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Ist die NATO nur noch ein Geisterbündnis?

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17.08.2026

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Ist die NATO nur noch ein Geisterbündnis?

17. August 2026 | Avraham Shmulevich

Ceuta, Grönland, Nahost und neue Militärpakte samt einer "islamischen NATO": Warum die kollektive Sicherheit des Westens zu zerfallen droht.

VON AVRAHAM SHMULEVICH

Ende Juli überquerten rund 72.000 Menschen von Marokko aus die Grenze nach Ceuta. Für den 15. August kursierten in den sozialen Netzwerken erneut Aufrufe zu einem massenhaften Grenzübertritt auf spanisches Gebiet. Diesmal sperrten die marokkanische Polizei und Gendarmerie Straßen, kontrollierten die Verkehrswege und hielten Menschen bereits auf ihrem Weg nach Norden fest. Eine Wiederholung des Durchbruchs vom Juli blieb aus.

Der 15. August zeigte, wie sehr der Zugang zur europäischen Grenze vom Handeln Rabats abhängt. Wenige Tage zuvor hatte der marokkanische Justizminister Abdellatif Ouahbi erneut erklärt, Ceuta und Melilla seien marokkanisches Land und die Frage ihrer Zugehörigkeit bleibe auf der Tagesordnung der Beziehungen zu Spanien. Madrid antwortete, die Souveränität über beide Städte stehe nicht zur Debatte.

Marokkos Ansprüche auf Ceuta und Melilla bestehen seit Langem. Nun kommt die Erfahrung vom Juli und August hinzu: Rabat erhebt Anspruch auf spanisches Territorium und hat zugleich demonstriert, wie stark es vom Handeln der marokkanischen Behörden abhängt, ob sich riesige Menschenmengen auf diese Grenzen zubewegen können.

In meinem ersten Beitrag für The European habe ich Ceuta als Testfall für eine territoriale Übernahme beschrieben, die mit einem gesteuerten Menschenstrom beginnen kann. Nun führt dieser Fall zu einer umfassenderen Frage: Was ist von Europas System kollektiver Sicherheit geblieben?

Ceuta ist spanisches Staatsgebiet. Dort leben spanische Staatsbürger. Es ist eine Außengrenze der Europäischen Union, die Madrid verteidigen muss.

Stellen wir uns vor, das Lukaschenko-Regime versammelt in Belarus Hunderttausende Menschen und lenkt sie zur polnischen Grenze. Die polnischen Grenzschützer stehen einer gewaltigen unbewaffneten Menschenmenge gegenüber und eröffnen nicht das Feuer. Ein Teil der Menschen durchbricht die Grenze, zieht weiter nach Westen und erreicht schließlich die deutsche Grenze bei Frankfurt an der Oder.

Was sollen polnische und deutsche Grenzschützer tun? Auf eine unbewaffnete Menge schießen? Sie passieren lassen? Mit welchen polizeilichen Mitteln lassen sich Zehntausende oder Hunderttausende Menschen aufhalten?

Nehmen wir an, sie schießen nicht. Der Menschenstrom überquert die deutsche Grenze, erreicht Frankfurt an der Oder und zieht weiter ins Landesinnere.

Niemand hat Deutschland den Krieg erklärt. Die belarussische Armee hat die Grenze nicht überschritten. Doch es ist schwer vorstellbar, dass Berlin, Warschau und die übrigen Verbündeten das Geschehen als gewöhnliche Migrationskrise behandeln würden.

Gerade deshalb ist die Reaktion auf Ceuta so aufschlussreich. Dort überquerte eine gewaltige Menschenmenge die Außengrenze Europas, während der Staat auf der anderen Seite zwei Wochen später demonstrierte, dass er eine neue Menschenmenge, wenn er es will, daran hindern kann, diese Grenze überhaupt zu erreichen.

Wenn erneut 70.000 Menschen nach Ceuta gelangen und diesmal dort bleiben, kann spanisches Territorium besetzt werden, ohne dass ein einziger marokkanischer Soldat die Grenze überschreitet.

Wo war die NATO? Diese Frage wurde während der Krise in Ceuta kaum gestellt. Spanien verteidigte sein eigenes Territorium, seine Bürger und die Außengrenze der Europäischen Union. Auf der anderen Seite stand ein Staat, der offiziell Anspruch auf dieses Territorium erhebt.

Die NATO hätte Madrid zu Hilfe kommen müssen. Dafür hätte man weder Marokko den Krieg erklären noch Tanger bombardieren müssen. Zwischen Untätigkeit und Krieg liegt ein breites Spektrum möglicher Maßnahmen: dringende Konsultationen, nachrichtendienstliche Unterstützung, verstärkte Überwachung, maritime Präsenz, Verlegung von Kräften, logistische Unterstützung und gemeinsame Übungen.

Der Sinn kollektiver Verteidigung besteht darin, dass ein Staat, der einen Verbündeten unter Druck setzt, hinter ihm das gesamte Bündnis sieht.

Der Nordatlantikvertrag sieht genau für eine solche Lage Instrumente vor. Artikel 4 verlangt Konsultationen, wenn nach Auffassung eines Mitgliedstaates dessen territoriale Unversehrtheit, politische Unabhängigkeit oder Sicherheit bedroht ist. Artikel 5 betrifft den bewaffneten Angriff.

Ceuta hätte zu einer Angelegenheit des gesamten Bündnisses werden müssen, lange bevor sich überhaupt die Frage nach Artikel 5 stellte. Das geschah nicht.

Heute kann ein Staat fremdes Territorium besetzen und dabei den Augenblick möglichst lange hinauszögern, in dem die Außenwelt anerkennt, dass ein Krieg begonnen hat. Russland demonstrierte diesen Mechanismus 2014 auf der Krim. Bewaffnete Männer ohne Hoheitszeichen besetzten Verwaltungsgebäude und militärische Einrichtungen, Moskau bestritt die Anwesenheit russischer Truppen, und während Politiker und Diplomaten noch darüber diskutierten, was genau geschah, ging die Kontrolle über die Halbinsel an........

© The European