Eskalation im Nahen Osten: Wie der Iran die Kosten des Krieges in die Höhe treibt
Eskalation im Nahen Osten Wie der Iran die Kosten des Krieges in die Höhe treibt
Analyse | Berlin · Auch wenn die Spitze des iranischen Regimes schwer getroffen wurde: Noch immer gibt es im Nahen Osten viele Anhänger, die bereits bewaffnete Angriffe gestartet haben. Auch Terrorismus war in der Vergangenheit eine Waffe. Wie ist es diesmal?
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Libanon: Rauch steigt nach israelischen Luftangriffen in einem südlichen Vorort von Beirut auf.
Militärisch sind die USA und Israel dem Iran deutlich überlegen. Das Regime in Teheran verfügt aber über andere Möglichkeiten, zurückzuschlagen. Beispiele sind die Attacken auf US-Stützpunkte in der Region und auf den Öl-Handel über die Straße von Hormus, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman verbindet.
Der Konfliktforscher Jannis Julien Grimm sagte unserer Redaktion: „Der Iran versucht – in Abwesenheit der Möglichkeit, die USA direkt anzugreifen – den Preis des Krieges über Angriffe auf Staaten hochzutreiben, die die USA unterstützen.“ Das gilt etwa für jene Länder, die Militärbasen beherbergen oder auch für jene, die den Luftstreitkräften Überflugrechte gewähren.
Der Iran treibt die Kosten auch über den Ölpreis hoch: Die massiven Beeinträchtigungen des Schiffsverkehrs auf der Straße von Hormus wirken sich auf den weltweiten Ölhandel aus. „Da Teheran also nicht auf dem Hauptspielfeld gewinnen kann, öffnet man eben immer wieder neue Spielfelder und zwingt die Angreifer in einen Multifrontenkrieg. Es gibt nicht umsonst Warnungen vor einem Flächenbrand“, betonte Grimm, der an der Freien Universität (FU) Berlin tätig ist. Durch die Meeresenge werden täglich etwa 17 Millionen Barrel Öl aus Irak, Iran, Kuwait und Saudi-Arabien transportiert. Das entspricht etwa 20 Prozent der weltweiten Produktion.
In der Vergangenheit konnte sich der Iran überdies auf Stellvertreter in der Region verlassen, also bewaffnete Gruppen wie die Hisbollah und die Huthi-Miliz. Auch im Irak gibt es starke proiranische, bewaffnete Gruppen. Das Land war lange Zeit Schauplatz eines Stellvertreterkriegs zwischen dem Iran und den USA gewesen und hat erst jüngst wieder Stabilität erlangt. Bagdad erklärte, es wolle nicht in den aktuellen Konflikt hineingezogen werden.
Grimm erläuterte: „Im Irak leben zwar viele Schiiten, die sind aber nicht automatisch der verlängerte Arm des iranischen Regimes.“ Dennoch gibt es im Land viele proiranische Milizen, die auch schon US-Truppen im Land angegriffen haben. „Über solche Gruppen kann der Iran zur Destabilisierung beitragen und zeigen, dass die Region durch einen neuen Krieg eben nicht sicherer wird – nach dem Motto: nach uns die Sintflut“, sagte der Konfliktforscher.
Huthis fest im Sattel
Im Jemen sitzen derweil laut Grimm „die Huthis fest im Sattel – und das, obwohl die Saudis und die Vereinigten Arabischen Emirate mehrere Jahre Krieg gegen sie geführt haben“. Es gebe dort vor Ort also keine realistische andere Machtoption. „Die Huthi-Miliz kann mit Angriffen auf Schiffe im Roten Meer den Preis für den Krieg weiter hochtreiben.“ Auch Luftschläge gegen US-Stützpunkte – etwa in Dschibuti am Horn von Afrika – seien vom Jemen aus einfacher als vom Iran aus. Das Rote Meer und der sich südlich anschließende Golf von Aden gelten als eine der wichtigsten Handelsrouten der Welt. Die Huthi-Miliz attackierte dort bereits in der Vergangenheit immer wieder Handelsschiffe, weshalb diese nun von internationalen Streitkräften eskortiert werden. Deutschland beteiligt sich auch an dem Einsatz, hat derzeit allerdings kein Schiff vor Ort.
Das israelische Militär hat auch Ziele im Libanon angegriffen. Zuvor hatte die radikal-islamische Hisbollah Raketen und Drohnen auf Israel abgefeuert. Die Hisbollah bezeichnete den Angriff als Vergeltung für die Tötung des obersten iranischen Führers Ajatollah Ali Chamenei. Israel verstärkte zudem seine militärische Präsenz an der Grenze zum Libanon. Grimm sagte: „Der Libanon fungiert wieder einmal als Raum für geopolitische Machtkämpfe.“ Die Menschen im Land hätten noch nicht einmal begrenzt die Möglichkeit, diese Dynamiken zu kontrollieren.
Auch wenn die Hisbollah in Bezug auf den Iran nicht auf einen bloßen Stellvertreterstatus reduzierbar sei, zeige die aktuelle Episode erneut ihre strukturelle Verflechtung mit der Islamischen Republik. „Die Hisbollah gehört zur sogenannten Achse des Widerstands – und in diesem Bündnissystem erwartet man im Krisenfall Solidarität.“ Die jüngsten Raketenangriffe der Hisbollah seien vor diesem Hintergrund vor allem ein demonstrativer Akt der Bündnistreue – könnten aber das strategische Kräfteverhältnis kaum substanziell beeinflussen. Gleichzeitig erhöhten sie aber das Eskalationsrisiko für den Libanon erheblich. Denn in Israel drängten einige Hardliner seit Langem auf eine neue Militäroperation gegen das Land, sagte der Konfliktforscher.
Steigt das Terrorrisiko?
In der Vergangenheit war der Iran auch berüchtigt für Terroranschläge, die viele zivile Opfer forderten. Steigt auch dafür das Risiko? Grimm glaubt: „Dass der Iran über seine Anhänger systematisch Terrorangriffe in der Region verübt, ist aktuell kein realistisches Szenario.“ Man könne zwar nicht ausschließen, dass es vereinzelt zu Anschlägen komme. „Aber der Iran sieht sich aktuell in einer völkerrechtlich legitimen Position: Die dortige Führung sagt, es gibt einen illegalen Angriffskrieg und fühlt sich moralisch in der Oberhand. Das wird Teheran vermutlich nicht dadurch unterminieren, dass proiranische Gruppen Zivilisten angreifen.“
Der Heidelberger Völkerrechtler Matthias Hartwig sagte dazu: „Der Befund ist eindeutig, dass mit dem Angriff auf den Iran Völkerrecht gebrochen wird.“ Die Voraussetzung für Militärschläge auf den Iran habe es nicht gegeben. „Doch die allgemeine Freude darüber, dass hier ein böses Regime zu Fall kommt, steht so im Vordergrund, dass die völkerrechtlichen Bedenken dahinter zurückstehen.“
