Strategische Allianz: Wie Brasilien Europas Hunger nach Seltenen Erden stillen will
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva ist als Gast der Hannover Messe nach Deutschland gereist – und bringt dabei mehr mit als 140 Unternehmen auf 2.700 Quadratmetern Standfläche. Das südamerikanische Land positioniert sich als strategischer Partner für Europa in gleich mehreren Schlüsselbereichen: als Lieferant kritischer Rohstoffe, als Freihandelspartner im Rahmen des EU-Mercosur-Abkommens und als Vorreiter bei erneuerbaren Energien.
Besondere Brisanz erhält der Besuch durch die geopolitische Lage auf den Rohstoffmärkten. Wie die WirtschaftsWoche unter Berufung auf Satellitendaten vom Berliner Unternehmen LiveEO berichtet, verfügt Brasilien über gewaltige Vorkommen schwerer Seltener Erden – jener Metalle wie Dysprosium und Terbium, die für die Herstellung von E-Autos, Smartphones und Windrädern unverzichtbar sind.
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China kontrolliert derzeit praktisch den gesamten Weltmarkt und setzt diese Dominanz gezielt als politisches Druckmittel ein: Seit April beschränkt Peking die Ausfuhr Seltener Erden, um etwa die Lieferung von Nvidia-KI-Chips aus den USA zu erzwingen. Exportgenehmigungen können Monate dauern, zahlreiche westliche Betriebe mussten ihre Produktion bereits drosseln oder stoppen.
Brasilien könnte Chinas Monopol brechen
Im Bundesstaat Minas Gerais, rund um die Stadt São Gotardo, lagern unter landwirtschaftlich genutzten Flächen riesige Vorkommen schwerer Seltener Erden. Satellitenbilder zeigen dort Hunderte kreisrunde Bewässerungsmuster automatischer Gießanlagen – darunter verbirgt sich laut der kanadischen Rohstofffirma Resouro ein über 71 Kilometer gestrecktes Vorkommen mit einer geschätzten Kapazität von 1,9 Milliarden Tonnen. Die sogenannte Tiros-Ressource enthalte einen „hohen Anteil Seltene Erden und einen ultrahohen Anteil Titandioxid“, so das Unternehmen gegenüber der WirtschaftsWoche.
Das besondere dabei ist, dass die brasilianischen Vorkommen sich voraussichtlich ähnlich günstig abbauen lassen wie in Südchina und Myanmar. Während Seltene Erden in Grönland, Kanada oder Schweden in Festgestein eingeschlossen sind und aufwendig gesprengt und gemahlen werden müssen, erlaubt der verwitterte vulkanische Tonerdeboden in Brasilien die sogenannte In-situ-Laugung. Dabei wird eine Chemikalie in den Boden geleitet, das Gemisch abgepumpt und in Tanks weiterverarbeitet – ein vergleichsweise einfaches Verfahren, das bislang fast ausschließlich in tropischen und subtropischen Regionen nahe ehemaliger Vulkane funktioniert.
Zweitgrößten Reserven
Brian Hendrich vom deutschen Rohstoffhändler Tradium schätzt laut WirtschaftsWoche Brasiliens Reserven an Seltenen Erden auf 21 Millionen Tonnen – die zweitgrößten weltweit nach China. Laut der brasilianischen Bergbaubehörde ANM konkurrieren derzeit 27 Projekte um den Abbau. Die brasilianische Rio Times schrieb kürzlich, diese Mineralien könnten das Land „zu einer der reichsten Nationen der Welt machen“.
Der deutsche und europäische Maschinenbauverband VDMA plant in den kommenden Wochen ein Treffen in Belo Horizonte mit Vertretern verschiedener Bergbauunternehmen. Es gehe sowohl um die Erschließung neuer Rohstoffquellen als auch um den möglichen Verkauf deutscher Bergbaumaschinen, sagte Christoph Danner, im VDMA für Rohstoffe und Bergbau zuständig, gegenüber der WirtschaftsWoche.
Darüber hinaus wolle die Delegation eine aus China importierte Aufbereitungsanlage für Seltene Erden in einem bergbauwissenschaftlichen Institut besichtigen – deutsche Ingenieure könnten beim Aufbau weiterer Anlagen helfen.
