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Unangekündigter Besuch von der Gasag: Was Berliner Mieter jetzt wissen müssen

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26.03.2026

Ein unerwartetes Klingeln reißt viele Menschen in der Hauptstadt aus dem Alltag. Wer weder Besuch noch eine Lieferung erwartet, blickt meist skeptisch durch den Türspion. Draußen stehen Personen in Dienstkleidung, in der Hand ein Tablet, um den Hals ein Ausweis. Diese unangekündigten Auftritte an der Wohnungstür verunsichern. Mieter fragen sich, ob hier alles mit rechten Dingen zugeht oder ob Vorsicht geboten ist.

Während weite Teile des Kundenservice in den digitalen Raum abgewandert sind, setzt der Grundversorger Gasag weiterhin auf den Außendienst. Rund 75 Fachberaterinnen und Fachberater ziehen ohne Terminvereinbarung durch die Bezirke von Pankow bis Neukölln.

Offizielles Ziel dieser Besuche ist laut Unternehmen die Beratung zu möglichen Tarifanpassungen. Der Konzern arbeitet dabei mit Vertriebspartnern zusammen, die den Außendienst im Auftrag stellen. Zu einem finalen Vertragsabschluss kommt es nach Angaben der Gasag an der Haustür im Regelfall nicht; ein solcher erfordere einen nachgelagerten Kundenkontakt.

Der Berliner Zeitung erklärt das Unternehmen dazu: „Sollte es doch zu einem Vertragsabschluss gekommen sein, kann der Vertrag innerhalb von zwei Wochen schriftlich widerrufen werden. Beim Vertragsabschluss mit dem Gasag-Direktvertrieb erfolgt zudem im Anschluss immer ein sogenannter Quality Call. Wir rufen binnen 24 Stunden an, um nachzufragen, ob das Auftreten sowie die Beratung zufriedenstellend waren. Während des Gesprächs besteht auch die Möglichkeit, einen Auftrag wieder zu stornieren, falls es sich der Kunde oder die Kundin anders überlegt hat.“

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Juristisches Nachspiel um Tarifspaltung

Dass der Energiemarkt in der Hauptstadt hart umkämpft ist, zeigt ein Blick auf die juristische Ebene. Am 21. März 2025 erklärte das Kammergericht Berlin eine zeitweilige Tarifspaltung der Gasag für unzulässig.

Der Versorger hatte im Zeitraum zwischen Dezember 2021 und April 2022 Neukunden mehr als das Doppelte des Preises für Bestandskunden berechnet – in der Spitze über 18 Cent statt der üblichen rund sieben Cent pro Kilowattstunde. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Gasag hat den Fall zur Prüfung an den Bundesgerichtshof weitergereicht, die Verhandlung in Karlsruhe ist für den 22. September 2026 terminiert. Unabhängig vom Ausgang dieses Verfahrens bewirbt das Unternehmen im Direktvertrieb Tarife mit Preissicherheit.

Kriminalität an der Haustür

Streng zu trennen vom regulären Direktvertrieb ist die Kriminalität an der Wohnungstür. Die Berliner Polizei verzeichnete im Jahr 2025 einen Rückgang der Gesamtkriminalität um 6,7 Prozent auf 502.743 erfasste Straftaten.

Dennoch bleibt der Trickbetrug ein Problem. Täter geben sich beispielsweise als Handwerker aus, täuschen einen Rohrbruch oder ein Wasserproblem vor und suchen anschließend unbemerkt die Räume nach Wertsachen ab. Entsprechende Vorfälle meldeten die Behörden 2025 unter anderem aus Charlottenburg und Mitte. Im Dezember 2025 gab die Polizei dazu eine offizielle Warnung heraus.

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Rechte der Verbraucher

Verbraucherschützer raten an der Wohnungstür grundsätzlich zur Vorsicht. Wer ein Gespräch führt, sollte die Identität des Gegenübers prüfen. Die Gasag hat für Rückfragen zu ihrem Außendienst eine Hotline unter der Nummer 030 / 209 65 38 99 eingerichtet.

Kommt es zu einem Haustürgeschäft, greift das gesetzliche Widerrufsrecht. Verträge können in der Regel innerhalb von 14 Tagen rückgängig gemacht werden. Fehlt eine korrekte Belehrung, verlängert sich diese Frist auf zwölf Monate und 14 Tage. Die Verbraucherzentrale empfiehlt, in entsprechenden Schreiben ausdrücklich den Begriff „Widerruf“ zu verwenden, da eine einfache Kündigung den Vertrag erst zum Ende der Laufzeit beendet.

Besonders ältere Menschen gewähren Fremden aus Höflichkeit oft Einlass. Zudem kann Einsamkeit das Bedürfnis nach Gesprächen verstärken, selbst wenn diese kommerziellen Motiven folgen. Dass ein Klingeln an der Tür jedoch auch völlig ohne Verkaufsdruck oder kriminelle Absichten stattfinden kann, zeigen soziale Initiativen in der Hauptstadt.

Das Programm der Berliner Hausbesuche richtet sich gezielt an Menschen ab 70 Jahren. Dabei informieren vorab angekündigte Lotsen über Hilfsangebote im Kiez, um Isolation entgegenzuwirken. Bei diesen Besuchen wird die Wohnungstür nicht zur Schwelle für Geschäftsabschlüsse, sondern zum Zugang für gesellschaftliche Teilhabe.

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