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Texter der DDR-Band City: „Wir haben vergeblich für ein ostdeutsches Fernsehen gekämpft“

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Dieser Song provozierte anno 1987 die DDR-Oberen: Der Song „Halb und halb“ durfte nicht im Radio gespielt werden, Bildungsministerin Margot Honecker befand, die Band habe den Boden des Sozialismus verlassen, und Kulturfunktionär Hartmut König verlangte von City-Sänger Toni Krahl, das Lied nicht live zu singen: Der rezitierte es vor Zehntausenden: „Im halben Land und der zerschnittenen Stadt, halbwegs zufrieden mit dem, was man hat.“

Alfred Roesler-Kleint, der Autor des Songtextes, musste sich damals noch unter einem Pseudonym verstecken und kehrte 1990 zum DDR-Fernsehen zurück, wo er zehn Jahre zuvor geschasst worden war: Während seiner Zeit als Chefredakteur wurde der DFF 1991 zum meistgesehenen Sender im Osten. Seinen autobiografisch inspirierten Debütroman hat er nun nach dem City-Hit „Pfefferminzhimmel“ benannt. Auch sein Gedichtband trägt einen City-Titel von ihm: „Wir haben Wind gesät“.

Herr Roesler-Kleint, Sie haben den Begriff „Pfefferminzhimmel“ erfunden. So heißt ein Song auf dem 1987er-Erfolgsalbum „Casablanca“ der Band City, für das Sie fast alle Texte geschrieben haben. Im Song selbst tauchte der Begriff aber gar nicht auf …„Pfefferminzhimmel“ beschreibt einfach die Situation: Eine junge Frau verkauft Süßigkeiten im Kino und träumt sich in ferne Welten. Wir haben versucht, den kitschigsten Refrain der deutschen Sprache zu schreiben: Wo die Palmen sich verneigen, wo die Purpursonne weint, will sie in die Gondel steigen und will ganz woanders sein.

Nun haben Sie, fast 40 Jahre später, auch Ihren Roman „Pfefferminzhimmel“ genannt und ihm eine neue Bedeutung gegeben: Der Romanheld telefoniert mit seiner Ex-Frau in Kanada und stellt sich Nachbarn wie aus der Kaugummiwerbung vor. Auf dem Buchcover macht eine Frau eine große Kaugummiblase.Der Pfefferminzhimmel war so eine Illusion des DDR-Bürgers vom Westen – eine Blase, die schnell wieder platzen kann. Ich finde das Cover schön, es wirkt nicht so schwer. Ich wollte ja eine leichte DDR-Geschichte aus den 80ern erzählen.

Was ist das eigentlich für ein Roman? Im Abspann steht, Figuren und Handlung seien weitgehend fiktiv. Allerdings ist die Story sehr nahe an ihrer Biografie. Wie Sie ist der Held ein geschasster Redakteur des DDR-Fernsehens, dessen Frau nach Kanada ausgereist ist, der über Umwege zum Rocktexter wird und in der Nachwende-Zeit als Chef zum Adlershofer Fernsehen zurückkehrt. Ist das Buch also nicht doch autofiktional?Alles, was auf größerer Bühne passiert, hat sich so zugetragen wie im Buch. In der privaten Handlung habe ich Erinnertes und Erfundenes verwoben: So war ich gar nicht auf dem Weißenseer Konzert, als Toni Krahl „Halb und halb“ nicht sang – dafür rezitierte. Aber ein Abwesender ist nicht so spannend wie ein Augenzeuge. Ich habe mir die Freiheit genommen, die Figuren etwas extremer zu zeichnen, habe angefangen mit einer Hauptfigur, die ziemlich am Boden war, und wollte, dass er sich auf die Hinterbeine stellt.

„Die Leute waren auf eine merkwürdige Art aufmüpfig“

Er fasst seine Lage in der DDR Mitte der 1980er so zusammen: Er fühlt sich zwar beengt und bevormundet, aber nie unfrei. Regeln besaßen den Reiz, sie zu brechen. War das Ihre Haltung?Es gab damals viel mehr Freiraum, als man heute behauptet und damals behauptet hatte. Die Leute waren auf eine merkwürdige Art aufmüpfig. Doch wenn es ums Politische ging, wurden viele kleinlaut, redeten auf Versammlungen gestelztes Zeug. Im Buch schildere ich eine Szene, in der Charlotte, die Partnerin des Helden, im vormilitärischen Lager von anderen Volontärinnen über Nacht eingesperrt wurde, weil sie wegen Charlottes schlampigem Bettenbau Punktabzug bekommen hatten – niemand hatte eine solche Strafe angeordnet. Dazu brauchte man keine Stasi.

