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Orbán gegen Selenskyj: Ungarns Wahlkampf eskaliert im Ukraine-Streit

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12.03.2026

Auf den Tag genau einen Monat vor den Parlamentswahlen in Ungarn eskaliert der Wahlkampf im EU- und Nato-Land völlig. In einer emotionalen Videobotschaft an seine Familie warnt Ministerpräsident Viktor Orbán vor angeblichen Drohungen aus der Ukraine.

„Ich bin mir sicher, ihr werdet in den Nachrichten sehen, dass die Ukrainer nicht nur mich, sondern auch euch bedroht haben“, sagte Orbán mit gebrochener Stimme, fast schon weinend. „Wir müssen das ernst nehmen, dürfen aber keine Angst haben.“ Die Spannungen zwischen den Regierungen in Budapest und Kiew hatten einen neuen Höhepunkt erreicht, nachdem der pensionierte ukrainische Politiker und ehemalige Geheimdienstler Hrihoriy Omelchenko angedeutet hatte, dass Orbán „gejagt“ werden könnte, sollte er seine antiukrainische Haltung nicht ändern.

Streit wegen Druschba-Pipeline

Die ukrainische Regierung von Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor mit drastischen Worten auf Ungarns Blockade von EU-Hilfen reagiert. Selenskyj sagte vor etwa einer Woche: „Wir werden die Adresse dieser Person an unsere Streitkräfte weitergeben, damit sie in ihrer eigenen Sprache mit ihm sprechen können.“ Selbst europäische Partner drängten Selenskyj daraufhin, die Rhetorik zu mäßigen. Die EU-Kommission rief „alle“ dazu auf, „sich zu beruhigen“. Orbán und seine Gefolgsleute waren völlig außer sich.

Hungarian PM Viktor Orbán claims:The Ukrainians are already threatening my family, my children, and my grandchildren. Everyone is fine, but there are limits to everything! pic.twitter.com/qBoMOtADrp— Clash Report (@clashreport) March 11, 2026

Hungarian PM Viktor Orbán claims:The Ukrainians are already threatening my family, my children, and my grandchildren. Everyone is fine, but there are limits to everything! pic.twitter.com/qBoMOtADrp

Der aktuelle Konflikt dreht sich vor allem um die Druschba-Ölpipeline, über die russisches Öl nach Ungarn fließt. Nach einem russischen Drohnenangriff im Januar auf das ukrainische Brody-Ölfeld ist die Pipeline beschädigt, so ukrainische Stellen. Kiew rechnet mit einer Reparaturzeit von mindestens sechs Wochen, während Orbán und seine Minister behaupten, die Pipeline sei funktionsfähig. Die Ungarn werfen der Ukraine vor, Reparaturen absichtlich zu verzögern, um Orbáns Wiederwahl zu gefährden.

In einem beispiellosen Vorfall wurden Anfang März zwei gepanzerte Fahrzeuge der ukrainischen Oschadbank samt Bargeld und Gold im Wert von mehreren Millionen Euro von der ungarischen Anti-Terror-Polizei beschlagnahmt. Die sieben begleitenden Ukrainer wurden über 24 Stunden ohne Zugang zu Anwälten festgehalten, bevor sie aus dem Land ausgewiesen wurden. Kiew sprach von „staatlichem Terrorismus“ und einer gezielten Einschüchterung.

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Orbán nutzt solche Vorfälle aktiv für den Wahlkampf, der jetzt in die heiße Phase geht. Der Fidesz-Chef inszeniert sich als „Friedenskandidat“, der Ungarn aus dem Krieg heraushält, während sein Herausforderer Péter Magyar von der oppositionellen konservativen Tisza-Partei angeblich das Land auf den Weg in den Ukraine-Konflikt bringen würde.

Diesen Vorwurf weist Magyar entschieden zurück. In Umfragen liegt Orbáns Partei, je nach Institut, zwischen acht und zehn Prozentpunkten hinter Magyars Tisza. Allerdings könnte Orbáns Anti-Ukraine-Strategie noch Wähler mobilisieren, die Angst vor Krieg und Destabilisierung haben. Bis zur Wahl in dem geostrategisch wichtigen Land bleibt die Lage hoch explosiv.


© Berliner Zeitung