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Sachlich richtig | Die fünf Must-Read-Sachbücher des Frühlings: Versuchslabor der Moderne

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So schaffen Sie es easy durch die 1.000 Seiten von Sven Beckerts Kapitalismus-Geschichte

Unser Autor hat sich für den Februar durch eine Vielzahl von Sachbüchern gelesen und empfiehlt Ihnen die fünf wichtigsten. Lassen Sie sich von den 1000 Seiten keinesfalls abschrecken: Ein Buch ist besonders packend geschrieben!

Know Your Enemy: Um den Kapitalismus zu verstehen, müssen Sie diese fünf Bücher kennen

Harvard-Professor Sven Beckert erzählt, welch alter Hut der Kapitalismus in Wahrheit ist. Dabei begegnen wir schon bei Balzac Vorläufern der Klickökonomie. Fünf Lektionen über den Kapitalismus, die in Büchern aus drei Jahrhunderten stecken

Sie wollen auf der Party mitreden? Über diese Bücher können Sie diskutieren!

Das ist typisch: Auf der Party will man über dieses eine spannende Buch reden, das man mal gelesen hat – aber welches war es nochmal? Wir erinnern an einige Bücher, die man mindestens zweimal lesen sollte

Kultur : Die fünf Must-Read-Sachbücher des Frühlings: Versuchslabor der Moderne

Diese fünf Werke führen durchs Versuchslabor der Moderne: oben kybernetische Superintelligenz, unten rechte Subkulturen, dazwischen verflossene DDR-Verlage, Boulevard-Sadismus und ein Knigge für naturfromme Wanderer

1. Anspruchsvoll, aber lohnend: „Kybernetik und Kritik“

Kybernetik war seit den 1950ern das große Versprechen zur Lösung aller Probleme durch friktionsfreie Abläufe – in Technik, Wirtschaft, Politik bis hin zum Seelenleben. Ausgehend von den Kybernetikprojektionen und -projekten der Jüngstzeit – etwa von Elon Musks Phrase, seine Plattform X sei eine „kybernetische Superintelligenz“, von autoritär-libertären Ideologien der Ideologielosigkeit bis hin zum überwachungstechnischen chinesischen Sozialkreditsystem – untersucht Anna-Verena Nosthoff die Genealogie einer geradezu Pan-Kybernetisierung, im Wechselspiel von einschlägigen Theorien und ihrer Kritik.

Unter der Perspektive des von Foucault initiierten Gouvernementalismus-Paradigmas verfolgt sie den Weg von den 1950ern, als die „Universalwissenschaft“ Kybernetik das Individuum nicht mehr kantisch als potenziell autonomes, sondern als selbstkonditionierendes Adaptionswesen zu sehen begann – begleitet von Kritikern wie Hans Jonas oder Günther Anders. Dann schildert sie die Ausdehnung auf die Gesellschaft in den 1960ern, auf zum Beispiel eine Politik aus Umfragerückkopplungen und Wirtschaftssteuerungen, hin zur Diffusion und Zerfaserung und kybernetischen Selbstkritik in den 70ern.

Weiter verfolgt sie den Weg zur Kybernetisierung der Öffentlichkeit (etwa „Computerdemokratie“), zur Fusion von Informations- und Finanzökonomie bis zu den Gegenwartsphänomenen wie den eingangs gelisteten. Das ist terminologisch anspruchsvoll, aber im Close Reading der jeweiligen Positionen lohnt es sehr, weil es das, was derzeit sorgenvoll eher divergent diskutiert wird, zusammendenken lässt, ohne Widersprüche dabei zu glätten.

Vor allem in der DDR war Kybernetik seit 1960 geradewegs eine Heilslehre. Seit der Pionierarbeit des Philosophen Georg Klaus schossen steuerungswissenschaftliche Bücher „wie Pilze aus dem Boden“ (J. Segal). Man erhoffte sich die endgültige Beseitigung aller planwirtschaftlichen Mängel und Mucken. Leider fehlte dazu nicht nur die Hardware, obendrein stand die Wetware dem entgegen.

