Knackpunkt HSV: Wann endlich platzt der Knoten bei Union-Stürmer Ilić?
Manchmal sucht man den Ausgangspunkt. Weil man sich die Frage stellt, wann alles begann, und man der Sache auf den Grund gehen möchte. Egal ob Gutes oder Schlechtes. Hat man etwas gefunden, fällt es leichter, das Gute fortzusetzen oder das Schlechte zu beenden. Ganz konkret ist beim 1. FC Union Berlin das Dilemma um Andrej Ilić. Fragt man den Serben, wann es mit seiner Seuche den Anfang nahm, dass er in diesem Spieljahr in der Bundesliga noch immer nicht getroffen hat, ist der Knackpunkt schnell ausgemacht: Alles begann gegen den Hamburger SV.
Rückblick: 28. September. Eine Woche nach dem 4:3-Spektakel bei Eintracht Frankfurt, als Ilić seinen Sturmkollegen drei Treffer aufgelegt hatte, selbst aber nicht zum erfolgreichen Abschluss gekommen war, sollte der Teamplayer belohnt werden. Früh im Spiel schon bekam er mit einem Elfmeter, den Rayan Philippe an Diogo Leite verursacht hatte, dafür die beste aller Gelegenheiten. Nur ging Ilićs Schuss nach hinten los. Oder besser: HSV-Keeper Daniel Heuer Fernandes bekam seine linke Hand an den Ball. Dicke Chance auf das Tor vertan und wohl auch auf den Sieg, weil das Spiel 0:0 ausging.
Meister der Provokation: Der 1. FC Union Berlin erntet Kopfschütteln
Ob es bei einem erfolgreichen Versuch für Andrej Ilić besser gelaufen wäre, steht in den Sternen. Auf jeden Fall ist bei ihm seitdem der Wurm drin. Selbst allerbeste Chancen helfen nicht. Was der Angreifer auch unternimmt, ins gegnerische Tor bringt er die Kugel nicht. Das ist für ihn wie vernagelt. Und wenn es doch sperrangelweit offenstand, so wie in einer Szene beim 2:2 gegen Mainz, dem ersten Spiel im neuen Jahr, verfehlte er selbst den leeren Kasten. Im Frühjahr vorigen Jahres noch hätte Ilić diese Chance mit verbundenen Augen genutzt.
Manches ist im Verlauf des Spieljahres über Ilić und seine Ladehemmung gesagt und geschrieben worden. Von Hoffnung bis Kopfschütteln, vom guten Zureden bis zu Unverständnis, vom Vertrösten auf das nächste Spiel bis zur neuerlichen Ernüchterung und Enttäuschung ist alles dabei. Das Schlimme für ihn selbst aber ist, weil auch andere Torjäger dieses Gefühl kennen: Die vergebenen Gelegenheiten lassen einen nicht los. Das Kopfkino hat keinen Knopf, mit dem es sich einfach abschalten lässt. Eher läuft die Episode in Endlosschleife.
Geht es um eine längere Durststrecke, ist Ilić unter den Torjägern dennoch nicht allein. Weit profiliertere und prominentere Kollegen hat es damit erwischt. Einst verstand Mario Gomez, der für Deutschland in 78 Länderspielen 31 Tore erzielte, mit dem VfB Stuttgart (2007) und mit Bayern München (2010, 2013) dreimal die Meisterschale und mit den Münchnern die Champions League gewann, 2007 Deutschlands Fußballer des Jahres und 2011 Torschützenkönig der Bundesliga wurde, die Welt nicht mehr. In über zehn Länderspielstunden war ihm kein Treffer gelungen. „Im Training schieße ich viele Tore, aber sobald ich auf dem Platz stehe, ist es ein bisschen verhext“, gab er damals zu. Seine Gedanken drifteten fast ins Mystische ab, als er sagte: „Ich weiß nicht, ob ich was angestellt habe. Aber wenn du nicht die innere Sicherheit hast, ist es schwer.“ Nachdem Gomez nicht einmal gegen Fußballzwerg Liechtenstein getroffen hatte und danach nach seinen Gefühlen gefragt wurde, blieb er kurz angebunden: „Nichts. Leere.“
Noch schlimmer erging es einst Englands Nationalspieler Adam Smith. Der Offensivmann, abwechselnd im Mittelfeld und im Angriff aufgeboten, hatte für Leeds United am Fließband getroffen und auch nach seinem Wechsel zu Manchester United noch gewusst, wo das gegnerische Tor steht. Nicht aber bei seinem Engagement bei Newcastle United. Zwar gelang ihm für den jetzigen Verein von Nick Woltemade gleich im ersten Freundschaftsspiel im Sommer 2007 der Treffer zum 1:0-Sieg über Sampdoria Genua, danach in 84 Partien, verteilt auf fünf Spielzeiten, aber – nichts! Auch später lief es für Smith im gegnerischen Strafraum nicht gut. Für Milton Keynes glückten ihm in 67 Spielen ganze zwei Tore, für Notts County jedoch in vier Jahren und in 87 Spielen wieder nichts.
