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Mia Rade, 21: „Unsere Generation begreift, dass das Leben nicht nur aus Arbeit besteht“

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03.04.2026

Mia Rade: „Ich wollte schon immer mit meiner besten Freundin zusammen zum Studium nach Berlin ziehen. Seit August wohne ich hier, und dann habe ich den Studienplatz in Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der FU nicht bekommen. Deswegen mache ich Praktika, um Punkte zu sammeln, dann komme ich auf jeden Fall rein. Aber ich bin trotzdem richtig happy, hierhergezogen zu sein, aus meinem Dorf in der Nähe von Ulm in Baden-Württemberg. Berlin ist mega vielfältig.

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Aber es gibt hier auch Zustände, die ich nicht von da kenne, wo ich herkomme. Kürzlich war ich in einem Haus, dessen Haustür kaputt ist, und da wohnen jetzt im Treppenhaus viele Obdachlose und Drogenabhängige. Das war schon heftig.

Ich möchte später journalistisch arbeiten, das war schon immer in meinem Kopf, auch wenn ich gar nicht sagen kann, warum. Es wird bestimmt nicht leicht. Schon mit den Praktika war es total schwer. Aber ich gebe den Traum nicht auf, denn es gibt nichts, was ich genauso gern machen würde, und ich glaube auch, dass das klappt, nur, dass es nicht super easy ist.

Ich habe schon oft gehört, dass bei Bewerbungen nach den Follower-Zahlen bei Social Media gefragt wird, aber das ist doch krank. Man studiert jahrelang, kennt sich wirklich aus, und dann wird jemand nur genommen, weil er viele Follower hat. Ich möchte eine Stelle bekommen, weil ich es kann.

Immer weniger Menschen müssen die Rentner tragen

Für unsere Generation wird es im Alter, in der Rente, richtig schwer, glaube ich. Immer weniger Menschen müssen die Rentner tragen, denn ich glaube nicht, dass in naher Zukunft ein Geburtenboom kommt. Wir werden sehr lang arbeiten müssen, bis Anfang oder Mitte 70, kann ich mir vorstellen.

Ich selber möchte schon Kinder, auch wenn ich diejenigen verstehen kann, die in diese Welt keine Kinder setzen möchten, weil man immer schlechtere Zukunftsaussichten hat. Aber ich finde, man muss sich die Welt selber schönmachen und kann jetzt nicht einfach aufgeben. Es wird schon irgendwie laufen, auch wenn man mitbekommt, dass Leute lange Arbeit suchen, obwohl sie total qualifiziert sind.

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In der Schulzeit habe ich bei Rewe an der Kasse gearbeitet und in einem Restaurant gekellnert. Ich habe auch mal in so einem Erdbeerhaus Erdbeeren verkauft. Das war der beste Job, den ich je hatte. Man sitzt in einer Erdbeere, die Leute kommen und kaufen, das war so entspannt.

Unsere Generation ist nicht faul, sondern sie begreift, dass das Leben nicht nur aus Arbeit besteht. Ich finde das genau richtig. Wenn das vom Geld her möglich ist, arbeite ich auf jeden Fall lieber Teilzeit und habe mehr Zeit. Ich möchte nicht unbedingt Karriere machen und viel Geld verdienen, ich möchte einfach einen Job, der mir Spaß macht und mit dem ich mir ein normales Leben finanzieren kann.

Niemand sollte lernen müssen, wie man auf Leute schießt

Das Thema Wehrpflicht ist bei mir und meinen Freunden nicht so wichtig, wir sind aus dem Alter raus. Aber ich finde nicht, dass jemand verpflichtet sein sollte, zu lernen, wie man auf andere Leute schießt, wie man Krieg macht. Und die Leute, die dann wirklich im Krieg sind, sind ja nicht diejenigen, die die Entscheidungen treffen und die Kriege auslösen. Aber ein verpflichtendes soziales Jahr fände ich nicht schlecht.

Das Thema Wohnen ist bei uns ein Dauerthema. Mindestens eine Person in der Freundesgruppe ist immer gerade verzweifelt auf der Suche nach einer Wohnung, meist sind es mehrere. Einer macht gerade Couchhopping, weil er einen Monat überbrücken muss. Auch wir wohnen nur zur Untermiete und müssen bald wieder auf Suche gehen. Es ist extrem schwer, und an einem Punkt nimmt man halt das, was man bekommen kann, auch wenn es einem nicht gefällt.

Langfristig würde ich gern in einem Haus mit Garten wohnen, etwas Eigenes, in dem ich mich richtig wohlfühle. Aber das wird schwer. Alles wird immer teurer. Vielleicht müsste man eine Reichensteuer einführen, denn ich finde es nicht okay, dass manche fünf Villen haben und andere in kleinen Wohnungen sitzen.“


© Berliner Zeitung