Die andere DDR: Was nach Feierabend in der Hauptstadt wirklich geschah
Wenn sich die Dunkelheit über die Hauptstadt der DDR senkte, veränderte die Metropole ihr Gesicht. Der Tag war meist geprägt von Planerfüllung, Kollektiv und offiziellen Parolen. Doch sobald am Berliner Fernsehturm die Lichter angingen, öffneten sich Nischen für private Sehnsüchte und eine andere Lebendigkeit.
Die Fernsehdokumentation „Abends in Ostberlin“ (RBB, Regie: Ulrike Licht und Svenja Weber) fängt jenen Rhythmus der Nacht ein. Der Film montiert Alltag, Erinnerung und seltenes Archivmaterial zu einem anschaulichen Bild dreier Jahrzehnte. Die Regie verzichtet dabei bewusst auf den erklärenden Gestus von oben und zieht das Publikum stattdessen unmittelbar in das Milieu: Ein Pärchen in der S-Bahn wird von einem Reporter gefragt, wo es sich denn kennengelernt habe. „In der Gulaschhütte“, lautet die lachende Antwort.
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Es ist ein starker Auftakt, der sofort Ton, Witz und Atmosphäre setzt. Die Autorinnen verlassen sich ganz auf diese Erinnerungsfetzen. Arbeiter, Technikerinnen, Taxifahrer und Nachtschwärmer berichten mit trockenem, unverstelltem Charme von Nächten zwischen hartem Schichtbetrieb und verrauchten Tanzflächen. Gerade diese beiläufige Erzählweise erzeugt Glaubhaftigkeit und holt die Vergangenheit zurück, ohne sie in nostalgischem Kitsch zu ersticken.
Zwischen letzter S-Bahn und Nachtschicht
Thematisch spannt das Werk einen weiten Bogen. Alles beginnt mit der letzten S-Bahn in den Westen. Der Transit erscheint hier nicht als welthistorische Sensation, sondern als schlichte Routine: „Warum auf den letzten Drücker? – Na ja, weil’s toll war.“ Die Kamera fängt müde Fahrgäste ein, die sich hinter der aufgeschlagenen B.Z. am Abend verbergen, jener Boulevardzeitung, die im stark kontrollierten Ost-Berliner Zeitungsmarkt als Straßenverkaufsblatt eine Sonderrolle einnahm.
Ein harter Schnitt führt aus der Bahn direkt zu den Frauen in der Großwäscherei Rewatex im Stadtteil Spindlersfeld, wo bei Hitze und Maschinenlärm der Takt der Nachtschicht vorgegeben wird. Der Film beleuchtet dabei bewusst die oft vergessenen Randaspekte der Metropole: den zahnärztlichen Notdienst im Krankenhaus Friedrichshain oder Volkspolizisten bei der routinemäßigen Verkehrskontrolle. Gepaart mit Aufnahmen aus dem Palast der Republik oder von lokalen Miss-Wahlen formt sich ein facettenreiches Bild der Alltagsrealität. Der Staat verordnet das Kollektiv, das Individuum sucht sich derweil seine Nischen.
Starke Bilder, knapper Kontext
Historische Querverweise bleiben in dieser Montage stets beiläufig. Der Film vertraut den Zwischentönen der Archivschnipsel und Alltagsstimmen weit mehr, als dass er sie historisch penibel einordnet. Das Publikum muss das Mosaik selbst zusammensetzen. Wer tiefergehende Hintergründe sucht, ist auf eigenes Vorwissen angewiesen.
So verweilt die Kamera etwa kurz am Kino International, als dort der erste Defa-Spielfilm über Homosexualität Premiere feiert. Dass diese Premiere von „Coming Out“ exakt in jener Nacht stattfand, in der sich wenige Kilometer weiter die Grenzen für immer öffneten – am 9. November 1989 –, schwingt nur als unausgesprochene Pointe mit. Die Montage liefert die starken Bilder, den historischen Kontext muss der Zuschauer beisteuern.
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Die Freiheit bis zur Frühschicht
Die Kamera taucht tief in Eckkneipen, an flimmernde DJ-Pulte und in karge Telefonzentralen ein. Im Admiralspalast, dem damaligen Metropol-Theater, dröhnt Rockmusik, während im Souterrain des Palastes der Republik ein blutjunger Schauspielschüler singt. Die Aufnahmen belegen den Erfindungsgeist, mit dem die Menschen in der Planwirtschaft feierten und lebten. Ein Höhepunkt ist der Moment, als Bruce Springsteen auf der Bühne in Weißensee eine Utopie formuliert: Er sei gekommen in der Hoffnung, „dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden“. Die Rock-Hymne über Veränderung wird zum Schlusspunkt der ostdeutschen Nacht.
Die Produktion liefert ein buntes, wenn auch fragmentarisches Porträt. Die große Stärke der Dokumentation liegt in der Fülle persönlicher Eindrücke. „Abends in Ostberlin“ funktioniert hervorragend als emotionaler Erinnerungsatlas. Wer lückenlose Geschichtsschreibung erwartet, verkennt die filmische Methode. Der Film fängt ein Lebensgefühl ein. Er zeigt eine widersprüchliche Metropole, die tagsüber rote Parolen auf Transparente pinselte und nachts in der Gulaschhütte am Alex oder beim Mitternachtsschwimmen im SEZ ihren Puls fand.
Am Ende bleibt das treffende Bild einer Stadt, in der das Gefühl von Freiheit oft exakt so lange währte, bis morgens die Frühschicht am Fließband begann.
