Till Lindemanns Bühnenangst: Warum Rammstein wirklich so viel Feuerwerk bei Konzerten zünden
Als Rammstein im Frühling 1994 ihren ersten Auftritt spielten, sollen bloß rund 15 Leute im Publikum gewesen sein. Sogar, was das Datum angeht, gibt es unterschiedliche Angaben. War es der 24. März? Oder doch der 14. April? Jedenfalls war es in Leipzig und ungefähr zur Buchmessen-Zeit. Darin sind sich die Quellen einig.
Und zwar in der Kultureinrichtung naTo in der Südvorstadt, Karl-Liebknecht-Straße 46. Rammstein spielten als Vorband der Golden Acker Rhythm Kings, der Band des Bruders vom Rammstein-Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz. Diese Combo hatte englische Lieder wie „Like A Virgin“ in „Wie ein Würstchen“ umgedichtet.
Lindemann: „Den Zuschauern fiel die Kinnlade runter“
„Es gab keinen Ort, wo wir weniger hingepasst hätten“, so Flake viele Jahre später, 2011 im Interview mit dem Musikmagazin Rolling Stone. Damals sei die Band sogar noch böser gewesen als heute: „Wir standen ganz stumpf auf der Bühne, haben unser Zeug gespielt, keiner hat gelacht oder sich bewegt.“ Das müsse ziemlich bedrohlich gewirkt haben. „Den Zuschauern fiel die Kinnlade runter.“
Er habe „selten so entgeisterte Menschen gesehen“, sagt Rammstein-Sänger Till Lindemann dann auch in eben jenem Interview. Doch das Spannendste kommt erst danach: „Er habe sich auf der Bühne nicht wohlgefühlt. Ich trug eine Sonnenbrille, weil ich die Blicke nicht ertragen konnte. Ich hatte Bühnenangst und dachte, was mache ich hier überhaupt?“
Zum Hintergrund muss man wissen: Lindemann war das Frontmann-Image keineswegs in die Wiege gelegt. Vormals war er Schlagzeuger und konnte sich im Hintergrund halten, beschäftigt mit den Drumsticks. „Jetzt stand ich da vorne, und alle glotzten mich an. Das war mir unangenehm, und ich wollte das irgendwie kompensieren.“
So also kam das Feuer zu Rammstein. Los ging es offenbar mit zwei Fontänen, die Lindemann von einem Kumpel geborgt bekam. „Später haben wir zusätzlich Benzin in den Saal gegossen, das wir mit den Fontänen entzündeten, sodass der ganze Boden brannte.“ Klingt gefährlich? Ja, aber keine Sorge: Lindemann hat sich sogar eigens zum Pyrotechniker ausbilden lassen, hat den Schein dafür in drei Monaten gemacht.
„Das Berliner Rammstein-Feuer wäre in Italien illegal“
Doch mit den Jahren wurde alles immer größer mit der Rammstein-Feuer-Show. Und auch professioneller. Rammstein-Shows sind nicht bloß Konzerte - sondern gigantomanische Live-Action-Spektakel. Besonders in Deutschland. „Das Feuerwerk in Berlin ist einfach viel krasser“, sagte der Berliner Zeitung 2023 im Olympiastadion ein Rammstein-Fan namens Francesca. „So was wäre in Italien illegal.“ Folglich reiste sie mit ihrer Freundin eigens von Bergamo nach Berlin.
Natürlich könnte man all das auch kritisieren, sogar als Fan: Lenkt all das Feuer zu viel von den Instrumenten und den Texten ab? Kommt das Publikum denn noch in erster Linie für die Lieder? Oder für den Pyro-Exzess? Die Band sei in dieser Frage gespalten, gibt Lindemann in besagtem RS-Interview zu. „Für einige ist es zu viel Zirkus, die würden lieber die Musik mehr wirken lassen. Dann gibt es Leute wie mich, die sehr auf diese Showelemente setzen, auf dieses Gefunkel und Geglitzer, die Action und das Feuer.“
Und Auch Flake sieht es offensichtlich ähnlich: Als Zuschauer fände er „dieses ganze Brimborium“ auch gut. „Bei anderen Bands muss man schon ein sehr fanatischer Fan sein, wenn man sich zwei Stunden damit zufriedengibt, mitzuerleben, wie ein paar Typen in Jeans und Hemdchen ihr Programm runterspielen.“
Jeans und Hemdchen gibt's bei Rammstein also nicht. Man könnte sagen: Die Band ist Feuer und Flamme. Rammstein-Songs wie „Feuer Frei!“, „Sonne“ (beide 2001) oder „Benzin“ (2005) spielen mit dem Feuer und der Faszination drum herum: Es ist zugleich hypnotisch, mächtig, wärmend, potentiell zerstörerisch.
Feuerbringer: Sind Rammstein der neue Prometheus?
Den Menschen das Feuer geschenkt hat laut dem Mythos (quasi der Popkultur der Antike) kein Geringerer als der Titan Prometheus. Das Feuer ist dort quasi das verbotene Werkzeug der Macht - eigentlich vom Ober-Gott Zeus aus nicht für Menschenhand bestimmt. Doch der tollkühne Prometheus zerstört eigenmächtig die gottgegebene Ordnung.
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Auch Rammstein arbeiten mit einer solchen Symbolik. Ihr Feuer auf der Bühne ist mehr als Pyrotechnik: Es ist ein Bild für die Energie des Tabubruchs, für die Lust daran, mit brandgefährlichen Ideen zu spielen. Wie Prometheus holen sie etwas aus der Sphäre des Verbotenen mitten in die Arena. Nicht umsonst heißt der Bereich ganz vorne an der Rammstein-Bühne sogar im offiziellen Ticketverkauf: Feuerzone. Dass das alles mal als Ablenkung von Bühnenangst begann, bevor es fest zum visuellen Markenkern wurde - wer hätte das gedacht, angesichts der feuerstrotzenden Shows, die nun nach so ziemlich allem eher als nach Lampenfieber aussehen?
