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Beim Altwerden unterstützt die ganze Familie

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11.03.2026

Irgendwann wird jeder alt. Die Frage nach der richtigen Pflege im Alter betrifft uns alle – oft früher, als man denkt. Sabine Markgraf ist 50 Jahre alt und kennt das Thema aus zwei Perspektiven: beruflich als Teamleitung der Tagespflege der Spitalstiftung in Konstanz und privat als Tochter ihres 86-jährigen Vaters Dieter. Wir haben die 50-Jährige in ihrem Alltag begleitet und anschließend mit ihr und ihrem Vater Dieter offen über Erfahrungen, Erwartungen und auch über Vorbehalte gegenüber Hilfe im Alter gesprochen. Als Tochter und Pflegefachkraft steht Sabine Markgraf zwischen Nähe, Verantwortung und professioneller Distanz. Ihr Vater lebt noch mit seiner Frau weitgehend selbstständig zuhause und steht zwischen dem Wunsch nach Autonomie und der Frage, wie viel Unterstützung er annehmen möchte. Gemeinsam mit Moderatorin Elisa Gorontzy sprechen Vater und Tochter darüber.

I. Selbstständigkeit im Alter

Selbstständigkeit im Alter: Das Windspiel an der Eingangstür der Spitalstiftung klingelt hell, als Sabine Markgraf die Tür zur Tagespflege öffnet. An diesem Vormittag sind schon alle Gäste da, die den Tag hier verbringen. Von 8 bis 17 Uhr werden sie nicht nur versorgt, sondern begleitet. Neben Frühstück, Mittagessen und Kaffee am Nachmittag sorgen Sabine Markgraf und ihre Kollegen für Abwechslung und gemeinsame Aktivitäten. Die Zeitungsrunde ist fester Bestandteil, daneben gibt es Angebote wie gemeinsames Singen, Spaziergänge, Gymnastik oder Malen. So wird jeder Tag anders gestaltet. „Wir machen immer, wozu die Gäste Lust haben“, sagt Sabine Markgraf. Selbstständigkeit im Alter bedeutet für viele ältere Menschen, dort bleiben zu können, wo das Leben vertraut ist: in den eigenen Wänden, mit dem eigenen Rhythmus und den Erinnerungen, die dort lebendig sind. Tagespflege kann genau das ermöglichen, erklärt Sabine Markgraf. Ziel sei es, Fähigkeiten zu erhalten, die die Menschen im Laufe ihres Lebens erworben haben, und sie dabei zu unterstützen, möglichst lange zu Hause zu bleiben. Doch Hilfe anzunehmen, fällt vielen älteren Menschen nicht leicht. Eine Herausforderung besteht darin, die Tagespflegegäste nicht zu überfordern, damit sie gerne kommen: „Das heißt, dass sie nicht abgeschoben werden, dass die Angehörigen nicht sagen, du musst jetzt dorthin gehen. Sondern dass die Gäste sagen, ich mag das und die Atmosphäre dort.“

„Für mich war klar, mein Vater bleibt so lange zu Hause, wie es geht.“

„Für mich war klar, mein Vater bleibt so lange zu Hause, wie es geht.“

Sabine Markgraf, Teamleitung Tagespflege

Im Wohnzimmer ihrer Eltern sitzen Vater und Tochter nah beieinander, als wir über das Thema Pflege sprechen. Dieter ist froh, mit 86 Jahren noch in den eigenen vier Wänden wohnen zu können. „Ich bin glücklich und zufrieden, dass ich hier sein kann“, sagt er. Und durch ihre Berufserfahrung sagt seine Tochter: „Für mich war klar, mein Vater bleibt so lange zu Hause, wie es geht. Und man kann eigentlich bis zum Lebensende zu Hause bleiben.“

Bei diesem Wunsch unterstützt die ganze Familie. Denn ganz ohne Hilfe geht es im Alltag nicht mehr. Selbständig zu bleiben bedeutet nicht, alles allein zu schaffen. Eine Haushaltshilfe übernimmt das Putzen, die Kinder – Sabine Markgraf und ihr Bruder – sowie die Enkelkinder kommen regelmäßig zu Besuch. „Ich hab ja früher alles gemacht, was ich konnte. Das kann ich heute alles nicht mehr machen“, sagt der 86-Jährige und ist deshalb über jede Unterstützung dankbar. Hilfe annehmen zu können, wenn sie im Alter gebraucht wird, da sind sich Vater und Tochter einig, ist ganz wichtig.