2. Erhellend und verstörend: „Staatsfeinde“

Real waren Staatsgewalt und individuelle Gewaltausbrüche. Letzteren widmet sich Stefan Wellgraf mit Staatsfeinde. Ausgehend von seiner teilnehmenden Beobachtung der Hooliganszene des 1. FC Union Berlin stellt er die handelsüblichen Erklärungen von Rechten als autoritäre Charaktere und frustrierte Duckmäuser infrage. Denn die Beobachteten und Befragten stammten aus proletarischen Verhältnissen und wirkten, anders als die ehedem regimenahe Klientel des Vereins, eher antiautoritär. Feinde jeglicher Obrigkeit – damals des SED-Staats, heute der in ihren Augen schlappen Bundesrepublik.

Ein durchaus positives Verhältnis zu den Vätern, starke familiale Bindungen – und gewaltaffine Straßenfestigkeit (analog zur Street-Credibility in den US-Ghettos). Seine Untersuchungen versteht er als eine „Archäologie des Wissens über Rechte“, um zu zeigen, dass sowohl Adornos Theorie des autoritären Charakters als auch psychoanalytisch motivierte Deutungen als generalisierende Erklärungsmodelle entschieden zu einseitig sind. Dazu wiederholt er gern und holt weit aus, geht auf die Spezifik des Alkoholkonsums in der DDR ebenso ein wie auf die Geschichte der FDJ und die Bedeutung von staatlicher Überwachung und Zersetzung. Doch das ist erhellend und eine notwendige historische wie soziale Erweiterung der Perspektiven.

Mit der anschließenden Generalisierung der Beobachtungen an dieser spezifischen Fan-Szene neigt er jedoch zu umgekehrter Vereinseitigung. Und dann wäre schließlich zu bedenken, dass in diesem „proletarischen“ Anti-Autoritarismus der staatlich verordnete Heldenkult von damals abgelöst wird durch den Kult als böse verpönter „Helden“, die verstockten Autoritäten durch Schockautoritäten ersetzt werden.

3. Profund und informativ: „Verschwundene Verlage“

Die Regelwut des Staates, ganz ohne kybernetisches Rückkoppeln, hat das Verlagswesen der DDR nicht nur in den realsozialistischen Prestigeunternehmen kujoniert, sondern massenhaft unwillkommene ausgelöscht. Christoph Links, der wohl profundeste Kenner der Verlagsgeschichte der DDR, hat das Verschwinden von Verlagen in der DDR erforscht und 150 davon porträtiert. Von Anfang an ging es demnach darum, nach sowjetischem Muster unter Kontrolle von Staat und Partei möglichst nur einen Verlag für jeden Themenbereich zu haben.

Das setzte nicht nur die zentrale Bündelung zunächst noch regionaler Staats- und Parteiverlage, sondern vor allem die Reduzierung der um die 90 zunächst in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) lizenzierten privaten Verlage voraus. Als erstes Druckmittel erhielten die Privaten nur 25 Prozent der Papierproduktion. Nach Einführung der beiden Währungen wanderte gleich ein Viertel in den Westen ab. Durch Verweigerung von Neulizenzierungen ab 1951 blieben nur 23 private übrig. Weitere gingen in den Westen, durften nun aber Vermögenswerte wie Verlagsrechte nicht mehr mitnehmen.

Zu Beginn der 60er wurden im nächsten Schritt private zur Fusion mit staatlichen Verlagen gezwungen, so etwa auch der Petermänken-Verlag des kommunistischen Urgesteins Willi Bredel mit dem in Staatseigentum überführten Hinstorff-Verlag. Ein zusätzliches Druckmittel war die Verhinderung, Lizenzen etwa aufgrund von Alter oder Krankheit an Angehörige oder Mitarbeiter zu übertragen.