Die in Ihrem Buch gar nicht vorkommt – der oppositionelle Aussteiger wird nicht behelligt.Genau – ich wollte mal ein DDR-Buch ohne Stasi schreiben.

Der Romanheld trifft auf eine populäre Rockband, die hier die „Kings vom Prenzlauer Berg“ genannt werden und unschwer als City zu erkennen sind, und beginnt, so wie Sie, Texte für sie zu schreiben. Vorausgegangen war ein abgelehntes TV-Projekt über eine Band. Wie weit waren Sie damals eigentlich gekommen?Bis zu den Drehbüchern, die verfilmt werden konnten. Doch dann entschied der Intendant Heinz Adameck: Rockmusiker sind eine Randgruppe der Gesellschaft – und die möchte er nicht als Serienhelden acht Folgen lang im Abendprogramm sehen.

Dabei waren Bands wie die Puhdys doch im DDR-Fernsehen präsent!Wir hatten ja nicht über eine Band wie die Puhdys geschrieben, sondern über Wald- und Wiesenrocker, die regelmäßig Ärger hatten.

Waren Sie damals eigentlich Fan des ostdeutschen Rock?Die Bands, mit denen ich aufgewachsen bin und die mir wichtig waren, sangen alle auf Englisch.

Ihre ersten City-Texte finden sich 1984 auf dem Album „Feuer im Eis“. Sie schrieben unter dem Pseudonym „Kuno Kleinfelt“. Warum?Weil ich unter meinem Namen nach meinem Rausschmiss beim Fernsehen keine Jobs bekam. Nicht mal als Nachtwächter im Kinderheim.

Für „Feuer im Eis“ konnte ich mich damals nicht erwärmen.Ich find’s auch furchtbar!

Was hatte nicht funktioniert?Damals hatten Toni Krahl und City Demobänder mit Pseudo-Englisch vorgelegt. Darauf haben wir, also meine Frau Scarlett Kleint und ich, Texte geschrieben, die provokant sein sollten. Aber es war zu gewollt. Beim nächsten Mal machten wir es umgekehrt: Wir legten der Band Texte vor.

Warum passte das so viel besser?Wir konnten bei unserer Sprache bleiben, nicht so verschlüsselt, nicht so verbrämt. Unsere Songtexte sollten sofort verstanden werden. Unsere Idee war, eigenes Erleben mit dem Kino zu verbinden. Auf „Casablanca“ kamen wir, weil ich auf dem Flughafen Schönefeld eine Abschiedsszene von meiner Ex-Frau und meinem Sohn erlebt habe. Sie reisten nach Kanada aus, und ich wusste nicht, ob ich sie je wiedersehen würde. Wie Humphrey Bogart, der Ingrid Bergmann nachschaut, wie sie ins Flugzeug steigt.

Toni Krahl hat Ihre Zeilen so überzeugend vorgetragen, dass jeder bisher annahm, das alles stamme aus seinem Leben.Ich bin Toni Krahl unendlich dankbar, dass er sich traut, Sachen vorzutragen, die auf Widerstände stoßen, das gilt bis heute. Aber er bestellt keine Themen bei uns. Manches wird auf ihn umgemünzt. In der Berlin-Hymne „z.B. Susann“ wird aus meinem Sohn seine Tochter Susann. Wir haben entdeckt, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben, sind auch derselbe Jahrgang. Als wir uns kennenlernten, war er mit einer Frau verheiratet, für die ich zu Schulzeiten geschwärmt hatte, die Mutter von Susann.

„Casablanca“ war ein großer Erfolg, auch im Westen. Das Nachfolgealbum „Keine Angst“ ging aber nach der Wende total unter.Ja leider, dabei lagen unsere Texte schon Anfang 1988 komplett vor. Zu DDR-Zeiten wäre „Keine Angst“ ein Hammer geworden – es ist für mich bis heute das Beste und Wichtigste, was wir zusammen mit City gemacht haben! Viele Texte handelten von harten Frauenschicksalen. Aber die Band fand erst im Sommer 1990 Zeit, ins Studio zu gehen.

