Trump und Iran: It’s the Oil, Stupid!
Zwei Wochen Krieg gegen den Iran, und die Rhetorik aus Washington klingt nach Befreiung. Das iranische Volk solle sich erheben, die Regierung stürzen – so verkündet es Donald Trump, so wiederholt es, mit bemerkenswerter Bereitwilligkeit, Bundeskanzler Friedrich Merz. Doch wer die Fakten nebeneinanderlegt – die Luftschläge auf Charg Island, die Militärintervention in Venezuela, die systematische Ausweitung der US-Energieexporte nach Europa –, dem drängt sich ein anderes Bild auf.
Hier geht es nicht um Demokratie. Hier geht es um Öl. Um die Kontrolle über die letzten großen Reserven, die noch nicht unter amerikanischem Einfluss stehen. Und um die Vorbereitung auf einen Konflikt, der größer ist als alles, was der Nahe Osten je gesehen hat: die Konfrontation mit China.
Charg: Der Griff nach Irans ökonomischer Jugularvene
Am 13. März 2026 flogen US-Streitkräfte einen der schwersten Luftangriffe in der Geschichte des Nahen Ostens. Über 90 militärische Ziele auf Charg Island wurden nach Pentagon-Angaben zerstört – Raketenlager, Minenstellungen, Marinestützpunkte. Trump sprach von einer „vollständig ausgelöschten“ Militärinfrastruktur und nannte Charg das „Kronjuwel“ Irans.
Was er nicht zerstörte, war mindestens ebenso aufschlussreich: die Ölterminals. Rund 90 Prozent der iranischen Rohölexporte – etwa 1,5 Millionen Barrel pro Tag – laufen über diese eine kleine Koralleninsel im nördlichen Persischen Golf. Charg ist, wie Fachmedien es formulieren, Irans ökonomische Jugularvene. Trump sagte, er habe die Ölinfrastruktur „aus Anstand“ verschont. Dann fügte er hinzu, er könne die Insel „vielleicht noch ein paar Mal bombardieren, einfach zum Spaß“.
Das ist keine Sprache der Befreiung. Das ist die Sprache des Terrors.
Laut dem US-Journal Axios erwägt Trump, Charg Island mit Bodentruppen zu besetzen – ein Szenario, das ein hochrangiger US-Beamter als „wirtschaftlichen Knockout des Regimes“ beschrieb. Senator Lindsey Graham, einer der einflussreichsten Iran-Falken im Kongress, brachte es auf die Formel: „Wer Charg Island kontrolliert, kontrolliert das Schicksal dieses Krieges.“ Nicht: wer das iranische Volk befreit. Wer Charg kontrolliert.
Die strategische Logik ist brutal einfach. Wer Charg hält, nimmt Teheran die wichtigste Einnahmequelle. Wer Teheran diese Kontrolle nimmt, kontrolliert, ob und zu welchen Bedingungen iranisches Öl je wieder auf den Weltmarkt kommt. Laut JPMorgan könnte bei einer Stilllegung von Charg „bis zur Hälfte der nationalen Förderung“ Irans ausfallen – und der bisher angenommene 20-Tage-Puffer an Speicherkapazität „würde vom ersten Tag an verschwinden“.
Venezuela: Die Blaupause
Wer verstehen will, was Trump im Iran vorhat, muss nach Venezuela schauen. Dort hat Washington die Blaupause für das geschrieben, was man als Energieimperialismus des 21. Jahrhunderts bezeichnen kann – eine Form der Kontrolle, die ohne formalen Besitz auskommt, aber faktisch über Fördermengen, Absatzmärkte, Transportwege und Zahlungsströme bestimmt.
Nach der US-Militärintervention Anfang Januar 2026 und der Gefangennahme von Nicolás Maduro erklärte Trump, die USA würden Venezuelas Ölverkäufe „auf unbestimmte Zeit“ managen. Das war keine leere Ankündigung. Die Mechanismen sind dokumentiert und durch offizielle US-Regierungsdokumente belegt.
Seit März 2025 droht eine Executive Order jedem Land, das venezolanisches Öl kauft, mit 25 Prozent Strafzöllen auf den gesamten US-Handel. Das zwingt Abnehmer wie China und Indien, sich dem US-Kurs zu beugen oder den Zugang zum US-amerikanischen Markt zu riskieren.
Chevron, der letzte große westliche Ölkonzern in Venezuela, darf nur unter eng begrenzten OFAC-Lizenzen operieren. Diese Lizenzen regeln, wohin das Öl exportiert werden darf – nur in die USA –, welche Zahlungen verboten sind – keine Dividenden an PdVSA, keine Steuern an Caracas – und wer überhaupt als Geschäftspartner zugelassen ist. Russland, China, Iran und Kuba sind explizit ausgeschlossen.
