlich.

Schwarz als Ersatz für Persönlichkeit

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Dann gibt es die Komplettverweigerer. Schwarz von Kopf bis Fuß, egal ob 30 Grad im Schatten oder Sandsturm. Sie stehen stoisch vor der Bühne und tun so, als fänden sie alles hier ein bisschen peinlich. Ihr Statement: „Ich bin eigentlich nur wegen der Musik hier.“ Aber seien wir ehrlich: Wer bei 35 Grad in schwarzer Lederkluft und Boots auftaucht, leidet nicht für die Musik, sondern für sein Ego. Es ist die sicherste Uniform für alle, die modisch keine eigene Meinung haben, aber trotzdem „edgy“ wirken wollen. Man versteckt sich in einer Farbe, mit der man nichts falsch machen kann, und hofft einfach, dass niemand merkt, wie sehr einem gerade die Suppe in die Schuhe läuft.


© Berliner Zeitung