Lula wirbt für Brasilien als Technologie- und Klimapartner
In einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel zeichnet Lula da Silva das Bild eines grundlegend gewandelten Landes. Das Brasilien von heute sei eine Demokratie mit den niedrigsten Armuts-, Ungleichheits- und Arbeitslosenquoten seiner Geschichte, steigender Lohnsumme und kontrollierter Inflation, schreibt der Präsident. Das Land sei inzwischen das zweitwichtigste Ziel für ausländische Direktinvestitionen weltweit, die Leitbörse habe in diesem Monat einen historischen Höchststand erreicht.
Bei der Hannover Messe präsentiert Brasilien sich laut Lula in sechs thematischen Hallen mit Schwerpunkten auf Energie und nachhaltiger Mobilität, Luftfahrt, künstlicher Intelligenz, Robotik, Datensicherheit, Biotechnologie und nachhaltigem Bergbau. Weitere 300 Unternehmen seien auf der Suche nach Geschäftsmöglichkeiten.
In seinem Beitrag betont Lula die ökologischen Leistungen seines Landes: Die Abholzung in Amazonien sei in den vergangenen drei Jahren um die Hälfte reduziert worden. Bereits heute stamme die Hälfte der brasilianischen Energie aus erneuerbaren Quellen, beim Strom seien es sogar 88 Prozent – fast viermal so viel wie der globale Durchschnitt.
Jetzt relevant: Brasilien vorne bei Erdölalternativen
Seit über 50 Jahren entwickle Brasilien Alternativen zu Erdöl: Benzin enthalte 30 Prozent Ethanol, Diesel 15 Prozent Biodiesel. Es gebe bereits Lkw, die vollständig mit Biodiesel betrieben würden. „Angesichts der Erschütterungen auf dem Ölmarkt können Deutschland und ganz Europa enorm von dieser brasilianischen Erfahrung profitieren“, schreibt der Präsident.
Deutschland habe als Partner des Amazonas-Fonds seit 2010 einen wichtigen Anteil am Umweltschutz in der Region. Die Bundesregierung habe sich kürzlich zu einer Anfangsinvestition von einer Milliarde Euro in den Fonds „Tropische Wälder für immer“ verpflichtet, der auf der Klimakonferenz COP30 in Belém ins Leben gerufen wurde.
EU-Mercosur-Abkommen tritt am 1. Mai in Kraft
Zusätzliche Dynamik soll das EU-Mercosur-Freihandelsabkommen bringen, das nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen am 1. Mai vorläufig in Kraft tritt. Mit 31 Ländern, rund 720 Millionen Menschen und einem kombinierten Bruttoinlandsprodukt von über 22 Billionen Dollar entsteht die größte Freihandelszone der Welt. Brasilien und Deutschland hätten als jeweils größte Volkswirtschaften ihrer Blöcke eine entscheidende Rolle bei der Unterzeichnung im Januar gespielt, schreibt Lula in seinem Gastbeitrag.
Das Abkommen erweitere den Marktzugang, schaffe vorhersehbare Regeln und biete Raum für die Ausweitung von Investitionen und Produktionsketten auf beiden Seiten des Atlantiks. Sein wahrer Erfolg werde daran gemessen, „wie schnell seine Vorzüge Fabriken, Landwirtschaft, Supermarktregale und die Geldbörsen der Bürger erreichen“, so der brasilianische Präsident.
Brasilia wirbt für multilaterale Weltordnung
In seinem Gastbeitrag positioniert sich Lula da Silva ausdrücklich gegen den zunehmenden Unilateralismus in der Weltpolitik – ohne die USA direkt zu nennen. Die globalen Militärausgaben erreichten mit rund 2,7 Billionen US-Dollar einen Rekord, dabei genügten nur vier Prozent dieses Betrags, um den Hunger in der Welt zu beenden, schreibt er. Zollstreitigkeiten brächten das Handelsgefüge durcheinander und vertieften Ungleichheiten.
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Brasilien und Deutschland setzten sich gemeinsam für eine Reform der Weltgesundheitsorganisation und des UN-Sicherheitsrats ein. „Ich bin überzeugt, dass der Multilateralismus alternativlos ist“, schreibt Lula. „Nur durch ihn können wir den Forderungen unserer Völker nach Frieden, Nachhaltigkeit und geteiltem Wohlstand gerecht werden.“
Er habe die Einladung von Bundeskanzler Friedrich Merz nach Hannover angenommen, um in einer Zeit globaler Verwerfungen die Partnerschaft zwischen beiden Ländern weiter zu vertiefen – eine Partnerschaft, die laut Lula auf Dialog, Innovation, nachhaltiger Entwicklung und der Verteidigung der Demokratie basiere.