In der Tagespflege sind die Gäste Teil einer Gemeinschaft. Egal, ob sie früher Professoren, Hausfrauen oder etwas ganz anderes waren. Hier treffen sie sich, singen gemeinsam, spielen oder In der Tagespflege sind die Gäste Teil einer Gemeinschaft. Egal, ob sie früher Professoren, Hausfrauen oder etwas ganz anderes waren. Hier treffen sie sich, singen gemeinsam, spielen oder tauschen Erinnerungen aus. Hier entstehen Freundschaften, sagt Sabine Markgraf. Und: „Es gab sogar schon, dass sich Beziehungen entwickelt haben. Also hier ist alles möglich.“ Die sozialen Kontakte und das Miteinander machen die Tagespflege so wertvoll. Die Menschen kennen sich. Sie wissen, was die anderen brauchen, und helfen sich. Sie erzählen von früheren Zeiten, und auch der Hund einer älteren Dame, der sie regelmäßig in die Tagespflege begleitet, ist Gesprächsthema und sorgt für viel Freude.Erinnerungen aus. Hier entstehen Freundschaften, sagt Sabine Markgraf. Und: „Es gab sogar schon, dass sich da Beziehungen entwickelt haben. Also hier ist alles möglich.“ Die sozialen Kontakte und das Miteinander machen die Tagespflege für viele so wertvoll. Die Menschen kennen sich, wissen, was die anderen brauchen und helfen sich gegenseitig. Sie erzählen von früheren Zeiten und auch der Hund einer älteren Dame, der sie regelmäßig in die Tagespflege begleitet, ist Gesprächsthema und sorgt für viel Freude.

Einsamkeit im Alter ist für viele Menschen ein Thema, das schleichend entsteht. Nämlich dann, wenn soziale Kontakte weniger werden oder der Alltag sich stark verändert. Für Sabine Markgrafs Vater Dieter ist das derzeit kein prägendes Gefühl in seinem Alltag. „Wir sind noch zusammen und da haben wir unsere ganzen Bekanntschaften, die mit uns in den Urlaub fahren“, erzählt er. Diese Freundschaften geben Halt und Struktur im Alltag. Deshalb fühlen er und seine Frau sich nicht isoliert. „Und das ist jetzt für uns ganz wichtig, dass wir nicht vereinsamen“, so der 86-Jährige.

Auch die Familie trägt viel dazu bei. Besuche, gemeinsame Zeit und gegenseitige Unterstützung spielen eine große Rolle. „Früher war es eben so, als ich meine Ausbildung gemacht habe, da hat mein Vater auf meine Kinder aufgepasst. Und jetzt ist es umgekehrt“, sagt Sabine Markgraf. „Das ist ja auch wichtig, dass man eine Familie hat“, ergänzt Dieter. Der Sohn wohnt im selben Haus, Sabine Markgraf mit ihren drei Kindern lebt nicht weit entfernt in Konstanz. Für Dieter ist dieses Miteinander, ebenso die Tatsache, dass er und seine Frau noch zusammen sind, das Wichtigste: „Wir sind ganz glücklich, dass wir zusammen arbeiten können und zusammen leben können. Das ist das Schönste, was es gibt.“

III. Überforderung und Entlastung

In der Tagespflege der Spitalstiftung gehört die tägliche Zeitungsrunde fest zum Programm. Auf einem großen Bildschirm werden unter anderem die Seiten des SÜDKURIER abgebildet. So sollen die Gäste mitbekommen, was aktuell passiert. Auf dem Schoß einer Gästin hat ihr Hund es sich gemütlich gemacht. Ein Mann streicht mit einem grünen Marker eine Stelle auf der Zeitungsseite an, die ausgebreitet vor ihm liegt. Hinter den großen Fenstern rieseln dicke Schneeflocken auf den Boden. Für Angehörige, die Eltern, Partner oder Freunde pflegen, ist die Tagespflege eine wichtige Entlastung, weiß Sabine Markgraf: „Wenn ich weiß, als Angehöriger, die sind versorgt und ich muss mich nicht drum kümmern. Ich kann mal was Eigenes machen, ich kann Luft tanken.“ Das sei für die Angehörigen fast noch wichtiger als für die Tagesgäste.

