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Iran-Krieg legt Luftraum lahm: Südkaukasus wird zur neuen Drehscheibe

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01.03.2026

Nach den israelischen und amerikanischen Luftangriffen auf Ziele im Iran hat sich der zivile Luftverkehr zwischen Europa und Asien binnen Stunden deutlich verlagert. Ein viel beachteter Beitrag auf der Plattform X zeigt eine Flightradar24-Karte mit einer auffälligen Ballung von Flugbewegungen über Georgien, Armenien und Aserbaidschan. Zeitgleich ist der Luftraum über Iran, Irak, Syrien und Israel nahezu leer.

Chaos im Flugverkehr: Südkaukasus als Ersatzkorridor

Hintergrund sind umfassende Luftraumsperrungen infolge der Eskalation im Iran. Israels Verteidigungsminister Israel Katz hatte am Morgen von „Präventivschlägen“ gesprochen. Kurz darauf bestätigte US-Präsident Donald Trump einen groß angelegten Militäreinsatz gegen iranische Ziele. Teheran reagierte mit Gegenangriffen. Mehrere Staaten in der Region, darunter Iran, Irak und Israel sowie mehrere Golfstaaten, schlossen daraufhin ihren Luftraum ganz oder teilweise. Zahlreiche Flüge aller internationalen Airlines wurden entweder gestrichen oder umgeleitet; einige Flieger kehrten auch einfach wieder zu ihrem Abflugflughafen zurück.

Next time someone asks about how important South Caucasus is, just show them this photo pic.twitter.com/m1ip4APMxI— Bakhti Nishanov (@b_nishanov) February 28, 2026

Next time someone asks about how important South Caucasus is, just show them this photo pic.twitter.com/m1ip4APMxI

Die unmittelbare Folge des Flug-Chaos in der Region ist eine sich nun abzeichnende Verschiebung der Hauptverkehrsachsen im interkontinentalen Luftverkehr. Verbindungen von Westeuropa nach Indien, Südostasien oder China und Japan nutzen üblicherweise Routen über die Türkei und den Iran oder über den Golf. Fällt dieser Flugkorridor aus, weichen Airlines nach Norden aus. Maschinen fliegen über das Schwarze Meer in den Südkaukasus, passieren den georgischen, armenischen und aserbaidschanischen Luftraum und setzen ihre Route über das Kaspische Meer in Richtung Zentralasien fort.

Die auf der Karte sichtbare Konzentration von Flugzeugen über dem Südkaukasus verdeutlicht diese Umleitung. Für Tiflis, Jerewan und Baku bedeutet dies kurzfristig ein deutlich erhöhtes Verkehrsaufkommen. Überfluggebühren, Koordination der Flugsicherung und militärische Luftraumüberwachung gewinnen in einer solchen Situation zusätzlich an Bedeutung.

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Der internationale Flughafen von Dubai, einer der größten Drehkreuze der Welt, musste am Samstag den gesamten Flugverkehr einstellen. Nach eigenen Angaben hatte der Airport im vergangenen Jahr einen Rekord von 95,2 Millionen Passagieren verzeichnet. Auf der Website von Dubai Airports hieß es: „Der gesamte Flugbetrieb am Dubai International Airport (DXB) und am Dubai World Central – Al Maktoum International Airport (DWC) ist bis auf Weiteres ausgesetzt.“ Twitter-Meldungen bestätigen die unbefristete Schließung. Damit ist aber nicht nur der regionale Verkehr betroffen. Der Stillstand trifft eines der zentralen Drehkreuze zwischen Asien, Europa, Afrika und dem Nahen Osten und bringt das globale Luftfahrtnetz an einem seiner kritischsten Knotenpunkte praktisch zum Erliegen.

Auch für die Evakuierungspläne sind die Kaukasusländer wichtig. Mehrere Regierungen riefen ihre Staatsbürger nach Beginn der Angriffe dazu auf, den Iran über Landweg Richtung Südkaukasus zu verlassen. Russland empfahl offiziell die Ausreise über die Grenzübergänge nach Aserbaidschan (Astara) oder Armenien (Nurduz/Agarak). Auch andere europäische Länder verwiesen in aktualisierten Reisehinweisen auf nördliche Ausweichrouten, da der reguläre Flugverkehr im Iran fast vollständig eingestellt wurde. Internationale Medien berichteten übereinstimmend, dass sich an den Grenzübergängen in Richtung der Kaukasusstaaten teils längere Warteschlangen bildeten.

Geopolitische Folgen im Südkaukasus

Zugleich rückt die postsowjetische Region auch im geopolitischen Kontext der aktuellen Lage stärker in den Fokus. Aserbaidschan grenzt direkt an Iran und gilt als wichtiger Energie- und Transitstaat zwischen Europa und Asien. Mit schätzungsweise 20 Millionen Menschen stellen Aserbaidschaner die größte ethnische Minderheit im Iran dar, hauptsächlich ansässig im Nordwesten (Regionen Ost-Aserbaidschan, Ardabil, West-Aserbaidschan, Zandschan).

Aserbaidschan unterhält seit Jahren enge sicherheitspolitische Beziehungen zu Israel. Israel zählt zu den wichtigsten Waffenlieferanten Bakus; insbesondere Drohnen- und Präzisionssysteme spielten im Konflikt um Bergkarabach eine zentrale Rolle. Im Gegenzug ist Aserbaidschan ein bedeutender Energielieferant für Israel. Eine solche strategische Partnerschaft wird in Teheran mit Misstrauen betrachtet. Dennoch war Aserbaidschan auch immer wieder Ort für amerikanisch-iranische Treffen auf Arbeitsebene.

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Armenien wiederum befindet sich außenpolitisch in einer Phase der Neuorientierung. Die Regierung in Jerewan sucht verstärkt die Annäherung an westliche Partner und bemüht sich um eine Diversifizierung ihrer Sicherheitsbeziehungen. Das Verhältnis nach Moskau ist deutlich unterkühlt, die Rolle der Vereinigten Staaten gewinnt dafür an Gewicht. Armenien bekommt beispielsweise bald die Trump-Route „Trump Route for International Peace and Prosperity“.

Erst vor wenigen Wochen besuchte zudem US-Vizepräsident JD Vance sowohl Jerewan als auch Baku. Ein durchaus bemerkenswerter diplomatischer Schritt. Es war der erste Besuch eines amerikanischen Vizepräsidenten in den beiden Kaukasus-Hauptstädten. Georgien ist geopolitisch, wenn auch eher auf dem absteigenden Ast, ein ebenso wichtiger Korridor zwischen Schwarzem Meer und Kaspischem Raum. Wenn jetzt also der Nahe Osten für mehrere Tage oder gar Wochen als Luftverkehrsachse ausfällt, wird eben jener Südkaukasus zur wichtigsten strategischen Ausweichroute. Das gilt für die regionalen Player genauso wie für global agierende Unternehmen.


© Berliner Zeitung