Die Stunde der Insider: Wer vom Chaos an den Börsen profitiert
Seit Wochen dominieren widersprüchliche Meldungen die Schlagzeilen aus dem Krieg. Die neueste Wendung; Die USA und der Iran haben am Dienstag Vorschläge hinsichtlich der iranischen Nuklearaktivitäten ausgetauscht. Die USA fordern von Iran eine 20-jährige Aussetzung der Urananreicherung. Die Iraner erklärten in einer formellen Antwort, die am Montag übermittelt wurde, dass sie bis zu fünf Jahre akzeptieren würden. Der amerikanische Präsident Donald Trump hatte noch bis Montag angekündigt, dass dem Iran eine Anreicherung für alle Zeiten verwehrt sein würde. Iran erwägt laut Bloomberg eine kurzfristige Pause der Lieferungen durch die Straße von Hormus, um einer Eskalation vorzubeugen und eine neue Runde von Friedensgesprächen nicht zu gefährden.
Die Spekulationen über neuerliche Gespräche regten den Börsenhandel an. Die Ölpreise fielen, und die Aktienkurse stiegen am Dienstag in Asien und Europa, als Investoren einen möglichen Weg zum Frieden in Betracht zogen. Maßgebliche „Investoren“ dürften jedoch Insider in Washington und Teheran sein, die von den fortlaufend inkonsistenten Ankündigungen Trumps profitieren.
Das Auf und Ab der Märkte führte dazu, dass die Gewinne im ersten Quartal bei drei der größten Banken der Wall Street stiegen, da deren Handelsgeschäfte von den geopolitischen Turbulenzen profitierten. JPMorgan meldete einen Nettogewinn von 16,5 Milliarden US-Dollar und damit das zweitbeste Quartalsergebnis in der Geschichte der Bank. Die Gewinne der Citigroup stiegen im Jahresvergleich um 42 Prozent auf 5,8 Milliarden US-Dollar. Der Gewinn von Wells Fargo stieg um sieben Prozent. BlackRock verzeichnete im ersten Quartal Nettozuflüsse von 130 Milliarden US-Dollar an Kundengeldern, da der Vertrieb von teureren Produkten zu einem Gewinnanstieg von acht Prozent führte. Diese Gebühren werden für spezielle Produkte erhoben, die hohe Wissenskompetenz erfordern: Es geht um Anlagen in privaten Märkten, systematische Fonds und aktiv verwaltete börsengehandelte Fonds. Sie erzielen laut Bloomberg allesamt höhere Gebühren als einfache Indexfonds.
Die Financial Times geht davon aus, dass sich die Börsenrally fortsetzen wird: Amerikanische Unternehmen erwarteten „außergewöhnlich starke“ Gewinne im ersten Quartal. Grund: Der schwache Dollar sowie die Steuer- und Ausgabenpläne der Trump-Regierung sind für die Unternehmen wichtiger als die Folgen des Krieges im Nahen Osten.
Bezüglich der Straße von Hormus, einem Streitpunkt im einwöchigen Waffenstillstand zwischen den beiden Ländern, blieben Fragen zu einer seit einem Tag bestehenden Blockade der amerikanischen Marine bestehen. Daten zeigten, dass mehrere Schiffe die Wasserstraße vor und nach der von den USA gesetzten Frist passiert hatten. Laut Al-Dschasira soll auch ein chinesisches Schiff die Straße ungehindert passiert haben.
Für die meisten Menschen, die geregelten Berufen nachgehen oder solchen, deren Leben bereits aktuell durch Armut beeinträchtigt ist, wird der Krieg allerdings sehr negative Folgen haben. Ein Sprecher von UN-Generalsekretär Antonio Guterres sagte am Dienstag in New York: „Störungen im Seehandel durch die Straße von Hormus haben bereits weit über die unmittelbare Region hinaus direkte Auswirkungen gezeigt und zu einer zunehmenden wirtschaftlichen Instabilität sowie zu Unsicherheiten in vielen Sektoren weltweit geführt.“ Die Unterbrechung der Lieferungen von Düngemitteln verschärfe vor allem die Ernährungsunsicherheit für Millionen schutzbedürftiger Menschen weltweit und trage zu steigenden Lebenshaltungskosten bei.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) beziffert das weltweite Wachstum nach Angaben vom Dienstag nur noch auf 3,1 Prozent, 0,2 Prozentpunkte weniger als im Januar vorhergesagt. Für Deutschland sagt der Währungsfonds sogar nur noch ein Plus von 0,8 Prozent voraus, eine Verschlechterung um 0,3 Prozentpunkte. Das ist bereits das beste Szenario.
„Ohne den Krieg hätten wir das globale Wachstum auf 3,4 Prozent nach oben revidiert“, sagte IWF-Chefökonom Pierre-Olivier Gourinchas der Nachrichtenagentur AFP. Die Korrektur nach unten spiegele „weitgehend die durch den Konflikt verursachten Störungen wider“, heißt es in dem Weltwirtschaftsausblick, der während der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank veröffentlicht wurde.
Dazu zählen massiv gestiegene Preise für Öl, Gas und Düngemittel, Kriegsschäden an der Infrastruktur im Nahen Osten und ein Vertrauensverlust an den Weltmärkten, wie IWF-Chefin Kristalina Georgieva am Donnerstag in einer Rede ausgeführt hatte. Der IWF mache sich „sehr große Sorgen, dass sich daraus eine schwere Energiekrise entwickeln könnte“, sagte Chefökonom Gourinchas.
Sollte der Krieg wiederaufflammen, könnte die Weltwirtschaft deutlich stärker in Mitleidenschaft gezogen werden, warnte der IWF. Sollte es zu „größeren Schäden an der Energieinfrastruktur in der Konfliktregion“ kommen, wären laut IWF sogar nur 2,0 Prozent Wachstum möglich. Die USA und der Iran hatten gedroht, Kraftwerke und andere Energie-Infrastruktur im Nahen Osten anzugreifen. (mit AFP und dpa)
