Gesundheit!
In Zeiten epidemischer Politikverdrossenheit, die dazu führt, dass allenthalben Schaumschläger, Scharlatane und Schweinepriester auf Posten gespült werden, von denen man sie in wirklich zivilisierten Gesellschaften an sich meilenweit fernhalten müsste, freut man sich ja immer, wenn vernünftige gewählte Entscheidungsträger da nach Kräften dagegenhalten. Und mit ihrem Einsatz und ihrer Problemlösungskompetenz beweisen, dass diese Abwärtsspirale keinem Naturgesetz folgt – man sie also stoppen kann.
Darum kann man im Moment auch den demütigen Denkern und leuchtenden Lenkern (lenkenden Leuchten ginge diesfalls auch), die sich gewohnheitsmäßig um die beiden bevölkerungsstärksten Bundesländer – also Wien und Niederösterreich – verdient machen, eigentlich gar nicht genug danken.
Denn sie halten gerade eine Art Seminar ab, in dem sie der interessierten Öffentlichkeit drastisch vor Augen führen, wie man das macht. Und wie man ihr vor allem vor Augen führt, warum es in einem riesigen Land wie Österreich diese ganz spezielle Form von Föderalismus braucht, die wir zu pflegen von ihnen gezwungen werden und die im Wesentlichen darauf hinausläuft, dass am besten jeder noch so hinterste Pleampl seinen eigenen Mikroschrebergarten verwirtschaften darf. Dieses urösterreichische politische Brauchtum also, das allen, die davon leben, überraschenderweise sehr lieb ist – und allen anderen sehr teuer.
Man kann sich sein Volk halt leider genauso wenig aussuchen wie das Volk sich sein Spital.
Man kann sich sein Volk halt leider genauso wenig aussuchen wie das Volk sich sein Spital.
Man kann sich sein Volk halt leider genauso wenig aussuchen wie das Volk sich sein Spital.
Als wichtigstes Argument für den Föderalismus wird ja von seinen Proponenten stets vorgebracht, dass sie für das Treffen wichtiger Entscheidungen deshalb am allerqualifiziertesten sind, weil sie vor Ort sind. Nahe am Bürger. Die wichtigste, wenn nicht überhaupt einzig nötige Qualifikation für einen Politiker ist also nach dieser sehr differenzierten Lesart der Meldezettel.
Und der wird nunmehr, im angesprochenen, gerade aktuellen Seminar, auch das wichtigste Distinktionsmerkmal zwischen Bürgern erster und zweiter Klasse. Also zwischen jenen, die etwa im Wiener AKH operiert werden, wenn sie das Pech haben, es zu brauchen – oder eben nicht. Denn Wien und Niederösterreich nützen die ihnen zu unserem allergrößten Glück vertrauensvoll in den Rachen geworfenen Gesundheitskompetenzen gerade dafür, sich quasi live auf offener Bühne gegenseitig am offenen Herzen zu operieren.
Beziehungsweise: an unserem. Das ist ausgesprochen beeindruckend. Ein wahrer Tsunami an politischer Intelligenz, der dem beglückten Publikum da entgegenbrandet.
Wien hat ja, in Person von Michael Ludwigs Abrissbirne, Peter Hacker, dekretiert, dass in Spitälern, die es aufgrund nicht weiter zu hinterfragender Eigentumsvorstellungen als „seine“ betrachtet, fortan keine Medizinmigranten aus Niederösterreich mehr behandelt werden – weil Niederösterreich nicht genug dafür zahle. Niederösterreich wiederum hält in Person von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner – und anderer, deren Namen mir leider schon wieder entfallen sind, von denen man aber sicher noch viel hören wird! – eindrucksvoll dagegen.
Zum einen mittels der Unterstützung einer Klage, die eine niederösterreichische Patientin eingebracht hat. Und zum anderen mit einer soeben vorgestellten Werbekampagne mit dem Leitslogan: „Schluss mit Blockieren! Wien muss operieren.“ Glücklicherweise ist zumindest dafür genügend Geld vorhanden, und die Bürger zahlen sich die Auseinandersetzung mit sich selber garantiert gern.
Wie sie überhaupt sicherlich haltlos begeistert sind über diese Art der Problemlösung. Manche könnten zwar der Ansicht zuneigen, dass alle Krankenversicherten schlicht Anrecht auf dieselben Leistungen haben sollten. Weil ja da draußen im richtigen Leben, also dort, wo sich die an dieser Auseinandersetzung Beteiligten offenbar recht selten aufhalten, die Beiträge von Wienern interessanterweise gar kein anderes Mascherl haben als die von Niederösterreichern.
Sie könnten auch meinen, dass es ihnen also eigentlich scheißegal sein kann, wo jetzt genau eine voll wichtige Bundesländergrenze verläuft. Weiters kann es auch sein, dass da und dort noch Fragen auftauchen. Zum Beispiel diese: „Seid’s ihr wo angrennt?“ Oder aber auch: „Wie hoch war das Gerüst, von dem ihr gestürzt seid?“ Oder vielleicht gleich, damit es auch extrem volksnahe Wiener Stadträte verstehen, mit noch mehr Farbe vom Simmeringer Grund: „Hat si der eigentlich scho entschuidigt, der eich mitn Lastwagen übern Schädel gfahrn is?“
Aber diese Einwürfe kommen natürlich nur von einer kleinen Minderheit, die einfach nicht um die Burg gewillt ist, die Feinheiten eines föderalistischen Hahnenkampfes, der auf ihrem Rücken ausgetragen wird, ausreichend zu würdigen. Von einem mündigen Bürger dürfte man als aufgeweckter Landespolitiker ja an sich durchaus mehr Einsicht erwarten. Aber man kann sich sein Volk halt leider genauso wenig aussuchen wie das Volk sich sein Spital.
