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An die Armut in unserer Stadt werde ich mich nie gewöhnen: Wird Berlin irgendwann zur Dystopie?

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17.02.2026

Jeden Tag, wenn ich am Alexanderplatz aussteige, begegne ich einem Mann, dessen Anblick mich fix und fertig macht. Er kniet vor dem Ausgang des Bahnhofs und streckt seine Hände den Vorübereilenden entgegen. Er sieht weder lädiert noch abgerissen aus, er kniet da mit Brille, Mütze und Anorak. Er könnte Lehrer, Angestellter oder sonst was sein, es zerreißt mir das Herz, Menschen in unserem Land so sehen zu müssen.

Wütend auf mich, wütend auf den Bettelnden

Ehrlich gesagt, macht es mich allerdings auch wütend, viermal am Tag angebettelt zu werden. Klar zücke ich den einen oder anderen Euro, aber dieses Dauerelend hat mich zurückhaltender gemacht. Wir alle, die keine Großverdiener sind, ächzen unter den Preisen, verzichten auf dieses oder jenes. Klar haben wir immer noch mehr als diese armen Menschen auf der Straße, aber wird irgendetwas besser, wenn ich viermal am Tag mein Portemonnaie rauskrame?

Erst gestern war da wieder das Dilemma: Als der dünne, alte, kleine Bettler kam, der immer oben an Gleis drei ist, dachte ich erst: Nein, nicht schon wieder! Dann kam ein Reinigungsarbeiter der Bahn, der den armen Alten mit einer Schärfe und Strenge wegführte, dass ich hätte heulen können. Er tat mir leid. So muss es nun auch nicht sein. Wahrscheinlich reagierte der Bahn-Mensch nur seinen eigenen Lebens- oder Berlinfrust an ihm ab.

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Dieses Neinsagen, Vorbeigehen, dieses so tun als sähe man die Armen nicht, das macht mich wütend: Erst auf mich selbst, dann auf den Bettelnden, weil er diese Scham in mir auslöst. Ich bin so nicht, wenn ich könnte, dürften alle haben. Oft denke ich: Jetzt sind wir echt bei diesem Kapitalismus angekommen, der uns Ostdeutschen in der Schule immer vermittelt wurde: düster, menschenverachtend, die Schere zwischen Arm und Reich bis zum Spagat geöffnet. Das war 1989 noch überhaupt nicht so. Da hatte er noch ein gemäßigtes Antlitz. Und wir Ossis haben nicht gezögert.

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Und nun? Wird irgendwann wieder alles gut? Wird irgendwann niemand mehr auf allen vieren durch die S-Bahn robben, zerledert und zerlumpt, und uns seine Hand entgegenstrecken? Mitnichten. Ich selbst glaube, dass erst mal alles noch viel schlimmer kommt. Demokratie-Erosion, Werteverfall und, wie gesagt, diese wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Würde Armut schwinden, wenn es mehr Umverteilung gäbe? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Im Herzen bin ich eine Heidi Reichinnek, aber nur da. Und ohne Audi.


© Berliner Zeitung