Passten denn die Texte noch?Fast alle. Nur beim Titelsong haben wir aus „Marx sei Dank“ „Markt sei Dank“ gemacht.

Wie Toni Krahl waren Sie in der Wendezeit politisch sehr aktiv, schrieben einen Text für die Demonstration vom 4. November 1989, den Tobias Langhoff vortrug und der Verfahren gegen Verantwortliche der politischen DDR-Justiz forderte.  Wie kam es dazu?Für ein Projekt für die Defa hatten wir mit Walter Janka gesprochen, der 1957 aus politischen Gründen zu Zuchthaus verurteilt worden war, und es war uns ein Bedürfnis, auf dieser Versammlung die Verantwortung derjenigen anzusprechen, die angebliche „Feinde des Sozialismus“ ins Gefängnis gebracht hatten. Doch die Verurteilten waren ja keine Feinde des Sozialismus, sie wollten ihn besser machen.

„Mancher hat gedroht, dass ich das bereuen werde“

1990 tauchen Sie, wie Ihr Held, wieder im DDR-Fernsehen auf – gleich als Chefredakteur. Wie kamen Sie auf diesen hohen Posten?Ein enger Freund von uns war der Kameramann Michael Albrecht, der damals am Runden Tisch über ein Mediengesetz mitdiskutierte. Anfang 1990 sollte ja noch ein neues Land gebaut werden. Albrecht wurde vom damaligen Intendanten Hans Bentzien ins Fernsehen zurückgeholt und übernahm das erste Programm des DFF. Er war aber so viel auf Tagungen unterwegs, dass er sich nicht ums Programm kümmern konnte, suchte einen Vertrauten, und schlug mich vor. Und weil man sich manchmal im Leben auch was trauen muss, sagte ich zu.

So wurden Sie also Vorgesetzter von Leuten, die Sie zehn Jahre zuvor rausgedrängt hatten? Wie gingen Sie mit denen um?Die Verantwortung für meine frühere Redaktion, das Kulturmagazin, hatte ich von vornherein abgegeben. Viele noch amtierende Chefs saßen so devot vor mir wie früher vor ihren Parteioberen. Ich traf auf Leute wie den Programmdirektor Horst Sauer, den ich als einzigen mit seinem realen Namen im Roman nenne, und der wirklich ein schlimmer Oberzensor war.

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Wie sind Sie den Umbau des Programms angegangen?Einer meiner ersten Schritte war, den Kollegen der Aktuellen Kamera mitzuteilen, dass es ihre Sendung bald nicht mehr geben wird und die Hälfte gehen muss. Wir waren knapp bei Kasse und hatten viel zu viel Personal. Ich habe mit jedem Einzelnen gesprochen, vom Auslandskorrespondenten bis zum Nachrichtensprecher. Das war hart, denn man sah einander in die Augen, und mancher hat gedroht, dass ich das irgendwann bereuen werde. Dann mussten auch noch die beiden DFF-Programme zusammengelegt und Regionalstudios in den neuen Bundesländern aufgebaut werden.

Ich habe im Sommer 1990 als Absolvent beim DFF angefangen und viel Freiheit gespürt: Ich sollte zehnminütige Kalenderblätter produzieren und wir drehten einen dreiviertelstündigen Film, der so abgenommen und gesendet wurde. Wie stark haben Sie das Programm gesteuert?Ich war ja kein Vollblutjournalist, hatte nicht den Ehrgeiz, das Fernsehen neu zu erfinden, und habe mich kaum mal eingemischt. Die neuen Redaktionsleiter waren ja schon im Herbst 1989 von den Mitarbeitern gewählt worden. Ich habe auch dem Rundfunkbeauftragten aus Bayern, Herrn Mühlfenzl, klargemacht, dass er sich nicht ins Programm einzumischen hat. Mir war wichtig, schon das Vorabendprogramm informativ zu gestalten, wir haben eine durchmoderierte Sendung erfunden, das Abendjournal. Das war damals neu, heute macht das jeder. Da tauchten neue Gesichter auf, wie Maybrit Illner oder Raiko Thal.

