„Hier leben? Auf keinen Fall, Digger“: Warum MontanaBlack gegen Neukölln hetzt
Marcel Eris, im Internet als MontanaBlack bekannt, blickt in die Kamera und fällt sein Urteil. Berlin sei ein großer Haufen, einfach verkorkst und heruntergekommen.
Er steht dabei nicht im heimischen Gaming-Zimmer, sondern auf der Neuköllner Sonnenallee. Ausgerüstet mit Kamera und eskortiert von Zivilpolizisten spaziert er an der Seite des Rappers Ali Bumaye durch das Viertel. Polizeipräsenz sei laut Eris zwingend, um Swatting-Einsätzen vorzubeugen. (Als Swatting bezeichnet man das böswillige Absetzen eines falschen Notrufs mit dem Ziel, einen Polizeieinsatz im Umfeld des Livestreamers vor laufender Kamera auszulösen.) Im Stream erklärt er: „Von Anfang bis Ende werden wir die ganze Zeit von Zivilpolizisten begleitet.“
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Erster Eindruck: Alles dreckig
Bumaye agiert als Gastgeber, präsentiert arabische Supermärkte und betont ein friedliches Zusammenleben. Eris hingegen sucht den Konflikt. Den ersten Eindruck kommentiert er ungeschönt: Alles ziemlich dreckig. Je länger der Spaziergang dauert, desto drastischer wird die Wortwahl.
Die Umgebung wirke auf ihn befremdlich. Es sei erschreckend, dass ein gesamter Stadtteil zu einem Nichtstadtteil gemacht werde, in dem man das Gefühl habe, nicht mehr in Deutschland zu sein. Ein Leben vor Ort schließt er kategorisch aus: „Wenn ich mir vorstelle, ich würde hier leben als Deutscher und mein Kind würde hier groß werden. Auf keinen Fall, Digger.“
Kritik aus der HipHop-Szene
Die Rapszene reagierte prompt auf den „konstruierten Ghetto-Tourismus“. Rapper Fler kritisierte Eris in einem Podcast scharf. Er warf dem Streamer vor, sich einerseits als normaler Gamer inszenieren zu wollen, andererseits aber mit Behörden zusammenzuarbeiten und sich in der Großstadt künstlich aufzuspielen. Laut Fler droht an der Seite von Ali Bumaye in Neukölln ohnehin keine Gefahr.
Die Kritik offenbart einen popkulturellen Konflikt. Während Rapmusik traditionell aus marginalisierten Vierteln stammt und die dortige Härte oft stilisiert, betreten nun wohlhabende Internet-Persönlichkeiten Räume als Touristen. Sie eignen sich die Ästhetik des Straßenlebens an, ohne die Konsequenzen zu tragen. Die Lebensrealität der Anwohner dient als Kulisse für YouTube-Videos mit reißerischen Titeln über Vorurteile und Kriminalität.
Clip-Farming auf dem Rücken der Marginalisierten
Der Livestream von MontanaBlack liefert ein Anschauungsbeispiel für ein Phänomen, das die Aufmerksamkeitsökonomie zunehmend prägt: den Milieutourismus. Und der basiert auf Voyeurismus. Es geht nicht um Dokumentation, sondern um Clip-Farming. Ziel ist es, aus stundenlangen Streams kurze, provokante Szenen zu extrahieren, die auf Plattformen wie TikTok oder Instagram viral gehen.
Armut und soziale Brennpunkte liefern dafür die visuellen Reize. Der Ausflug nach Neukölln reiht sich in einen Trend ein, bei dem privilegierte Akteure in sozioökonomisch schwache Gebiete reisen, um sich selbst zu inszenieren.
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Der Übergang zur politischen Hetze
Wie fließend die Grenze zwischen Unterhaltung und politischer Instrumentalisierung verläuft, zeigt das Beispiel des Reise-Vloggers Kurt Caz. Seine Videos bedienen ebenfalls das Format des Milieutourismus, überschreiten aber die Schwelle zur gezielten Propaganda.
In einem Video über das Frankfurter Bahnhofsviertel, das er als Zombielandia bezeichnete, filmte er offenes Elend und Drogenkonsum. Caz nutzt selektive Aufnahmen, um rassistische Narrative zu bedienen.
Nach einem Gespräch mit einer Schwarzen Person fragte er zynisch in die Kamera, ob es sich um einen Ingenieur oder Arzt handele. Die Aufnahmen aus dem Bahnhofsviertel dienen ihm als Beweismaterial, um die Migrationspolitik zu delegitimieren und rechtsextreme Dogwhistles zu verbreiten.
Wenn Influencer soziale Brennpunkte als Kulissen missbrauchen, werden Anwohner zu wehrlosen Statisten degradiert. Was folgt daraus für den städtischen Raum? Es stellt sich die drängende Frage, wie Zivilgesellschaft einer digitalen Ökonomie begegnen will, die Profit aus der Herabwürdigung realer Lebenswelten schlägt.
