Big Brother war gestern – die Maschine ist heute
„Nur die Paranoiden überleben.“ „Es ist keine Paranoia, wenn man tatsächlich verfolgt wird.“ (c) Dialog zwischen Finch und Reese
„Nur die Paranoiden überleben.“ „Es ist keine Paranoia, wenn man tatsächlich verfolgt wird.“ (c) Dialog zwischen Finch und Reese
Person of Interest [Person von besonderem (polizeilichen) Interesse] ist eine schon etwas ältere Serie aus der Ideenschmiede des britischen Drehbuchautors Jonathan Nolan, die in 103 Episoden, verteilt auf 5 Staffeln, die Fiktion der (Beinahe-) Machtergreifung einer Super-KI über den gesamten Globus schildert. Im Februar dieses Jahres nahm Netflix das komplette Paket in sein Streamingangebot auf, wo die Erzählung vom Kampf Mensch gegen Maschine sofort in die Top 3 einstieg. Neugierig geworden, zappte ich rein. Während ich anfangs glaubte, hier was Antiquarisches à la „The Wire“ aufgetischt zu bekommen, wurde ich schnell eines Besseren belehrt: Der Kern der Geschichte ist heute aktueller als damals. Vor allem Zeitgenossen wie ich, die Schübe von Verfolgungswahn kennen und deshalb weder Alexas im Haus dulden, noch GPS-Tracking im Smartphone zulassen, dürften sich in ihrer Paranoia bestätigt fühlen.
Aber, der Reihe nach:
Zwei Männer, eine Maschine und die Frage nach der Zukunft
Wir werden beobachtet. Die Regierung hat dafür ein geheimes System: eine Maschine, die dich ausspioniert, rund um die Uhr, jeden Tag. Ich weiß es, denn ich habe sie gebaut. (c) Intro von Finch vor jeder Episode
Wir werden beobachtet. Die Regierung hat dafür ein geheimes System: eine Maschine, die dich ausspioniert, rund um die Uhr, jeden Tag. Ich weiß es, denn ich habe sie gebaut. (c) Intro von Finch vor jeder Episode
Im Zentrum von Person of Interest steht eine ebenso einfache wie beunruhigende Grundidee: Was wäre, wenn es eine Maschine gäbe, die Verbrechen vorhersagen kann, bevor sie geschehen?
Genau eine solche Maschine hat der zurückgezogen lebende Milliardär und Programmierer Harold Finch (Michael Emerson) nach den Terroranschlägen des 11. September im Auftrag der US-Regierung entwickelt. Das System analysiert Kommunikationsdaten, Kamerabilder, Bewegungsprofile und digitale Spuren und ist dadurch in der Lage, potenzielle Gewalttaten zu erkennen, bevor sie stattfinden. Doch die Regierung interessiert sich nur für terroristische Bedrohungen. Alle anderen Fälle – gewöhnliche Morde, Entführungen, Gewaltverbrechen – werden als „irrelevant“ aussortiert und verschwinden im Datenrauschen.
Finch kann das nicht akzeptieren.
Also beschließt er, die Maschine heimlich weiter zu nutzen. Da er selbst weder kämpfen noch Menschen beschatten kann, engagiert er John Reese (Jim Caviezel), einen ehemaligen CIA-Agenten, der nach einer gescheiterten Mission als verschollen gilt und in New York ein Leben am Rand der Gesellschaft führt. Reese wird zum operativen Arm des Projekts: Er beschattet Verdächtige, schützt potenzielle Opfer und greift ein, sobald die Situation eskaliert.
Das Problem dabei: Die Maschine liefert nur eine Sozialversicherungsnummer. Keine Erklärung, keine Begründung, keine moralische Einordnung. Die betreffende Person kann Opfer oder Täter sein – oder beides zugleich.
Jede neue Nummer stellt daher ein moralisches Dilemma dar.
Im Verlauf der Handlung geraten Finch und Reese zunehmend in ein Netzwerk aus Polizei, Geheimdiensten und kriminellen Banden, das weit über einzelne Verbrechen hinausreicht. Unterstützung erhalten sie von den NYPD-Mordermittlern Lionel Fusco (Kevin Chapman) und Joss Carter (Taraji P. Henson), die sich ebenfalls mit den ungewöhnlichen Fällen beschäftigen, die sich in ihrem Zuständigkeitsbereich häufen.
Parallel dazu wird nach und nach deutlich, dass die staatlichen Stellen alles daransetzen, sämtliche nicht authorisierten Nutzer zu eliminieren. Die Gruppe wird nun um die vormalige Bundesagentin Sameen Shaw (Sarah Shahi) und die Hackerin Samantha Groves/alias: Root (Amy Acker) ergänzt.
Als eine zweite Superintelligenz namens Samaritan auf den Markt kommt, die aufgrund ihrer ungezügelten Überwachungsalgorithmen Finch’s „moralischer“ Maschine den Rang abläuft, spitzt sich die ohnehin schwieirige Situation des kleinen Teams immer mehr zu: Carter stirbt bei einem Einsatz im Kugelhagel, Shaw wird entführt und verschwindet spurlos. Können die vier Übriggebliebenen die Welt vor der Machergreifung durch Samaritan retten? Kann die stark geschwächte Maschine sie bei ihrem nahezu aussichtlosen Kampf unterstützen? Mehr soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.
Die Zukunft als Gegenwart
Bis hierhin könnte Person of Interest als solide konstruierte Crime-Serie mit Science-Fiction-Elementen beschrieben werden. Ein technisches Gedankenspiel, das mit der Idee einer allwissenden Maschine spielt und daraus eine Mischung aus Ermittlungsformat und Verschwörungserzählung entwickelt. Nichts, was das Fernsehen nicht schon öfter versucht hätte.
Der Unterschied liegt jedoch im Zeitpunkt.
Denn wenn man die Serie heute sieht, fällt es schwer, sie noch als bloße Fiktion zu betrachten. Zu viele der Grundannahmen, auf denen die Handlung basiert, sind inzwischen Teil unserer Realität geworden. Kameras im öffentlichen Raum, digitale Bewegungsprofile, Kommunikationsüberwachung, algorithmische Auswertung von Daten, automatisierte Risikoanalysen – all das wirkt nicht mehr wie eine spekulative Zukunftsvision, sondern wie eine nüchterne Beschreibung der Gegenwart. Der Gedanke, dass irgendwo im Hintergrund Systeme existieren, die unser Verhalten analysieren und darauf aufbauend Prognosen erstellen, erscheint nicht mehr abwegig, sondern fast selbstverständlich.
Und genau an diesem Punkt beginnt die Serie, unangenehm zu werden.
Denn sie erzählt ihre Geschichte nicht aus der Perspektive spektakulärer Technologie, sondern aus dem Blickwinkel von Menschen, die versuchen, mit........