Kevin Vogt brauchte 275 Partien – ist aber Abwehrspieler
Es ist eine Situation, die einen Angreifer nicht glücklich macht. Nicht einmal nach einem Sieg. Zu sehr sind diejenigen, die vorwiegend für das Toreschießen zuständig sind, auf den Erfolg zwischen den drei Alustangen aus. Es ist, anders als einst bei Kevin Vogt, dessen Kernkompetenz stets im Spiel in den hinteren Mannschaftsteilen lag, der für Union bei einem 2:1 über Dortmund einen Elfmeter verwandelte und damit eine Serie von 275 Spielen ohne eigenen Torerfolg beendete, nicht zuletzt ihr persönlicher Moment. Es ist ihre Währung. Auch deswegen sind sie hin und wieder Egoisten.
Das stimmt bei Andrej Ilić nur zum Teil. Immer wieder lobt Steffen Baumgart das mannschaftsdienliche Spiel des Serben, seine Laufwege, sein Pressing, seine Kopfbälle auch in der Defensive. Zudem hat der Trainer ausgemacht, dass Ilić sich aus einem Loch, in dem er Ende des Herbstes steckte und nicht mehr wie selbstverständlich in der Startelf stand, herausgearbeitet hat. „Ich finde, er hat eine absolute Leistungssteigerung hingelegt“, sagte Baumgart, „er sichert den Ball wieder gut, er bringt unsere Angriffe nach vorn, was für uns extrem wichtig ist.“
Womöglich aus diesem Mix aus Zuversicht, Hoffnung und Glauben waberte im Januar kurz mal das Gerücht rund um das Stadion An der Alten Försterei auf, der FC Burnley, in Englands Premier League Tabellenvorletzter mit schon neun Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz, sei am Null-Tore-Stürmer interessiert. Womöglich hatten die Verantwortlichen bei ihm etwas entdeckt, das derzeit im Verborgenen schlummert.
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Klar indes ist, dass Ilić ohnehin immer ein „wichtiger Faktor“ (Baumgart) sei. Seine Körperlichkeit, sein Einsatz, sein Draufgängertum imponieren. Vor allem auch der Wille, den Bock endlich umzustoßen. Auch wenn Manager Horst Heldt nach der vorigen Saison, als Ilić nur ausgeliehen war, danach für eine Ablöse von fünf Millionen Euro von OSC Lille fest verpflichtet wurde und einen Vertrag bis 2027 erhielt, beim Angreifer seinerzeit von „Aufs und Abs“ sprach, impfen sie ihm immer wieder Vertrauen ein, sprechen ihm gut zu. „Frohen Mutes“ sei Baumgart, dass Ilić bald seinen ersten Saisontreffer erzielt, „weil er es umsetzen will“ und ständig daran arbeitet.
Dumm ist nur, dass Ilić mit seinem Problem in der Bundesliga fast allein dasteht. Ein wenig vergleichbar vielleicht mit Lucas Höler aus Freiburg. Dabei hat der einen Vorteil. Er ist bei den Breisgauern eingespielt, kennt deren DNA seit Jahren und ist seit 2018 im dortigen Bundesligateam. Trotzdem hat er es in dieser Spielzeit bei 20 Einsätzen auch erst zu einem Tor gebracht. Ein wenig Trost könnte sich Ilić auch bei einem Blick nach Dortmund und dort auf Fabio Silva holen. Der Portugiese, mit 23 Jahren nicht mehr ganz am Anfang einer einst vielversprechenden Karriere, gilt seit Juniorenzeiten als großes Versprechen. Die Wolverhampton Wanderers zahlten im September 2020 für den damals 18-Jährigen an den FC Porto eine Ablöse von aberwitzigen 40 Millionen Euro. Danach liehen sie den Angreifer ständig aus, nach Belgien zum RSC Anderlecht, in die Niederlande zur PSV Eindhoven, nach Schottland zu den Rangers aus Glasgow, nach Spanien zu UD Las Palmas. Bis er vor einem halben Jahr beim BVB landete, noch immer eine Ablöse von 22,5 Millionen Euro kostete, bei ihm nach 15 Bundesligaspielen bei den Toren aber ebenfalls das steht, was bei Ilić steht: eine Null.
Was indes jeder weiß, von dem Tore erwartet werden, ist: Mit jedem Spiel ohne eigenen Torerfolg wird der Druck höher, die Verunsicherung größer und die Erwartung erdrückender. Noch ärger setzt einem zu, dass der Glaube an das eigene Können schwindet. Es ist ein Teufelskreis. Was sie in Köpenick über Ilić aber auch wissen, ist: In der Vorsaison ist bei ihm, wenn auch aus anderen Gründen, nämlich weil er lange verletzt war und erst spät die Bindung zu den Mitspielern fand, auch erst im Februar der Knoten geplatzt. Danach hätte er mit sieben Toren fast noch Benedict Hollerbach abgefangen, der es auf neun Treffer gebracht hatte und erfolgreichster Saison-Torschütze der Eisernen geworden war.
Nun geht es für die Eisernen aber erst einmal am Sonnabend (15.30 Uhr) zum HSV. Es ist das erste Mal, dass die Köpenicker im Volksparkstadion um Erstligapunkte antreten. Womöglich will es der rot-weiße Fußballgott, dass beim einstigen Bundesliga-Dino für Andrej Ilić die bisherige Geschichte endet und eine neue beginnt. Was dazu fehlt, ist allein ein Tor. Zur Not, obwohl die Köpenicker darin zuletzt alles andere als überzeugt haben, per Elfmeter. Ein Kreis würde sich schließen.
