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Mehrtürer statt Märtyrer

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20. März 2026 – 2. Nissan 5786

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Mehrtürer statt Märtyrer

Mehrtürer statt Märtyrer

Im Langgedicht »hallo niemand« unternimmt das lyrische Ich eine »judissee« und gewinnt vielleicht sogar die Kanzlerwahl gegen Alice Weidel

»Gestern standen wir kurz vor dem Abgrund, heute sind wir schon einen Schritt weiter«: ein Gedanke, der sich bei der Lektüre des Langgedichts hallo niemand von Yevgeniy Breyger nicht nur einmal aufdrängt. In seinem vorherigen Gedichtband Frieden ohne Krieg (kookbooks 2023) hatte sich der mehrfach mit Preisen ausgezeichnete ukrainisch-jüdisch-deutsche Dichter mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine auseinandergesetzt, aber auch die Traumata seiner Familie ausgelotet, die nicht zuletzt auf den Massenmord an Zehntausenden ukrainischen Juden in der Schlucht Babyn Jar im September 1941 zurückgehen.

Das tat er in Frieden ohne Krieg teils in einer poetischen Sprache, die in der deutschen Gegenwartslyrik ihresgleichen sucht, teils umgangssprachlich – ein Meisterwerk, das seine Gültigkeit nicht verloren hat. hallo niemand, verlegt von Suhrkamp, knüpft daran an und spiegelt die existenzielle Krise unserer Gegenwart als Groteske.

Roadtrip mit einem Audi von Wien nach Berlin

Und was für eine Groteske! Je mehr die Handlung an Fahrt aufnimmt (falls man das bei einem Roadtrip mit einem Audi von Wien nach Berlin so formulieren sollte), desto absurder wird es.

Oder hätten Sie von einem Lyriker erwartet, dass er den Übertritt von Friedrich März (sic) zur AfD sowie von Alice Weidel zur NCDU (einer »neuen CDU«) besingt? Oder gar die Kandidatur des lyrischen Ichs gegen Weidel für das Amt des Kanzlers nach einem Misstrauensvotum im Bundestag? Und dann noch den Ausgang dieser Stichwahl, der hier natürlich nicht verraten werden soll.

Nein. Aber warum eigentlich nicht?

ihr wisst, das land bestand 2026 zur hälfte aus faschos / es war ein grimmiges, ein enttäuschtes, trauriges land / dem es doch eigentlich gut ging?/ der wohlstand blühte in den geranien auf den fensterbänken / die kassen waren gefüllt mit schotter, aber die mundwinkel / zeigten glasklar nach unten, warum?

Eine Zustandsbeschreibung aus hallo niemand, der viele Leser zustimmen dürften, wobei offenbleibt, ob halb Deutschland tatsächlich schon aus »Faschos« besteht oder vielleicht (noch) nicht. Doch die Feststellung, dass sich die Lage seit dem Erscheinen von Frieden ohne Krieg weder in der Ukraine noch in Deutschland oder im Nahen Osten nicht verbessert hat, ist leider ein Understatement.

Vordergründig plakativ, aber nicht platt

Was macht man mit einer solchen Gemengelage? Yevgeniy Breyger dichtet. Seine Lyrik scheint vordergründig plakativ (aber nicht platt) und an manchen Stellen in hallo niemand ein wenig albern und überdreht, jedoch längst nicht so wahnsinnig wie die Realität. Oder das, was man heutzutage dafür hält.

wohin? fragte ich / bundestag, sagtest du / von österreich nach deutschland, so kennen wir das / vom naschmarkt rief der hoodie-mann uns nach / ist der audi eigentlich ein zwei-türer, jungs? mehrtürer, riefst du zurück / was? märtyrer? wo!?

Natürlich, wie bei Breyger nicht anders zu erwarten, ist auch sein neuester Gedichtband trotz Anleihen bei der Umgangssprache ein Beitrag zur Hochkultur. Der Buchtitel hallo niemand wird im Klappentext erklärt als Reverenz an die Odyssee, bei der Odysseus, der griechische Held im Trojanischen Krieg, den einäugigen Zyklopen überlistet, indem er sich »Niemand« nennt.

Der Buchtitel könnte anknüpfen an Paul Celans »Die Niemandsrose«.

Der Buchtitel könnte anknüpfen an Paul Celans »Die Niemandsrose«.

hallo niemand könnte aber auch anknüpfen an den Gedichtband Die Niemandsrose von Paul Celan, was man bei Breyger (der von Celan beeinflusst wurde, und das vor allem von dessen Übersetzungen der Gedichte Ossip Mandelstams) definitiv vermuten kann. Insbesondere bei folgenden Breyger-Versen aus hallo niemand …

wieder bist du allein und redest mit niemand, niemand / sei dein heiliger name, du klaffende wunde, du blutendes loch / aus dem die teufel sprießen und das atom

… kommt der Lesenden unweigerlich Paul Celan in den Sinn. In seinem Gedicht »Psalm«, veröffentlicht 1963 im Band Die Niemandsrose, schrieb Celan:

Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, / niemand bespricht unseren Staub. / Niemand. / Gelobt seist du, Niemand. / Dir zulieb wollen / wir blühn. / Dir / entgegen. / Ein Nichts / waren wir, sind wir, werden wir bleiben, blühend: / die Nichts-, die / Niemandsrose. / Mit / dem Griffel seelenhell, / dem Staubfaden himmelswüst, / der Krone rot / vom Purpurwort, das wir sangen / über, o über / dem Dorn.

Auch die »judissee«, in die sich die Odyssee des jüdischen Niemand verwandelt, scheint Celans Spuren zu folgen. Und das nicht zuletzt beim Ringen mit Gott, ob der Dichter nun an ihn glaubt oder nicht. Einen gʼtt, den Breyger auch in diesem Gedichtband wieder – wie in Frieden ohne Krieg – mit Apostroph schreibt.

und gʼtt verbannte uns aus dem see / und gʼtt verhüllte das wasser mit nebel / und gʼtt ließ uns humpeln durchs feld / und gʼtt formte riesige käfige aus eisen und stahl / und ließ sie vom himmel niederregnen / (…) und auch du und ich traten in den käfig als einzug gemisch … / gʼtt rieb sich die hände / und dies war das, wovon pater alfred und mein alter rabbi / soussan zeitlebens gepredigt hatten: das jenseits / ein ort, der zugleich himmel war und hölle, kaum also / vom diesseits zu unterscheiden

Yevgeniy Breygers hallo niemand ist ein Langgedicht, das sich nicht beim ersten Lesen erschließt. Man muss sich einlassen auf Assoziationen, Anspielungen und Kapriolen. Man kann sich auch wundern, etwa über Gregor Gysi als Folterknecht. Musste der sein? Doch sind die Anfangshürden überwunden, wird das Buch zum Vergnügen – wenn auch eines, das viel verlangt – und zum Lichtblick in einer Welt, die nicht mehr bei Trost ist.

Yevgeniy Breyger: »hallo niemand. Roadtrip in Versen«, Suhrkamp, Berlin 2026, 109 S., 20 €

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