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Giffey verspricht Boom – doch IBB-Zahlen offenbaren Berlins wahres Problem

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17.04.2026

Die Investitionsbank Berlin präsentiert für das Jahr 2025 beeindruckende Zahlen: Mit Förderzusagen in Höhe von rund 3,1 Milliarden Euro meldet die landeseigene Bank ein sehr starkes Förderergebnis. Angesichts einer kriselnden Gesamtwirtschaft und eines angespannten Immobilienmarktes in der Hauptstadt klingen die verkündeten Erfolge nach einem Befreiungsschlag. Tatsächlich fließen riesige Summen in den sozialen Wohnungsbau, die Schulbauoffensive und die heimische Wirtschaft.

Sozialwohnungen: Bewilligt ist noch lange nicht gebaut

Im Bereich der Immobilien- und Stadtentwicklung verzeichnet die IBB mit 1,9 Milliarden Euro einen historischen Höchststand. Ein wichtiger Baustein in diesem Segment ist die soziale Wohnungsneubauförderung. Für das abgelaufene Jahr 2025 meldet die Bank 5175 bewilligte neue Sozialwohnungen. Daneben flossen aber auch dreistellige Millionenbeträge in die Förderergänzung für die Infrastruktur und die Schulbauoffensive. Für Wohnungssuchende in Berlin, die unter rasant steigenden Mieten leiden, scheinen die Wohnungsbau-Zahlen auf den ersten Blick eine hervorragende Nachricht zu sein.

Der Haken liegt jedoch im Detail der Bankbilanz: Eine reine Bewilligung von Fördergeldern auf dem Papier ist noch lange nicht gleichzusetzen mit bezugsfertigem Wohnraum. Blickt man auf die Langzeitstatistik der IBB seit dem Wiedereinstieg in die Förderung im Jahr 2014, offenbart sich die schwerfällige Berliner Bau-Realität. Zwar wurden seither mehr als 30.000 geförderte Wohnungen bewilligt, bis Ende 2025 war davon jedoch erst gut die Hälfte tatsächlich fertiggestellt. In Zeiten von hohen Baukosten und komplexen Genehmigungsverfahren bleibt abzuwarten, wie schnell die neu bewilligten Millionen echte Linderung auf dem extrem angespannten Markt verschaffen können.

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Giffey warnt vor geopolitischen Risiken

Passend zu dem starken Förderergebnis der IBB zeichnet die Politik ein durchaus optimistisches, aber differenziertes Bild der lokalen Konjunktur. Wie die Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) auf der Pressekonferenz zu den aktuellen Zahlen direkt in der IBB-Zentrale betonte, beweist die Hauptstadt eine hohe Widerstandsfähigkeit. So verzeichnete Berlin im Jahr 2025 ein amtlich bestätigtes Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent. Damit lag die Metropole nicht nur über dem Bundesdurchschnitt, sondern erzielte auch das drittgrößte Wachstum aller Bundesländer. Gestützt auf die Investitionsinitiativen von Bund und Ländern hält die IBB in ihrer Prognose für das laufende Jahr 2026 sogar eine weitere Steigerung auf 1,8 Prozent für möglich.

Doch Giffey ordnete diese positiven Zahlen vor den Journalisten mit einer deutlichen Warnung ein. Die Prognose stehe unter einem geopolitischen Vorbehalt. Die globalen Krisen und unsicheren Lieferketten gehen an der Hauptstadt nicht spurlos vorbei. Insbesondere die Bereiche Verkehr und Transport spüren die internationalen Verwerfungen, was Unternehmen, die mit dem Warentransport zu tun haben, vor spürbare Herausforderungen stellt.

Neues Vokabular für den Berliner Wohlstand

Neben den klassischen Wirtschaftszweigen rückte Giffey auf der Pressekonferenz auch die moderne Finanzwelt in den Fokus. Sie sprach gezielt über die Berliner Fintech-Branche, die sich als starker Wirtschaftsmotor der Stadt positioniert. Bemerkenswert war dabei die Wortwahl der Wirtschaftssenatorin: Sie verwies auf einen erfreulichen Zuwachs der sogenannten Financial Literacy (finanzielle Bildung beziehungsweise Kompetenz) in der Stadt und sprach zudem vom steigenden Digital Wellbeing (digitales Wohlbefinden) der Berliner.

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Zwischen Zukunftsinvestitionen und Liquiditätssicherung

Die Zahlen der klassischen Wirtschaftsförderung erreichten mit knapp 500 Millionen Euro einen beachtlichen Rekord. Auffällig ist dabei, dass vor allem das Darlehensgeschäft maßgeblich zu diesem Aufwuchs beigetragen hat und sich auf über 400 Millionen Euro mehr als verdoppelte.

In einem wirtschaftlich herausfordernden Umfeld lässt diese Entwicklung Raum für Interpretationen. Es ist journalistisch plausibel zu hinterfragen, inwiefern diese massive Kreditaufnahme der Unternehmen ausschließlich ein Zeichen von zukunftsgewandter Investitionsfreude ist. Die Vermutung liegt nahe, dass Kredite in krisenhaften Zeiten von einigen Betrieben auch zur Sicherung der eigenen Liquidität herangezogen werden könnten.

Klimaneutralität und Zukunftstechnologien

Zweifellos setzt die Förderbank auch zukunftsweisende Akzente. Mehr als 350 Millionen Euro flossen in Zukunftstechnologien, vor allem in die Cluster Verkehr und Mobilität sowie Informations- und Kommunikationstechnik. Mit der neuen Abteilung Transition Finance bündelt die IBB zudem Kompetenzen, um die Transformation Berlins zur klimaneutralen Metropole voranzutreiben und grüne Investitionen gezielt zu unterstützen.

Letztlich verdeutlicht der Jahresbericht 2025 besonders eines: Der Standort Berlin profitiert massiv von den Finanzierungsinstrumenten der landeseigenen Förderbank. Ob diese Milliarden jedoch den erhofften nachhaltigen Mehrwert schaffen, wird sich an tatsächlich gebauten Wohnungen und langfristig stabilen Unternehmen messen lassen.


© Berliner Zeitung