„Das ist ja auch wichtig, dass man eine Familie hat.“

„Das ist ja auch wichtig, dass man eine Familie hat.“

Vater Dieter, 86 Jahre

Für ihren Vater Dieter kommt ein Besuch der Tagespflege allerdings nicht infrage. „Die Tagespflege ist schon sehr gut. Aber das wollten wir nicht, das können wir noch alles so ein bisschen machen, da muss man nicht in die Tagespflege“, sagt er. Aus ihrer beruflichen Erfahrung weiß Sabine Markgraf jedoch: Viele Menschen kommen zu spät zur Tagespflege. „Ich würde das auch gerne für meine Eltern in Anspruch nehmen, zumindest einmal die Woche“, sagt sie. „Die Sicherheit, dass sie da einen Wohlfühlort haben, das würde ich mir schon manchmal wünschen.“

IV. Wenn Pflege privat wird

In der Tagespflege ist Sabine Markgraf für ältere Menschen da und berät auch Angehörige. Durch ihre Arbeit hat sie langjährige Erfahrungen in der Pflege und im Umgang mit älteren Menschen gesammelt. Das zeigt sich im Gespräch mit den Gästen. Einfühlsame Kommunikation – fachlich Validation genannt – ist dabei besonders wichtig: „Man muss sich sehr emphatisch in Leute hineinversetzen.“ Manchmal bedeutet das auch, Strukturen zu ändern. So, dass sich alle wohlfühlen und der Tag Freude macht. Auch innerhalb der Familie fällt die Kommunikation nicht immer so leicht, wie die 50-Jährige sagt. Statt Pflegeexpertin bleibe sie für ihre Eltern eben immer die eigene Tochter. „Das tut mir manchmal auch sehr weh, denn bei anderen Menschen kann ich ihnen im Beruf diese Pflege anbieten, weil ich das mit Herz mache. Aber meine Eltern lassen das nicht so zu.“

Im Gespräch mit ihrem Vater Dieter sagt sie zu Moderatorin Elisa Gorontzy: „Mein Vater würde von jemand anderem manche Sachen besser annehmen als von mir als Tochter.“ Allgemein werde die Beziehung zu den Eltern im fortschreitenden Alter oft schwieriger. Denn man sei als Kind von den Eltern großgezogen worden, und im Alter kümmerten sich die Kinder um ihre Eltern. Und doch findet sie es schön, dass sie ihren Eltern, denen sie vertraut, im Alter etwas zurückgeben kann.

Hat sich Sabine Markgraf eigentlich schon Gedanken darüber gemacht, wie sie selbst später gepflegt werden möchte? „Ich möchte auch zu Hause bleiben und dann hoffe ich natürlich, dass meine Kinder auch schauen, dass ich zu Hause bleiben kann“, sagt sie. Gleichzeitig möchte sie ihre drei Kinder nicht überbeanspruchen, wenn sie Pflege benötigt, sondern entlasten. Dafür will sie vorsorgen. „Aber wenn es halt gar nicht geht, wenn das meine Kinder zu sehr belastet, dann würde ich natürlich in ein Heim gehen.“

Kommunikation baut Brücken

Pflege im Alter aus zwei Perspektiven – das zeigen der berufliche Alltag von Sabine Markgraf in der Tagespflege und das private Gespräch mit ihrem Vater Dieter. Während die 50-Jährige täglich erlebt, wie Tagespflege Fähigkeiten erhält, Gemeinschaft schafft und Angehörige entlastet, wird im Gespräch mit ihrem Vater deutlich, wie sensibel das Thema Hilfe im eigenen Zuhause wahrgenommen wird.

Bei „Ab in die Mitte! Konsens ohne Nonsens“ wollen wir Menschen miteinander verbinden und Gemeinsamkeiten herausarbeiten. Beim Thema Pflege konnten wir ein besonderes Maß von Nähe herstellen: Vater und Tochter verbindet der Wunsch nach Selbstbestimmung im Alter, aber auch das Ringen um die richtige Balance zwischen Unterstützung und Eigenständigkeit. Kommunikation spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie kann Brücken bauen, ist innerhalb der Familie aber oft schwieriger als mit professioneller Distanz. 

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