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Mehr als Mitleid

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21.08.2026

21. August 2026 – 8. Elul 5786

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Sollte man Bettlern immer etwas geben, und wenn ja, wie viel? Eine jüdisch-ethische Betrachtung zu Menschlichkeit, Verantwortung und Urteilskraft

Es gibt alltägliche Begegnungen, die uns herausfordern. Diese Szene kennen die meisten Menschen: Man verlässt den Supermarkt, steigt aus der Straßenbahn oder geht durch die Innenstadt – und plötzlich steht jemand vor einem. Eine ältere Frau mit müden Augen hält einen Becher hin. Ein Mann sitzt schweigend auf dem Boden, neben sich ein handgeschriebenes Schild. Ein junger Mensch fragt leise: »Hast du vielleicht etwas Kleingeld?«

In solchen Momenten entsteht häufig eine innere Spannung. Einerseits regt sich Mitgefühl, manchmal sogar ein schlechtes Gewissen. Andererseits tauchen sofort Fragen auf: Soll ich wirklich jedem etwas geben? Stimmt die Geschichte überhaupt? Helfe ich tatsächlich – oder unterstütze ich womöglich etwas Problematisches? Und selbst wenn ich etwas gebe: Bewirken ein paar Münzen überhaupt etwas?

Moralische Entscheidungssituation

Diese Ambivalenz ist typisch für die moderne Stadtgesellschaft. Armut ist sichtbar geworden und bleibt zugleich oft undurchsichtig. Sie begegnet uns unmittelbar, während ihre Ursachen häufig verborgen bleiben: Krankheit, Sucht, Migration, psychische Belastungen, wirtschaftliche Brüche oder strukturelle Notlagen. So wird jede Begegnung mit einem Bettler zu einer kleinen moralischen Entscheidungssituation.

Gerade deshalb lohnt sich ein Blick in die jüdische Tradition, die sich seit Jahrtausenden intensiv mit Armut, Verantwortung und menschlicher Würde auseinandersetzt. Die Halacha, das jüdische Gesetz, bietet keine romantisierte Sicht auf Bedürftigkeit, sondern eine bemerkenswert nüchterne und zugleich tief humane Ethik, in der Herz und Verstand nicht gegeneinanderstehen, sondern miteinander wirken sollen.

Bereits der hebräische Begriff für Wohltätigkeit verändert die Perspektive grundlegend: »Zedaka« bedeutet nicht bloß freiwillige Güte, sondern Gerechtigkeit. Im Judentum ist Hilfe für Bedürftige keine optionale Geste des guten Willens, sondern eine moralische Verpflichtung. Besitz wird dabei nicht als uneingeschränkt privat verstanden. Der Mensch gilt letztlich als Verwalter dessen, was ihm anvertraut wurde. Armut ist daher nicht nur das Problem des Einzelnen, sondern eine Herausforderung für die gesamte Gemeinschaft. Schon die Tora mahnt dazu, das Herz nicht zu verhärten und die Hand nicht vor dem armen Bruder zu verschließen. Verantwortung beginnt nicht erst bei großen Institutionen, sondern bereits im konkreten Moment der Begegnung.

Armut ist sichtbar geworden und bleibt zugleich oft undurchsichtig.

Armut ist sichtbar geworden und bleibt zugleich oft undurchsichtig.

Doch diese Verpflichtung ist nicht sentimental. Sie ist eingebettet in eine Ethik der Verantwortung: Wer gibt, handelt nicht aus Überlegenheit heraus, sondern erfüllt eine Pflicht der Gerechtigkeit. Der Gebende wird dadurch nicht »besser«, sondern lediglich seiner........

© Juedische Allgemeine