Die sukzessive Konzentration im Verbund mit klaren Spezialisierungen hatte nicht nur ideologische, sondern auch Gründe wirtschaftlicher Effizienz. Für insbesondere literarische Autoren hatte das eine Kehrseite. Wurde ein Manuskript abgelehnt, hatten sie in der Regel keine Alternativen. Als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes feierte Hermann Kant das freilich als „Abwesenheit eines mörderischen Konkurrenzdruckes. Ein Buch nimmt dem anderen nicht das Licht“. Von ursprünglich um die 200 Verlagen in der SBZ waren am Ende der DDR noch 78 übrig, 90 Prozent nicht in Privatbesitz. Wiederum 95 Prozent von ihnen gingen 1990 in West-Besitz über. Von ihnen existieren heute noch acht.

4. Boulevard-Kritik und eine Serienmörderin: „Ausreden“

Ausreden. Sie hat ausgeredet und sich herausgeredet. Als hätten Bernhard, Jelinek und Kreisler sich zusammengetan – so lesen sich die Monologe der Elfriede Blauensteiner, ihres Zeichens vor 30 Jahren in Wien inhaftierte Mehrfachmörderin. Aufgezeichnet hat sie seinerzeit eine Gerichtspsychiaterin. Veröffentlicht hat sie jetzt Florian Klenk. Mit Einverständnis von Tochter und Enkelinnen. Deren Rückblick und die damaligen Umstände protokolliert Klenk in einem zweiten Teil. Blauensteiner war, so Klenk, „Produkt eines kalten Jahrhunderts.“

Eine gequälte Quälerin. Eine Erbschleicherin, Mörderin, Sadistin. Spielsüchtig, prasssüchtig, quälwütig gegen die eigene Familie wie gegen akquirierte Fremde. Selbst als Kind Opfer von Quälereien unterm Schirm des Nazi-Sadismus. Zweierlei damit zusammenhängend und zugleich außerhalb: Zum einen die widerwärtige Rolle der Boulevardmedien – pacemaker für die asozialen Intermediäre von heute. Zum anderen und vor allem aber das Wunder, dass Tochter und Enkelinnen sich aus dem Sadismus von Mutter und Großmutter wie dem des Boulevards haben befreien können.

5. Behutsam und humorvoll: „Landwissen!“

Nicht nur Waldbader und Wiesenromantiker stapfen gern zur Kur durch Wald und Flur. Die indes leidet dabei, sei’s unter Ahnungslosigkeit, Ignoranz oder Vandalismus. Als der Tourismus gerade wieder Fahrt aufnahm, befand Hans Magnus Enzensberger 1958: „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ Das galt und gilt ausländisch wie heimisch. Folge: aufgeschreckte Kühe, zertrampelte Saat, niedergerissene Zäune, abgerissene Blumen, von Hunden gerissenes Wild – aber im ohrverstöpselten Kopf die Bauern als Naturausbeuter, Förster als Spaßverderber und Jäger als Tiermörder.

Nicola Förg könnte ein vielstrophiges Klagelied singen. Stattdessen liefert sie freundlich und geduldig einen „Knigge“ im Umgang mit der Unterwegsnatur. Der gilt nicht nur für die Berge. Von der Milchwirtschaft über Nutz- und Wildtiere in Wald und Moor und am Ende zur Folklore. Alles behutsam und kundig, humorvoll und in vollem Ernst erklärt und nahegebracht.

Kybernetik und Kritik. Eine Theorie digitaler Regierungskunst Anna-Verena Nosthoff Suhrkamp 2026, 671 S., 28 €

Staatsfeinde. Rechte Subkulturen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren Stefan Wellgraf Ch. Links Verlag 2026, 559 S., 28 €

Verschwundene Verlage. Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte. Mit 150 Firmenporträts Christoph Links Ch. Links Verlag 2026, 496 S., 35 €

Ausreden. Elfriede Blausteiner. Ein Bekenntnis Florian Klenk. Zsolnay 2026, 138 S., 23 €

Landwissen! Der Knigge für alle, die in der Natur unterwegs sind Nicola Förg Malik 2026, 267 S., 20 €

Erhard Schütz war bis zum Jahr 2011 Professor für Neue Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Für den Freitag schreibt er einmal im Monat die Kolumne Sachlich richtig, eine konsequent verknappte, höchst subjektive Auswahl von Sachbüchern, die man unbedingt lesen sollte.

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