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Alte Kinderfotos gegen Doomscrolling: Was steckt dahinter?

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15.03.2026

Diese Woche hatte mein Feed kurz etwas von einem Klassentreffen, zu dem man zwar nicht eingeladen war, aber mitreden durfte man trotzdem. Die WZ hat auf Instagram Kinderfotos von Redakteur:innen gepostet, die diese selbst ausgesucht und freiwillig hergegeben haben. Andere Redaktionen posten ähnliche Reihen, Unternehmen ebenfalls. Es ist dieser eine sehr menschliche Moment im Feed, den dieser Trend hervorruft. Man will sofort raten, wer wer ist. (Und ja: Man irrt sich erstaunlich oft. Die Aura von Seriosität stellt sich offenbar erst später ein.)

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Was aber macht den Reiz von Kinderfotos aus? Sie haben diese eigene Textur. Ein bisschen Körnung, ein bisschen Vergangenheit, Farben, die nach Blitzlicht und Wohnzimmerwand aussehen. Frisuren, die eindeutig von Erwachsenen entschieden wurden. Pullis, die zu groß sind, Hosen, die zu hoch sitzen, Gesichter, in denen schon etwas von der späteren Person steckt – und gleichzeitig gar nichts. Dabei ist es egal, wann dieses Foto entstanden ist, lediglich die Bildqualität unterscheidet sich. Ich bleibe bei solchen Bildern im Feed fast immer hängen: einmal schauen, und plötzlich ist da nicht nur ein Gesicht, sondern eine ganze Vorgeschichte, ohne dass jemand ein Wort gesagt hat.

Niedlichkeit als Türöffner

Das Ganze ist harmlos lustig und genau darum so erfolgreich. Kinderfotos sind eine Art sozialer Türöffner: Man muss nichts erklären, nichts beweisen, nicht einmal besonders witzig sein. Ein Bild reicht, und sofort wird die Stimmung milde. Große Augen, runde Formen, weiche Proportionen: Dieses alte „Niedlichkeitsprogramm“, das Kindchenschema, zeigt sofort seine Wirkung, ohne einer weiteren Erklärung zu bedürfen. Und im Feed kommt noch ein Faktor dazu: Diese Bilder sind sofort lesbar. Es braucht keine Einordnung, es gibt keine Ambivalenz, sie erschließen sich auf Anhieb.

Doch genau da würde ich kurz die Augenbraue heben. Auch wenn Erwachsene freiwillig mitmachen, das Foto zeigt trotzdem ein Kind. Und Niedlichkeit ist im Netz eine ziemlich verlässliche Währung. Man merkt erst spät, wie gern man sie annimmt. Ein bisschen wirkt es, als hätte man entdeckt, dass Nostalgie nach wie vor zieht und ein Kinderbild der schnellste Weg zu Sehnsucht und vielleicht ein bisschen Verklärung ist.

Wenn ein Format so zuverlässig Nähe herstellt, ist es natürlich auch ein starkes Mittel, um Stimmung zu erzeugen. Im Journalismus heißt das dann im besten Fall: Wir werden kurz als Menschen hinter unseren Artikeln sichtbar. Im Unternehmenskontext heißt es manchmal: Wir kaufen euer Vertrauen über ein Foto aus dem Privatarchiv. Beides kann charmant sein, und beides ist, wenn man ehrlich ist, eine Form von Inszenierung. Nur eben eine, die auf den ersten Blick nicht als solche wirkt.

Und dann ist da noch dieser digitale Nachsatz, der bei Kinderfotos immer mitläuft: Einmal gepostet, gehört ein Bild nicht mehr nur dem Album. Screenshots, Reuploads, KI-Spielereien … man muss gar nicht paranoid sein, um zu wissen, dass ein Foto in der digitalen Wildbahn ein anderes Leben führen kann als im Karton mit den anderen Bildern.

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Das Schöne an diesem Trend ist: Niemand wird bloßgestellt, niemand muss mitmachen, und immerhin geht es nicht um „Kinder heute“, sondern um Erwachsene, die über ihr eigenes Bild verfügen. Das ist ein wichtiger Unterschied zu den Debatten um Eltern, die ihre Kinder öffentlich inszenieren. Hier geht es darum, wie schnell wir auf bestimmte Motive anspringen und wie gern wir uns über genau diese Motive eine kleine Pause von der üblichen Online-Beschallung gönnen.

Der Kern dieser Kinderfoto-Posts liegt genau darin: Sie geben uns das Gefühl von Vertrautheit, ohne dass wir dafür Zeit investieren müssen. Ein Bild ersetzt das Gespräch, das man sonst bräuchte, um jemanden näher kennenzulernen. (So scheint es zumindest.) Das ist angenehm und gleichzeitig ein bisschen unheimlich in seiner Effizienz. Weil es zeigt, wie leicht sich „Vertrautheit“ vorgaukeln lässt, wenn man nur die richtige Abkürzung anbietet.

Im „Kulturschock“ schreibt WZ-Redakteurin Verena Franke alle zwei Wochen über Themen aus der Welt der Kultur. Alle Texte von Verena findest du in ihrem Autorinnenprofil.

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Kindchenschema bezeichnet typische „Baby-Merkmale“ wie große Augen, runde Gesichtsformen, kleine Nase und hohe Stirn. In Experimenten wurde gezeigt, dass Säuglingsfotos, deren Merkmale in Richtung „mehr Kindchenschema“ manipuliert wurden, von Erwachsenen als niedlicher bewertet werden und stärkere Motivation zur Fürsorge auslösen als unveränderte oder „weniger babyhafte“ Varianten.

Dass dahinter nicht nur eine hübsche Metapher steckt, sondern messbare Mechanismen, zeigt auch die Neuroforschung: In einer Studie mit kinderlosen Frauen aktivierten Gesichter mit stärker ausgeprägtem Kindchenschema den Nucleus accumbens, also ein Kerngebiet des Belohnungs- und Motivationssystems im Hirn. Wissenschafter:innen interpretieren das als Hinweis, dass „Niedlichkeit“ nicht nur gefällt, sondern Annäherung und Zuwendung biologisch plausibel begünstigt.

Passend dazu diskutiert die Forschung einen Aufmerksamkeitsbias: Viele Studien und Übersichtsarbeiten berichten, dass Säuglingsgesichter (und insbesondere Säuglingsgesichter, die deutliche Emotionen ausdrücken) die Aufmerksamkeit von Erwachsenen bevorzugt binden, sie also schneller erfasst oder länger fixiert werden als erwachsene Gesichter. Zugleich wird betont, dass die Stärke dieses Effekts variieren kann, etwa je nach Geschlecht, Elternstatus oder Kontext (z. B. ob es um neutrale Gesichter geht oder solche, die negative Emotionen ausdrücken).

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