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18 Stunden kalter BER-Boden statt Kreuzfahrt: Familie bleibt auf 6000 Euro sitzen

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18.02.2026

Es sollte eine erholsame Familienkreuzfahrt werden – einmal quer durch die Kanaren, angefangen auf Teneriffa. Martin Hussel und seine Frau planten die Reise über ein Jahr lang, gemeinsam mit den drei Kindern, drei, zehn und 14 Jahre alt. Das paradiesische Ziel haben sie jedoch nie erreicht. Statt Sommer, Sonne, Strand blühten der fünfköpfigen Familie aus Usedom ein kalter Flughafenboden und jetzt auch Stornokosten im mittleren vierstelligen Bereich.

Der Usedomer Martin Hussel erzählt der Berliner Zeitung von seiner Erfahrung. In seiner Stimme schwingen Enttäuschung und Ratlosigkeit mit: „Wir kommen von der Insel Usedom und sind extra am Tag zuvor, dem 5. Februar, um 22 Uhr losgefahren, um auch pünktlich zum Check-in um 4 Uhr morgens da zu sein.“ Am Berliner Flughafen angekommen sei Hussel verwundert gewesen über die vielen liegenden und schlafenden Passagiere. Die Toiletten am Flughafen seien außerdem in einem unzumutbaren Zustand gewesen. Als seien sie schon seit längerer Zeit in Benutzung – länger als gewöhnlich.

Diese Reise endet am BER

„Wir sind nach dem Check-in sogar bis in den Sicherheitsbereich gekommen, wo wir dann auf den Flug gewartet haben“, so der dreifache Vater. Um 5.20 Uhr hätte die Maschine abheben sollen, um 5 Uhr sei die Familie vorfreudig in den Transferbus gestiegen. Dann kam das große Warten: „Eine Dreiviertelstunde lang im Bus“, erzählt Hussel. Der Bus fuhr nicht los, stattdessen die Durchsage: „Steigen Sie bitte wieder aus.“ Der Flug wurde wegen Blitzeis storniert.

Die Familie wartete dennoch mit den restlichen Reisenden weiter auf einen Ersatzflug. Von der zuständigen Airline Sundair habe man die Info bekommen, dass es um 12 Uhr Updates geben werde, wie es für die Reisenden nun weitergehe. Darauf habe man vergeblich gewartet, sagt der Familienvater enttäuscht. Der Reiseanbieter Tui habe von alledem nichts gewusst. Ab 12 Uhr war auch bei Sundair niemand mehr erreichbar. Kurz nach 16 Uhr dann die Info über die Schalttafel am BER: Der Flug wurde gestrichen, man solle seine Koffer bitte wieder abholen. Das Gleiche sei auch auf der Website des Airports zu lesen gewesen. „Bei Tui hat sich keiner so richtig gekümmert“, sagt Hussel in enttäuschter Tonlage.

80 Euro für Getränke am Airport

Hussels dreijähriger Sohn habe ab einem bestimmten Punkt die Contenance verloren und nur noch geschrien. Auch seiner „Großen“, der 14-jährigen Tochter, ging das Ganze gegen den Strich, genauso wie der mittleren zehnjährigen Tochter. „So viel Zeit am Flughafen als fünfköpfige Familie zu verbringen, geht ins Geld“, weiß Hussel nun aus eigener Erfahrung. Allein für Getränke habe er 80 Euro ausgeben müssen.

Irgendwann riss dann auch bei Hussels Ehefrau der Geduldsfaden – sie wollte nach Hause. Also nahm die Familie Koffer und Kinder in die Hand, stieg in ihr Auto und fuhr dreieinhalb Stunden lang zurück nach Usedom. Am darauffolgenden Tag um 7 Uhr morgens dann die ernüchternde Nachricht: Der Flieger ist jetzt doch auf dem Weg, allerdings nach Lanzarote, wo das Kreuzfahrtschiff mittlerweile Halt mache.

Urlaub endet in den heimischen vier Wänden

„Im gesamten Prozess wurden wir kein einziges Mal von Tui informiert, sonst wären wir wieder hingefahren“, erzählt Hussel. Hinzu kommt: Von den gesamten Reisekosten bekommt die Familie fünf Prozent zurück. Das sind 295,25 Euro. Insgesamt hat der Urlaub die Familie rund 5905 Euro gekostet. Nun will die Familie gerichtlich vorgehen; laut Rechtsauskunft soll es gut für die Familie aussehen, so Hussel.

Was die Familie nun statt der Kreuzfahrt gemacht hat? „Wir haben die Zeit zu Hause verbracht“, sagt der Vater. Seine scharfe Kritik richtet sich auch an den BER und wie die Situation dort gehandhabt wurde: „Der Infoschalter war eine Schlange wie zu DDR-Zeiten, als es Bananen gab“, erzählt er. Für ihn, der selbst als Direktor einer großen Ferienanlage in Usedom arbeitet, ist der Kundenumgang unbegreiflich: „Wir gehen mit unseren Gästen ganz anders um“, erzählt er.

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So läuft die Enteisung von Flugzeugen ab

Das Blitzeis, das den BER Anfang Februar lahmlegte: Vor allem bei der Enteisung von Flugzeugen stieß man auf große Herausforderungen. Weil bereits dünne Eisablagerungen die aerodynamischen Eigenschaften beeinträchtigen und den Auftrieb stören können, ist das Thema sicherheitsrelevant.

Deshalb ist bei vielen Winterwetterlagen vorgesehen, dass Flugzeuge vor dem Start zunächst zu bestimmten Stellen (De-Icing-Pads) rollen. Dort werden Tragflächen, Leitwerk und Rumpf mit heißen Wasser-Glykol-Mischungen behandelt, damit Eis entfernt und die Wiedervereisung verhindert wird.

Mit dieser wichtigen Aufgabe hat die Flughafengesellschaft FBB bis 2030 die Firma Wisag beauftragt, der 40 Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Einmannbetrieb ist die Regel. Pro Flugzeug wird jeweils ein Beschäftigter eingesetzt.

Zusätzliche Belastung für den Flughafenbetrieb

Normalerweise dauert eine Enteisung 15 bis 30 Minuten. Doch vom BER wurde berichtet, dass es zum Teil deutlich länger dauerte – was den Betrieb zusätzlich belastete. Experten weisen darauf hin, dass unterschiedliche Enteisungs- und Anti-Icing-Flüssigkeiten zur Verfügung stehen. Es komme darauf an, dass je nach Situation und Erfordernis die richtige Lösung aufgebracht wird, sagen sie. Sie unterscheiden sich auch im Preis, was am BER zuletzt möglicherweise eine Rolle gespielt haben könnte. Enteisungsmittel, wie sie auf skandinavischen Flughäfen bei zentimeterdicken Eisschichten eingesetzt werden, sind kostspieliger als dünnere Lösungen.

Die Wisag lobte ihr Team. In einer Mitarbeiterinformation heißt es, dass die Enteiser am BER unter „extremen äußeren Bedingungen … Präzision, Verantwortungsbewusstsein und Durchhaltevermögen“ gezeigt hätten.


© Berliner Zeitung