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Ein Jahr Dreierkoalition: Die blinde Wut der Anderen

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20.02.2026

Die Institution der Vernunftehe leidet an einem hartnäckigen Imageproblem. Es mangle ihr an Feuer und deshalb an sinnstiftendem Zusammenhalt, heißt es. Stimmt das? Ich beziehe mich übrigens explizit auf die politische Vernunftehe, für Heiratstipps bin ich unzuständig. Die schwarz-rot-pinke Bundesregierung ist der Paradefall einer Vernunftehe, wilde Leidenschaft wallte da nie. Aber kühle Vernunft ist nicht der schlechteste Antrieb, um eine Republik zu lenken.

Einschub: profil wird nicht müde, Woche für Woche aufzuzeigen, wo diese Regierung irrt, Fehler begeht, es sich allzu leicht macht oder Ausritte in den Populismus unternimmt. Der Pallawatsch um die Wehrdienstverlängerung soll hier als Beispiel genügen.

Aber betrachten wir die Sache einmal so: Es hätte bei der Regierungsbildung vor einem Jahr anders kommen können. Die Alternative stand bereit, und sie lockte mit der stürmischen Romantik einer brachialen Zeitenwende und dem frivolen Pathos eines Volkskanzlers. Zur selben Zeit reiste die FPÖ-Abgeordnete Susanne Fürst nach Washington, D. C. zur Amtseinführung von Donald Trump. Der versprach ebenfalls einen aufwühlenden Bruch mit dem „System“, und Fürst berichtete begeistert via Instagram von Trumps Vorhaben, darunter dieses: „Er wird Abschiebungen in großem Ausmaß vornehmen.“ Trump habe „hier wahrlich eine Zeitenwende eingeläutet“, so Fürst, und: „Es liegt nun an uns, dies auch in Österreich zu machen.“

Mittlerweile wissen wir, wie die „Abschiebungen in großem Ausmaß“, von völkischer Seite auch „Remigration“ genannt, in der Praxis aussehen. Maskierte, bewaffnete Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde ICE lauern Menschen mit nichtweißer Hautfarbe oder ausländischem Akzent auf Parkplätzen von Supermärkten oder in Wohnvierteln auf, nehmen sie fest und bringen sie, wenn sie keinen gültigen Aufenthaltstitel besitzen, außer Landes – selbst wenn sie sich mitten in einem Verfahren zur Legalisierung ihres Aufenthalts befinden.

„Patriotismus“ wird zum Synonym für „Feigheit“.

„Patriotismus“ wird zum Synonym für „Feigheit“.

„Patriotismus“ wird zum Synonym für „Feigheit“.

Der Öffentlichkeit wird dies so verkauft, als handle es sich bei den Deportierten um „Mitglieder krimineller Gangs, Mörder, Vergewaltiger und Schwerverbrecher“. Tatsächlich zeigen die offiziellen Zahlen für 2025 ein anderes Bild: Exakt zwei Prozent der Festgenommenen wird die Mitgliedschaft in einer Gang vorgeworfen, weniger als zwei Prozent sind wegen Mordes oder Sexualverbrechen verurteilt oder beschuldigt. Insgesamt fallen weniger als 14 Prozent in die Kategorie „Gewaltstraftaten“. Die größte Gruppe, rund 40 Prozent, war niemals irgendeiner Straftat beschuldigt. Diese Menschen werden oft ohne rechtsstaatliches Verfahren teils in Länder gebracht, in denen sie vorher nie gewesen sind.

Diese Brutalität der „Remigration“ ist Österreich erspart geblieben. Stattdessen versucht die Bundesregierung, die Migration im Gleichklang der EU-27 auf rechtsstaatlichem Weg zu drosseln.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán, das große Vorbild der FPÖ, zeigt vor, was man sich unter der „patriotischen Wende“ vorzustellen hat. Als Präsident Trump entgegen allen völkerrechtlichen Normen Souveränität über Grönland beansprucht, sind sich 26 EU-Staaten einig, dass sie dies verurteilen und europäisches Territorium nicht aufzugeben bereit sind. Nur Ungarn verweigert die Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung und zeigt dem betroffenen Staat Dänemark die kalte Schulter. „Patriotismus“ wird zum Synonym für „Feigheit“.

Auch dieser schäbige Akt ist Österreich erspart geblieben. Die Bundesregierung bewies Solidarität. Noch hartnäckiger ist der Versuch der Patrioten, der Ukraine jegliche Unterstützung zu streichen und stattdessen wieder verstärkt Gas aus Russland zu beziehen. Merke: „Patriotismus“ bedeutet manchmal auch bloß „billiger Egoismus“.

Schließlich entspringt der patriotischen Gesinnung der abstruse Vorwurf, in der Europäischen Union sei die Meinungsfreiheit insbesondere für Oppositionelle abgeschafft. Wie Freiheit in einem patriotisch geführten Staat aussieht, kann der Budapester Bürgermeister erzählen, der angeklagt ist, weil er in seiner Stadt die Abhaltung einer Regenbogenparade genehmigt hat.

Blinde Wut auf die liberale Welt ist die Antithese zur Vernunftehe. Angesichts dessen könnte man sich in die Vernunftehe geradezu Hals über Kopf verlieben.


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