Warum gelang es nicht, ein ostdeutsches Fernsehprogramm einzuführen, so wie es der Wende-Intendant Hans Bentzien angestrebt hatte?Mit seiner großspurigen Behauptung, aus Adlershof komme künftig das ostdeutsche Fernsehen neben ARD und ZDF, und der SFB sei nur ein Charlottenburger Stadtteilsender, hatte er sich keine Freunde in der Politik gemacht. Der Einigungsvertrag forderte dann, das Fernsehen und Radio der DDR entweder aufzulösen oder zu überführen – Rundfunk wurde Ländersache.

„Die Medienpolitik wurde vom Westen aus gesteuert“

Gab es danach noch Chancen für ein gemeinsames ostdeutsches Fernsehprogramm?Wir haben anderthalb Jahre lang versucht, die Landespolitiker davon zu überzeugen – vergeblich. Es wäre sinnvoll gewesen, die Landesfunkhäuser auszubauen und aus Adlershof ein Gemeinschaftsprogramm zu senden. Der DFF lieferte in dieser Zeit das beliebteste Programm im Osten. Aber die Medienpolitik wurde vom Westen aus gesteuert. Auch im Fernsehen wurden die neuen Führungspositionen mit Westdeutschen besetzt, und die Zuschauer bekamen das Gefühl, dass ARD und ZDF weiter mit einem Blick von außen über sie berichten. Ich denke, wenn es ein gemeinsames Programm gegeben hätte, in dem sich die Ostdeutschen wiedergefunden hätten, wäre politisch und mental im Osten einiges anders gelaufen.

Gab es damals Chancen, wenigstens einen gemeinsamen Sender der Region Berlin-Brandenburg zu etablieren, statt noch einen Minisender wie den ORB zu starten?Auch das wäre wirtschaftlich sinnvoll gewesen, war aber politisch nicht gewollt. Da spielten Eitelkeiten und Machtspielchen eine Rolle. Brandenburg hätte sich von Berlin untergebuttert gefühlt. Der SFB war hochverschuldet, hätte aber das Programm dominiert. Außerdem regierte in Brandenburg die SPD und in Berlin die CDU, und die Intendanten wurden und werden in der Regel parteinah nominiert.

So bezahlten die Gebührenzahler teure Doppelstrukturen.Und der ORB-Intendant Rosenbauer brauchte erstmal einen größeren Dienstwagen. Er konnte ja nicht in einem Opel zu ARD-Sitzungen fahren. Die Tradition, mit leichter Hand Gebührengelder auszugeben, hat sich bis in die Gegenwart erhalten.

Als Chefredakteur des aufgelösten DFF bekamen Sie keine adäquate Stellung beim ORB. Passten Sie wieder nicht ins System?Herr Rosenbauer entschied sich für andere Kandidaten, ich wurde wieder einfacher Redakteur, kam schließlich zum ARD-Vorabendprogramm. Hier habe ich die Serie „Zappek“ mit Uwe Kockisch verantwortet, doch die lief nach zwei Staffeln aus. Dann war ich bald wieder frei.

Sie begannen, zusammen mit Ihrer Frau, wieder Texte für City und Drehbücher fürs Fernsehen zu schreiben. Waren Sie gleich sicher, dass das funktioniert?Sicherheit gibt es für Freiberufler nie. Aber meine Frau Scarlett Kleint hatte eine Anwalts- und eine Hebammenserie erfunden. Die eine floppte, die andere nicht, und es gab weitere Anfragen. Drehbuchschreiben geht ganz gut zu zweit. Manchmal auch zu dritt. Mit Kollegen kreierten wir TV-Dramen, zum Beispiel eins mit Dieter Pfaff: Fünf Verrückte gründen im Irrenhaus eine Rockband. So etwas macht Spaß.

