Leben in halb Ost, halb West: Eine Ostdeutsche zieht Bilanz nach 70 Jahren
Gleichstand Ost und West. Beide sind quitt – jedenfalls rechnerisch in meinem Fall. Fast 35 Jahre hatte ich in der DDR gelebt, als das kleine Land von der Bühne ging; es folgten 35 Jahre – ja, was eigentlich? Sagen wir es so: gesamtdeutsch, mit Umsozialisierung West in der Sonderzone Neue Bundesländer, ausgestattet mit Ost- und Stasibeauftragtem, reise- und konsumtauglichem Westgeld sowie „unserer“ Demokratie? Länger als 35 Jahre lebe ich übrigens mit und in der Berliner Zeitung, 42 mittlerweile, sehr abwechslungsreich und immer spannend.
Die zeitliche Parität fiel mir auf, als ich meinen 70. Geburtstag in den Blick nahm, was leider nicht zu umgehen war. Mein Leben zerfällt – Stand jetzt – in zwei sehr unterschiedliche Hälften. Ich wage einen persönlichen Rückblick, keine knallharte Analyse; ich erlaube mir, einige Härten weichzuzeichnen.
Zunächst schleicht sich die Frage an: Welche Hälfte war die bessere, und zwar aus meiner Sicht, nicht nach dem Urteil westlicher Geschichtsdeuter? Klare Antwort: die erste. Das würden wahrscheinlich die allermeisten Leute über ihre Jugend sagen, das Leben mit frischer Haut, funktionierenden Muskeln und einem Kopf voller schöner Flausen statt schrumpfender Gehirnzellen.
Ja, es war eine gute Kindheit in der DDR. Der Hunger war vorbei, es ging jahrzehntelang aufwärts. Mit Mangel mochten sich andere beschäftigen, ich hatte, was ein Kind zum Glücklichsein braucht: Familie, Freunde, ein warmes Zuhause mit Lieblingsessen. Und mit Freiheiten, von denen Heranwachsende heute wahrscheinlich nicht mal träumen.
Die Freiheiten der jungen Jahre
Nichts machte glücklicher als das stundenlange unbeaufsichtigte Herumstromern am Stadtrand von Bitterfeld. Später, in der Zeit der ersten Lieben, erlebte ich ein hohes Maß an Liberalität – auch in sexuellen Fragen –, für die meine Altersgenossinnen West in den 1970ern auf die Straße gehen mussten. Wer erfuhr diesbezüglich mehr „Diktatursozialisierung“?
Studieren konnte man auch ohne eine müde Mark von den Eltern. Zu meinem Vorteil privilegierte das System Kinder kleiner Leute (und benachteiligte andere). Und wie sich herausstellte, war die polytechnische Bildung der DDR-Schulen absolut konkurrenzfähig – was man über das heutige Bildungsjammertal nicht so einfach sagen kann.
Geht es um die DDR, muss man etwas zum Thema Schnüffelstaat sagen: Es sei schwierig, die DDR ohne die Stasi zu erzählen, ihre Verflochtenheit in der Gesellschaft sei evident, sagte kürzlich Lukas Rietzschel, der Autor des neuen DDR-Romans „Sanditz“, im Interview mit der Berliner Zeitung. Die Geschichte eines Stasi-Petzers lässt der Autor bewusst versanden, eine Rolle als Klischeelieferant gesteht er ihm nicht zu. Eine zutreffende Beschreibung, der ich mich anschließe.
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An der Uni galt die Regel: Überleg dir, wem du was sagst. Wer sich falsch ausdrückte, erlebte – Level 1 – einen Shitstorm (in der FDJ- oder Parteigruppe) und wurde – Level 2 – gecancelt (Rausschmiss). Insofern war ich methodisch gut vorbereitet auf die Zeit des Diffamierens und Drohens in den asozialen Medien. Ich habe früh beschlossen, sie zu meiden: kein Facebook, Twitter/X, Instagram.
Noch einmal zurück in die Mehltauzeit der DDR in den 1980ern. Michail Gorbatschows Glasnost- und Perestroika-Politik machte damals vielen in der DDR Hoffnung, auch mir; wenn Reformen in der Sowjetunion begännen, würden auch die verknöcherten politischen und wirtschaftlichen DDR-Verhältnisse aufbrechen. Das war schon damals eine Illusion. Das ausgereifte Elend am Schluss machte das Kalter-Krieg-Gebilde DDR zur leichten Beute. Was geschah, war Mehrheitswille.
