Historiker Jörn Leonhard zum Irankrieg: „Jeder Krieg, der nicht schnell beendet werden kann, entwickelt eine Eigendynamik“
Historiker Jörn Leonhard zum Irankrieg „Jeder Krieg, der nicht schnell beendet werden kann, entwickelt eine Eigendynamik“
Düsseldorf · Im Nahen Osten ist die Ungewissheit größer denn je, und der US-Präsident eskaliert weiter und weiter: Der Freiburger Geschichtswissenschaftler erklärt, warum sich an der Straße von Hormus gerade historische Muster wiederholen.
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Eine Frau in Teheran vor einem Propagandaplakat, auf dem steht: „Die Straße von Hormus bleibt geschlossen“.
Es ist so etwas wie angespannte Ruhe derzeit an der Straße von Hormus – ob der Krieg weiter eskaliert oder ob der Waffenstillstand hält, ist ungewiss. Der Freiburger Historiker Jörn Leonhard spricht im Interview über die Strategie der USA und über Lehren aus der Geschichte.
Herr Professor Leonhard, wie kommt man aus diesem Krieg wieder raus?
Leonhard Es gibt keinen einfachen Weg aus diesem Krieg. Denkbar ist eine Transformation zu einem Konflikt mit geringerer Gewaltintensität – was wir aus anderen Kriegen nach 1945 kennen: eine Art minimaler Waffenstillstand, der bei jeder Gelegenheit wieder gebrochen werden kann, etwa von den mit dem Iran verbündeten Milizen und Paramilitärs wie den Huthis oder der Hisbollah. Das ist etwas anderes als der Frieden, wie wir ihn uns klassisch vorstellen.
Möglicherweise lässt sich also gar nicht sagen, wann der Krieg zu Ende ist?
Leonhard Die klare Trennung zwischen Krieg und Frieden, auf der unser Völkerrecht beruht, beginnt jedenfalls, sich aufzulösen. So entstehen Zwischenstadien, eine Art verlängerter Nachkrieg, bei dem unklar bleibt, ob und wann der Krieg wieder aufflammen kann. Der Koreakrieg endete 1953 mit einem Waffenstillstand, der bis heute Tausende Male gebrochen wurde. Dass ein Konflikt gleichsam endgültig befriedet wird, sehe ich weder für den Mittleren Osten noch für die Ukraine.
Wir erleben auch einen Streit über die Definition des Sieges. Wann haben in diesem Krieg die USA gesiegt, wann hat der Iran gesiegt?
Leonhard Was der Sieg ist, wird nach 1945 immer schwieriger zu beantworten. Henry Kissinger wies darauf hin, dass der Schwache siegt, wenn er nicht verliert. Wer sich gegen einen militärischen Goliath behauptet, erscheint dann als moralischer Sieger, wie es in Vietnam geschah.
Also hat der Iran gesiegt.
Leonhard Der Konflikt begann mit der Erwartung, dass die USA und Israel das Regime durch präzise Luftschläge in die Knie zwingen. Aber das Versprechen des kurzen Krieges trog auch in diesem Fall, trotz einer perfektionierten militärischen Operation. Trotz der militärischen Überlegenheit der USA bleibt der Unterlegene handlungsfähig. Und trotz seiner Defensive beansprucht der Iran nun eine Kontrolle der Straße von Hormus und konnte auf höchster politischer Ebene über sein Atomprogramm verhandeln. Sein relatives Gewicht erscheint im Augenblick größer als vor Beginn des Konflikts – so verwischen die eindeutigen Rollen von Sieger und Besiegten.
Mit anderen Worten: Wer länger durchhält, gewinnt?
Leonhard In der Endphase des Ersten Weltkriegs bekannte der französische Premierminister Clemenceau, dass derjenige den Krieg gewinnen werde, der eine Viertelstunde länger aushält. Das Regime der Mullahs setzt auf dieses Kapital der Behauptung, um sich nach innen abzusichern.
Biografie Geboren 1967 in Birkenfeld (Rheinland-Pfalz), Geschichtsstudium in Oxford und Heidelberg, Lehrtätigkeit in Oxford, 2004–2006 Professor in Jena, seit 2006 Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Freiburg
Bücher Unter anderem „Die Büchse der Pandora“ (2014) zum Ersten Weltkrieg, „Der überforderte Frieden“ (2018) zu Versailles. Zum Thema: „Über Kriege und wie man sie beendet. Zehn Thesen“, Beck, 3. Aufl. 2025, 208 Seiten, 18 Euro.
Israel und den Iran kann man als Todfeinde beschreiben. Ist zwischen solchen Kontrahenten Frieden überhaupt denkbar?
Leonhard Ich glaube nicht an anthropologisch........