„Es gibt nichts, was uns hindert, besser zu sein“

Ich habe in der Berliner Zeitung einige Filme von Ihnen und Ihrer Frau rezensiert: „12 heißt: Ich liebe Dich“ fand ich 2007 mutig: Eine DDR-Dissidentin verliebt sich in ihren Stasi-Vernehmer. „Wolfswinkel“ wirkte 2023 auf mich didaktisch: In einem Brandenburger Dorf muss eine Polizistin zwischen linken und rechten Aktivistinnen vermitteln. Nehmen Sie mir den Verriss übel?Nein, Ihre Kritik können wir unterschreiben. „Wolfswinkel“ war auch uns zu plakativ, wir hätten es gern subtiler gehabt. Trotzdem war er der erfolgreichste Film auf diesem Sendeplatz. „12 heißt: Ich liebe Dich“ wurde massiv angefeindet – wir halten es für eine unserer wichtigsten Arbeiten.

Sie haben auch weiter für City getextet. Neben ihrem Roman „Pfefferminzhimmel“ haben Sie einen Gedichtband „Wir haben Wind gesät“ mit Ihren Rocktexten veröffentlicht, darunter viele unvertonte. Nach welchen Kriterien haben Sie ausgewählt?Sie müssen mir heute noch gefallen! Ich hab mich nie als Dichter gefühlt. Die Gedichte sind eigentlich Gebrauchstexte, wie Drehbücher. Für mich sind die schönsten Momente, wenn ich eine MP3-Datei von Toni Krahl bekomme, in der er einen Text von mir singt, noch ganz roh, nur mit einer Gitarre, und ihn aufblühen lässt.

Das Titelstück „Wir haben Wind gesät“ kippt mittendrin: Die Menschen könnten sich so viel besser, solidarischer verhalten – doch sie tun es nicht. Ist diese gedrehte Perspektive typisch für Sie?Es gibt zum Schluss noch einen weiteren Kipppunkt – und der ist eigentlich der wichtigste: Es gibt tatsächlich nichts, was uns hindert, besser zu sein!

Können Rocktexte heute noch so provozieren wie zu DDR-Zeiten?Toni hat sich auf seinem aktuellen Solo-Album einen Text ausgesucht, in dem es um eine versuchte Vergewaltigung geht und ein Mann sich Jahrzehnte später seine Scham eingestehen muss. So etwas auf der Bühne zu singen, ist immer noch gewagt – und kein Stoff für Hitparaden.

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„Halb und halb“ provozierte damals Kritik, weil Toni Krahl vom halben Land und der zerschnittenen Stadt sang. Zugleich ging es darum, dass die Hälfte des Lebens vorbei sei.Ich war damals 36 und die durchschnittliche Lebenserwartung des ostdeutschen Mannes lag bei 72. Ich habe dann meinen 73. Geburtstag tatsächlich groß gefeiert. Jedes weitere Jahr ist Zugabe. Ich blicke zufrieden zurück: Meine Eltern hatten mich mit einem großen Bücherregal für die Literatur begeistert. Sie waren in meinem Geburtsort, einem westfälischen Dorf, als Atheisten Außenseiter. Dann „verschleppte“ mich mein Vater nach Ostberlin in die DDR – und ich wurde auch hier nicht zum Gläubigen, sondern blieb Heilslehren gegenüber skeptisch.

Nun treten Sie selbst auf die Bühne, lesen aus dem Roman und lassen sich begleiten. Eine ganz neue Situation für Sie?Immerhin habe ich in der Schulband bei „Sätisfäktschen“ das Tamburin gespielt. Außerdem bin ich nicht allein. Mal wird Toni Krahl dabei sein. Mal Tobias Burger. Er wird die Texte ganz anders singen als City.

Bei einigen Auftritten begleitet Sie der Songwriter Michael Friedmann, den die Leser auch als Romanfigur erkennen. Denn mit ihm ging Ihre Ex-Frau samt Sohn damals nach Kanada! Und ausgerechnet diesen Mann holen Sie auf die Bühne?Wir sind beste Freunde geworden. Soll ja vorkommen unter Männern.

Der Roman „Pfefferminzhimmel“ ist im Verlag Am Park erschienen, der Gedichtband „Wir haben Wind gesät“ im Klak Verlag.Termine: Fr, 24. April, 19 Uhr, Kulturkirche St. Jacobi, Stralsund mit Tobias Burger; Mo, 27. April, 20 Uhr, Pfefferberg-Theater, Berlin-Prenzlauer Berg: Buchpremiere mit Toni Krahl; So, 17. Mai, 20 Uhr, Theater Ost, Berlin-Adlershof mit Toni Krahl


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