menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Weltmarktführer Konstanz – wie am Bodensee die Lesetechnik erfunden und KI vorgedacht wurde

12 0
previous day

Wenn heute ein Brief oder ein Paket automatisch sortiert wird, erscheint das selbstverständlich. Nur noch wenigen ist bekannt, welche Pionierleistungen von Telefunken (später AEG) am Standort Konstanz in der Bücklestraße erbracht wurden, um das zu ermöglichen. Ja, hier im Südbadischen wurde bereits an Verfahren gearbeitet, mit denen heute auch Künstliche Intelligenz (KI) trainiert wird!

In den Laboren und Werkhallen auf rechtsrheinischer Seite nahm in den 1960er- und 1970er-Jahren eine Entwicklung ihren Anfang, die weltweit Maßstäbe setzen sollte: Maschinen, die gedruckte und später sogar handgeschriebene Adressen lesen konnten. Was man heute als KI bezeichnen würde, begann 1969 mit weniger als einem Dutzend Ingenieuren, Mathematikern und Informatikern. „Mit der Entwicklung eines automatischen Anschriftenlesers betraten wir komplettes Neuland“, blickt Udo Miletzki zurück. Er kam damals frisch von der Uni und trieb die Entwicklung 40 Jahre lang bis 2009 mit voran.

Alles musste selbst entwickelt werden

„Es gab praktisch nichts von der Stange zu kaufen“, erinnern sich auch Zeitzeugen wie Heinz Müllauer und Matthias Prasser, welche als Ingenieure die Entwicklung ab den 1970er-Jahren maßgeblich mitgestaltet haben. Scanner, Beleuchtungssysteme, Drucker, Rechnerarchitekturen, Bildverarbeitung, deren Hardware und die eigentlichen Erkennungsverfahren mussten von Grund auf, vom weißen Stück Papier weg, konzipiert und entwickelt werden.

Eine Schlüsselrolle spielte die Zusammenarbeit zwischen dem damaligen AEG-Forschungsinstitut in Ulm und der Entwicklungsabteilung in Konstanz. Während in Ulm Grundlagenforschung zu Mustererkennung, Signalverarbeitung und Klassifikationsverfahren betrieben wurde, entstand in Konstanz die industrielle Umsetzung für den harten Alltag der Postautomation.

Die Aufgabe war gewaltig: Briefe mussten mit Geschwindigkeiten von über zwei Metern pro Sekunde gescannt, die Adresse hoch aufgelöst innerhalb von wenigen Zehntelsekunden erfasst und gespeichert, dann analysiert und für die Sortierung ausgewertet werden. Dazu galt es, völlig neue Scanner zu entwickeln.

Auch die dafür nötigen Beleuchtungen gab es damals nicht am Markt zu kaufen. Beleuchtungssysteme waren zu jener Zeit zu schwach. Die LED-Technik lag noch Jahrzehnte weit entfernt in der Zukunft.........

© Südkurier