Mir brachten die Jahre 1989/1990 die doppelte Wende: Ich wurde Mutter und Bundesdeutsche. Ein hartes Programm. Mit dem Baby auf dem Arm sah ich vom Balkon aus, wie unten auf dem Leninplatz die Vergangenheit abgebaut wurde, statt über genau diese zu reden – und darüber, wie es weitergehen soll. Abermals flogen Chancen ungenutzt vorbei, zum Beispiel die, über eine Verfassung zu diskutieren, die dem Beitrittsgebiet Respekt hätte zollen können.
Stattdessen zog eine zuvor unbekannte Existenzangst unter die ostdeutschen Dächer. Der Zugriff der Treuhand und die Eigentumsregelung „Rückgabe vor Entschädigung“ warfen das Leben von Millionen ehemaligen DDR-Bürgern über den Haufen.
In meiner Familie in Sachsen-Anhalt wurde einer nach dem anderen in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gekegelt oder direkt in die Arbeitslosigkeit. Manche pendelten jede Woche 700 Kilometer oder landeten vor der Zeit auf der Rentendeponie. Ich kam weitgehend ungeschoren durch die Jahre – wie gar nicht so wenige andere.
Die Freuden der neuen Zeit waren zugegebenermaßen nicht klein: Das Kind gedieh, ich leistete mir für Westgeld zuerst eine Spülmaschine, die hatte es im Land der werktätigen Frau leider nicht gegeben. Neue geistige Welten taten sich auf, vor allem in ungemein spannendenden politischen Büchern.
Für mich wurde Paul Kennedys 1993 erschienenes Werk „In Vorbereitung auf das 21. Jahrhundert“ zur Offenbarung. Der Brite schrieb über Demografie, Umwelt, Robotik, den Aufstieg Indiens und Chinas, die Position der früheren UdSSR, Europas Zukunft und die der USA. Er setzte meine journalistischen Themen für die nächsten Jahre. Ich wollte für mich das Prinzip gelten lassen: Eine eigene Meinung wagen, Verschiedenheit zulassen.
Es begannen Entdeckerzeiten. Die Zeitung hatte Geld für Reisen nach Bangladesch, Somalia, Brasilien. Karriere konnte man mit Nord-Süd-Themen zwar nicht machen, dafür hätte ich mich auf Sachen wie Stasi-Enthüllungen stürzen müssen. Aber Anerkennung für ordentliche Texte zu bekommen – das war möglich.
Auftritt der offiziellen Diffamierer
In jenen Jahren wuchs aber auch die Irritation darüber, wie jetzt andere Leute mein erstes Leben beschrieben. Angefangen hatte es mit jenen missionarischen Feministinnen, die gleich nach der Grenzöffnung in der Redaktion auftauchten und uns Ost-Ladys erklärten, jetzt begänne die Zeit, eine richtige Frau zu werden. Dann definierte ein West-Schlaumeier die Ossis als seelische Krüppel, weil sie als Kinder auf Töpfchen gesetzt und generell durch „Fremdbetreuung“ geschädigt worden waren. Einem Landesminister fiel ein, die Kollektivierung der Landwirtschaft erkläre den vermeintlichen Hang ostdeutscher Frauen zu Babymord. Gesellschaftliche Verrohung niederer Schichten infolge „allgemeiner Proletarisierung“ lautete eine weitere Diagnose.
Ich sollte eine Person mit „nicht gefestigten demokratischen Ansichten“ sein – tendenziell fremdenfeindlich und mit „einer stärkeren Neigung“ zur Wahl rechtsradikaler Parteien. Ein Bundesminister erläuterte in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow mit Blick auf die Kirchenferne der ostdeutschen Mehrheit den direkten Zusammenhang zwischen Fremdenfeindlichkeit und Atheismus.
Solcherlei Schwachsinn bekam man als ehemaliger DDR-Bürger jahrelang zu hören, auch von Edel-Ossis wie Pastor Gauck, Bundespräsident a.D., der den Osten erst „Dunkeldeutschland“ nannte und jetzt dessen Bewohner als „altdeutsch“ schubladisiert.
