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Wie Max Verstappen von Donald Trump lernt

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29.03.2026

Es war ein einmaliger Vorfall, der wenig Beachtung fand: Am Medientag vor dem gestrigen Formel-1-Rennen in Japan warf Red-Bull-Fahrer Max Verstappen einen Journalisten aus seiner Pressekonferenz. „Ich spreche nicht, bevor er nicht gegangen ist“, sagte Verstappen in Richtung Giles Richards von der Zeitung „The Guardian“. Grund für den Rauswurf war eine aus Verstappens Sicht unangebrachte Frage des Briten vor Monaten.

Es sind zwei bemerkenswerte Dinge passiert: Keiner der anwesenden Journalisten hat sich mit Richards solidarisiert und hat mit ihm die Pressekonferenz verlassen. Was für ein Armutszeugnis! Und niemand bei Red Bull, bei der Formel 1 oder beim Weltverband FIA hat auf dieses Verhalten entsprechend drakonisch reagiert, damit Verstappen den Fehler einsieht und sich entschuldigt.

Kommt uns so ein Verhalten wie das des vierfachen Formel-1-Weltmeisters bekannt vor? Ja, Donald Trump hat vorgemacht, wie man die Presse kontrolliert. Für ihn sind Journalisten, die unangenehme Fragen stellen oder über Fakten berichten, die Trump nicht behagen, „Feinde des Volkes“ und „Lügner“. Wer nicht vom Golf von Amerika statt dem Golf von Mexiko schreibt, verliert – wie die Agentur AP – die Akkreditierung für das Weiße Haus, als würde es sich beim Regierungssitz des US-Präsidenten um sein Privathaus handeln, in dem ihn nur geladene Gäste mit genehmen Meinungen besuchen dürfen.

Es gab in der Geschichte immer wieder Vorfälle, in denen manche meinten, Journalisten „erziehen“ zu müssen. Vor mehr als 30 Jahren ließ der damalige niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll einen Journalisten dieser Zeitung aus einer Pressekonferenz werfen, weil ihm ein Kommentar nicht gefallen hatte. Und die US-Botschaft in Wien lud einen anderen Journalisten dieser Zeitung von den Feiern zum Unabhängigkeitstag wegen eines kritischen Leitartikels zum damaligen Präsidenten Barack Obama aus. Aber Pröll entschuldigte sich später bei dem Journalisten, und die übereifrige Pressesprecherin der US-Botschaft ist in Pension.

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Jetzt mag man einwenden, dass es bei Verstappen ja „nur“ um Sport und nicht um Weltpolitik geht. Aber das ist ein Trugschluss. Die Formel 1 ist eine globale Plattform mit Vorbildcharakter. Wenn wir akzeptieren, dass hier kritische Stimmen per Handzeichen entfernt werden können, wo ziehen wir die Grenze?

Journalismus ist kein Service für die Prominenz. Journalisten sind nicht dazu da, die PR-Maschinen der Teams zu ölen und dem Ego von Diven zu huldigen. Ihre Aufgabe – ihre Pflicht – ist es, ein Stachel im Fleisch zu sein. Sie müssen unangenehme Fragen stellen zu moralisch fragwürdigen Sponsoren, zu den Menschenrechten in den Austragungsorten, zu teaminternen Intrigen oder auch zum persönlichen Fehlverhalten.

Wenn Verstappens Verhalten keine Konsequenzen hat, dann beginnen auch andere, Journalisten nach Sympathie auszusortieren und freie Medien als ein Hindernis für ihre Selbstinszenierung zu sehen. Das mag jetzt schon bei Schauspielern der Fall sein, die sich Medien aussuchen. Aber dabei geht es um persönliche Porträts, nicht um eine öffentliche Pressekonferenz. Und wenn, wie passiert, der chinesische Autohersteller BYD glaubt, vor einem Interview bestimmte Themen für tabu erklären zu können, dann liegt es schlicht an den Medien, in diesen Fällen auf ein Interview zu verzichten.

Absolute Meinungs- und Pressefreiheit sind das Rückgrat jeder funktionierenden Gesellschaft. Das schließt das Recht ein, Fragen zu stellen und Artikel zu schreiben, die nicht gefallen. Alles andere ist Zensur.

E-Mails an: norbert.rief@diepresse.obfuscationcom

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