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Kultur : Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag: Wolfram Weimer beugt sich rechter Stimmungsmache
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer lässt Buchhandlungen vom Verfassungsschutz prüfen und greift damit in Juryentscheidungen ein. Für Jörg Sundermeier, Verleger des Berliner Verbrecher Verlags, ist das ein gefährlicher Tabubruch
Foto: Sean Gallup/Staff/Getty Images
Im Februar dieses Jahres wurde verkündet, welche Buchläden auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse mit dem Deutschen Buchhandlungspreis 2025 ausgezeichnet werden. Sie haben richtig gelesen: In diesem Jahr wird der Buchhandlungspreis des letzten Jahres verliehen. Das ist unschön, kann aber passieren. Jemand kann krank gewesen sein, das Ministerium oder der Staatsminister waren vielleicht überlastet; derartige Gründe gibt es immer.
Dass das Renommee des Buchhandlungspreises im zehnten Jahr seines Bestehens jedoch beschädigt ist, liegt nicht an der späten Verkündung der Nominierten. Nein, am Dienstagabend ist durch einen Bericht der Süddeutschen Zeitung bekannt geworden, dass Staatsminister Wolfram Weimer und sein Team die von der Jury nominierten Buchhandlungen vom Verfassungsschutz haben überprüfen lassen.
Statt der von der Jury vorgeschlagenen Liste verkündete das Haus des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, das ist der offizielle Titel Weimers, dann im Februar eine Liste, auf der sich lediglich 115 Buchhandlungen fanden. Drei Buchhandlungen – der Buchladen zur schwankenden Weltkugel (Berlin), The Golden Shop (Bremen) und Rote Straße (Göttingen) wurden von der Liste gestrichen.
Worin besteht eigentlich der Extremismus der drei Buchläden?
Gegenüber dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels erklärte ein Sprecher Weimers, man folge „in der Regel den Juryentscheidungen und respektiert diese als Ausdruck demokratischer Meinungsvielfalt im Rahmen der gesetzlichen Grenzen und verfassungsmäßigen Ordnung. Überprüfungen der Juryentscheidungen und etwaige Abweichungen hiervon erfolgen nur in besonderen Einzelfällen.“
In diesem Jahr habe man jedoch entschieden, „dem Juryvotum in Einzelfällen nicht zu folgen. Die Entscheidung entspricht der politischen Linie der Bundesregierung, Extremismus in jeder Form entschlossen und konsequent zu begegnen“. Gleichzeitig betonte das Amt, dass man davon ausgehe, dass der Verfassungsschutz „die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit bei seinen Überprüfungen achtet“.
Worin der Extremismus der drei Buchläden besteht, ist den Betreiber*innen, die erst durch die Recherche der Süddeutschen Zeitung erfuhren, dass sie von der Nominiertenliste gestrichen worden sind, völlig unklar. Die Redakteure vermuteten Palästina-Solidarität als möglichen Grund, doch die drei Buchhandlungen sind eher für ihre Kritik des Antisemitismus bekannt. Allerdings kann man in jeder von ihnen Werbung für Veranstaltungen von Antifaschist*innen finden.
Gerade die Angst vor „der“ Antifa hat in Deutschland zuletzt bizarre Züge angenommen. So sind etwa der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes immer wieder von Banken die Konten gekündigt worden, libertäre und konservative Politiker*innen sehen in der Antifa extremistische Kräfte am Werk. Dass die AfD jeden Antifaschismus verdammt, versteht sich von selbst.
Will Wolfram Weimer den Rechten alles recht machen?
Dass auch der Verfassungsschutz den Antifaschismus verdächtigt, ist falsch, hat aber leider Tradition. Dass der Kulturstaatsminister wiederum den Vorschlägen dieses Amtes folgt, ist bestürzend. Und das nicht nur, weil etwa der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags bereits 2020 verfassungsrechtliche Bedenken anmeldete und vor möglichen Einschüchterungseffekten warnte. Nein, es geht hier auch um Staatsferne, die umgangen wird, wenn die Entscheidung einer kompetenten Fachjury jederzeit vom Amt kassiert werden kann.
Bereits beim Deutschen Verlagspreis, der 2025 verliehen wurde, verlangten rechte Medien die Denominierung einiger linker Verlage, die AfD thematisierte dies später sogar im Bundestag. Auch da wurde die Jury angegriffen, Wolfram Weimer allerdings stellte sich hinter ihre Entscheidung. Hat ihn die Kritik dennoch getroffen und wollte er jetzt den Rechten alles recht machen?
Der AfD wird das nicht reichen. Ihre publizistischen Hilfstruppen forderten bereits bei Verkündung der 115 Buchhandlungen, viele weitere zu streichen. Es geht ihnen dabei nicht um einen Angriff auf die Linke, sie wollen die liberale Demokratie abschaffen, die gerade auch in Buchhandlungen immer wieder verteidigt wird. Der Kulturstaatsminister sollte wissen, auf welcher Seite er steht.
Jörg Sundermeier wurde 1970 in Gütersloh geboren. Er lebt in Berlin. Er betreibt mit Kristine Listau den Verbrecher Verlag (den er 1995 mit Werner Labisch gegründet hat) und ist Autor für diverse Zeitungen und Magazine. Sundermeier war 2015 bis 2021 Vorstand der Kurt-Wolff-Stiftung und 2014 bis 2024 Mitglied im Vorstand des Börsenvereins, Landesverband Berlin Brandenburg. Er ist Gründungsmitglied des PEN Berlin, dessen Board er 2022 bis 2024 angehörte
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