Überall lauerten Opferzuschreibungen: Unrechtsstaat, Sowjetknechtschaft, Mangelwirtschaft etc. sollten die DDRler verzwergt haben. Aus dem „Ballast“ Ost-Biografie entstand dann die Story vom in „zivilisatorischen“ Sachen ungebildeten, aus Karrierenetzwerken ausgeschlossenen Ossi. Die AfD übernahm das Streicheln der verletzten Seelen im Osten und fand die wirksamen Wahlsprüche dazu: „Vollende die Wende!“ lautet der schwungvollste.
Die wirklich spannende Debatte, die offenbar gerade Schwung bekommt, muss sich allerdings um die Frage drehen, wie ostdeutsche Improvisationskunst und Erfahrungen produktiv werden könnten für die Bewältigung kommender harter Zeiten. Welche Erfahrungen sind das überhaupt? Mir fällt auf, dass junge, in absurden sozialen Spannungen lebende Menschen wissen möchten, wie ein Land funktioniert hat, in dem alle irgendwie gleich reich beziehungsweise arm waren. Da gibt es viel zu berichten.
Aus den Transformationserfahrungen ist zunächst die Lehre zu ziehen: Reformstau macht alles schlimmer. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – dieses gorbatschowsche Diktum möge den Regierenden wie Tinnitus in den Ohren fiepen, bis sie endlich – wer glaubt eigentlich noch daran? – „ins Machen kommen“! Im Osten weiß man nicht nur theoretisch: Wer aus Angst vor Machtverlust Reformen fürchtet, der geht im Chaos eines Zusammenbruchs unter. Stillstand führt in den Untergang. Frage ich heute AfD-affine Bekannte nach den Gründen, so höre ich: „Es kann einfach nicht mehr so weitergehen.“ So klang die DDR 1989.
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Zweite Lehre: Klarer Blick auf falsche Freunde. Ost wie West begreifen gerade, dass ihre jeweiligen Paten nicht mehr die gewohnte Rolle spielen. Im durchaus nicht homogenen Osten ist es höchste Zeit, sich von einem romantisierenden Russlandbild zu verabschieden. Das heutige Russland ist nicht mehr der Befreier von 1945, der große, beschützende Bruder. Das kann man übrigens sagen, ohne einer Russenphobie zu verfallen und die historische Großtat, die Deutschen vom Nationalsozialismus befreit zu haben, kleinzureden. Die Helden bekommen am 8./9. Mai wieder in Treptow ihre Rosen.
Im Westen wiederum ist die Illusion vom transatlantischen Heil am Ende. Kürzlich klagte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas, die USA arbeiteten aktiv an der Zersetzung der EU; ihre Methoden seien die von regelrechten Gegnern. Kalte Machtpolitik regiert in Moskau wie in Washington, und die Brüder und Schwestern aus Ost und West liegen im selben Graben und ziehen die Köpfe ein. Eigentlich eine gute Ausgangslage für einen Neustart in die „innere Einheit“. Ihre neuen Allianzen sollten die Deutschen schlauerweise in der Nachbarschaft suchen und dort, wo man auf Vertragstreue und friedliches Miteinander hält.
Dringende Korrekturen
Da zuvor noch ein paar Brüder-Schwestern-Fragen zu regeln sind, hier ein paar Vorschläge: Bitte endlich die Biografien gegenseitig anerkennen. Dazu gehört auch, das mit der Ost-Betreuung beauftragte Amt abzuschaffen und die Gleichsetzung von DDR und NS-Regime durch die Begriffe „Unrechtsstaat“ und „Zweite deutsche Diktatur“ zu unterlassen.
Dringend wäre zudem das Eingeständnis, dass das Ausmaß des Elitenwechsels Ost verrückt war. Das rein ideologisch oder egoistisch motivierte hunderttausendfache Wegwerfen von Bildung und Kompetenz, Engagement und Lebenserfahrung bewirkte eine Versündigung am ganzen Land.
Mit einem Satz: Der Osten soll in den Stand gesetzt werden, der ihm gebührt. Um den deutsch-deutschen Großmeister Bert Brecht auf diese innerdeutsche Frage anzuwenden: „Und nicht über und nicht unter dem Anderen sollt ihr sein …“
Ich bin echt gespannt auf die nächsten, nun ja, 35 Jahre, und summe Brechts Lied von der Moldau. Er hatte den Versen ursprünglich, 1944, den Titel „Es wechseln die Zeiten“ gegeben: „Am Grunde der Moldau wandern die Steine. / Es liegen drei Kaiser begraben in Prag. / Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“
