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Energiekrise: Was hinter Merz’ Norwegen-Besuch steckt

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Bei der Norwegen-Reise des Bundeskanzlers Friedrich Merz (CDU) geht es um mehr als den Besuch eines Militärmanövers. Jenseits des Polarkreises entscheidet sich nämlich auch die energie- und sicherheitspolitische Zukunft Deutschlands – mit Blick auf die Ölkrise ein wichtiger strategischer Schachzug.

Der eskalierende Krieg im Nahen Osten hat die Verletzlichkeit der globalen Energieversorgung erneut deutlich gemacht. Norwegen ist einer der wichtigsten Rohöllieferanten für die Bundesrepublik, wie das Statistische Bundesamt Anfang der Woche mitteilte. Mit seinen rund 5,6 Millionen Einwohnern ist das vergleichsweise bevölkerungsarme Land reich an Ressourcen – und damit ein zentraler Pfeiler der deutschen Energieversorgung.

16,6 Prozent des Rohöls kommen aus Norwegen

Laut dem Bundesamt stammten bereits im Jahr 2025 rund 16,6 Prozent der gesamten deutschen Rohölimporte aus Norwegen – das entspricht etwa 12,5 Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Aus dem Nahen Osten kamen im selben Zeitraum lediglich 6,1 Prozent. Beim Erdgas ist die Abhängigkeit sogar noch deutlicher: Hier decken norwegische Lieferungen fast 48 Prozent des deutschen Bedarfs.

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„Wir können uns auf Norwegen ohne jede Einschränkung verlassen“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz bei der Pressekonferenz am Freitag mit Ministerpräsident Jonas Gahr Støre. Mit Blick auf die diskutierten Lockerungen für Russland sagte er: „Jetzt Sanktionen zu lockern, aus welchen Gründen auch immer, das halten wir für falsch.“ Begleitet wird der Kanzler vom Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) sowie von der Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt Dorothee Bär (CSU).

Schutz kritischer Infrastruktur

Doch die Mission von Merz hat neben der Energiepolitik auch eine strategische Dimension, die sich über mehrere Ebenen erstreckt.

Ein Schwerpunkt liegt „oben“, im Weltraum: Beim Besuch des Andøya Spaceports, wo das Münchner Start-up Isar Aerospace die Orbitalrakete „Spectrum“ entwickelt, geht es um technologische Souveränität. Eigene Satellitenstarts sollen Europa unabhängiger machen und zugleich die Überwachung kritischer Infrastruktur – etwa von Pipelines oder Seekabeln – aus dem All ermöglichen.

Der militärische Aspekt führt den Kanzler am Freitagnachmittag weiter zum Stützpunkt Bardufoss, rund 1600 Kilometer nördlich von Oslo. Gemeinsam mit Støre und dem kanadischen Premier Mark Carney verschafft sich Merz dort ein Lagebild der Nato-Großübung „Cold Response“. Dabei trainieren rund 1200 deutsche Soldaten gemeinsam mit 25.000 Einsatzkräften aus 14 Ländern im Rahmen der Mission „Arctic Sentry“ („Wächter der Arktis“). Die verstärkte Präsenz soll als Abschreckung gegenüber Russland und China dienen und zugleich Sicherheit sowie Bündnistreue demonstrieren.

Am Wochenende soll es zudem um ein rüstungspolitisches Großprojekt gehen: den möglichen Einstieg Kanadas in die bestehende U-Boot-Kooperation. Dafür wird auch der kanadische Premierminister Mark Carney erwartet. Deutschland und Norwegen arbeiten in diesem Bereich bereits eng in der Produktion zusammen. Ziel einer Erweiterung der Kooperation ist es, sensible Pipelines und Seekabel durch eine stärkere maritime Präsenz und Überwachung besser vor Sabotage zu schützen.

Differenzen im Umgang mit dem Iran-Krieg

Obwohl Deutschland mit Norwegen eng zusammenarbeitet, haben beide Länder unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich des Iran-Krieges. Bundeskanzler Friedrich Merz setzt dabei auf die transatlantische Beziehung und hatte US-Präsident Donald Trump in Washington vergangene Woche als „Freund“ bezeichnet. Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre hingegen kritisierte die jüngsten Angriffe der USA auf den Iran als völkerrechtswidrig.

Dennoch überwiegen zwischen beiden Ländern die gemeinsamen sicherheitspolitischen Interessen. So lässt sich Merz’ Reise als Schachzug lesen, mit dem Deutschland sich auf drei Ebenen zugleich abzusichern versucht. Ganz unten, am Meeresgrund, soll die ausgeweitete U-Boot-Kooperation mit Norwegen und Kanada jene kritische Infrastruktur schützen, an der Europas Energieversorgung hängt. An Land demonstriert die Bundeswehr militärische Präsenz und Bündnistreue. Ganz oben, im All, arbeitet Deutschland an jener technologischen Souveränität, die in geopolitisch angespannten Zeiten längst unabdingbar geworden ist.

Der Besuch an einem der nördlichsten Punkte des Kontinents wirkt damit wie eine politische Antwort auf eine neue Bedrohungslage.


© Berliner Zeitung