Auf der physischen Ebene haben die USA mindestens sechs sanktionierte Tanker mit Venezuela-Bezug beschlagnahmt. Die Nachrichtenagentur AP ordnete dies ausdrücklich in eine „breitere Trump-Strategie“ ein, die „Produktion, Raffination und weltweite Verteilung venezolanischer Ölprodukte kontrollieren“ solle. Per Executive Order vom Januar 2026 werden Einnahmen aus venezolanischen Ölverkäufen in sogenannte Foreign Government Deposit Funds auf US-Treasury-Konten kanalisiert. Washington entscheidet, wer auf dieses Geld zugreifen darf.
Der jüngste Schritt vom 13. März 2026 – am selben Tag, an dem Charg bombardiert wurde – erweiterte den US-Kontrollrahmen sogar auf petrochemische Produkte: Benzin, Asphalt, Petroleumkoks, Düngemittel-Vorprodukte. Die Kontrolle wächst entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Das Ergebnis ist eine Art Protektorat ohne Flagge. Venezuela fördert sein Öl weiterhin auf eigenem Boden. Aber wer es kaufen darf, wohin es fließt, wer es transportiert und wo das Geld landet – das entscheidet Washington.
Energy Dominance: Doktrin, nicht Zufall
Venezuela und Iran sind keine isolierten Fälle. Sie sind Bausteine einer Strategie, die die Trump-Regierung selbst „Energy Dominance“ nennt – und die weit über das hinausgeht, was klassische Energiepolitik je beanspruchte.
Die Doktrin hat drei Säulen. Die erste ist die Maximierung der eigenen Förderung. Trump erklärte einen „nationalen Energienotstand“, beschleunigte Bohrgenehmigungen auf Bundesland, lockerte Umweltauflagen und öffnete nach eigenen Angaben Hunderte Millionen Acres für fossile Förderung. Die USA sind heute der größte Öl- und Gasproduzent der Welt. Das ist die Basis.
Die zweite Säule ist die Verknappung bei Konkurrenten. Durch Sanktionen gegen Russland – gegen Rosneft, gegen Lukoil –, gegen den Iran und gegen Venezuela wird das Angebot konkurrierender Produzenten systematisch vom Weltmarkt gedrängt. Jedes Barrel, das Russland oder Iran nicht verkaufen können, verschiebt Marktanteile in Richtung US-Produzenten. Gleichzeitig kann Washington über Ausnahmen und Lizenzen, sogenannte Waiver, den Hahn taktisch auf- und zudrehen, je nach geopolitischem Bedarf.
Die dritte Säule ist die Bindung von Verbündeten über Energieabhängigkeit. Europa ist das Paradebeispiel. Seit dem Ukraine-Krieg hat die EU russische Gasimporte drastisch reduziert und stattdessen US-LNG bezogen. In einzelnen Monaten lag der US-Anteil an den europäischen LNG-Importen bei über 60 Prozent. Trump nutzte Handelsverhandlungen, um diese Verschiebung zu forcieren: Höhere LNG-Käufe wurden als Voraussetzung für Zollerleichterungen gehandelt. Die EU investierte Hunderte Millionen Euro in LNG-Importterminals. Kritiker warnen, dass Europa damit eine neue Abhängigkeit geschaffen hat, die Trump jederzeit als Druckmittel einsetzen kann.
Die drei Säulen zusammen ergeben kein Marktgeschehen. Sie ergeben ein System kontrollierter Abhängigkeiten, in dem Washington bestimmt, wer fördert, wer liefert, wer kauft – und zu welchem Preis.
Das eigentliche Ziel bleibt China
Warum dieser Aufwand? Die Antwort liegt nicht im Nahen Osten. Sie liegt in Peking.
China ist der mit Abstand größte Importeur iranischen Öls. Iranische Tanker, die durch die Straße von Hormus fahren, liefern fast ausschließlich nach China. Und genau hier wird die strategische Logik hinter Charg sichtbar: Wer Irans Ölexporte kontrolliert, kontrolliert eine zentrale Energiequelle Chinas.
Das gilt auch für Venezuela. Vor den verschärften Sanktionen nahm China laut Reuters rund 503.000 Barrel pro Tag venezolanisches Öl ab, als wichtigster Abnehmer. Trumps Sekundärzölle und Tankerbeschlagnahmungen zielen direkt darauf, diesen Fluss zu kappen. Und es gilt für Russland. Die Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil sollen Moskaus Energieeinnahmen drücken, aber sie sollen auch verhindern, dass russisches Öl zu günstigen Konditionen nach China fließt und Peking einen strategischen Kostenvorteil verschafft.
Trump selbst machte die Verbindung explizit. Er drohte, seinen geplanten Gipfel mit Xi Jinping zu verschieben, falls China sich nicht an der sogenannten Hormuz-Koalition beteilige. Er verlangte von Peking, Kriegsschiffe zur Sicherung der Straße von Hormus zu entsenden – wohl wissend, dass China keinerlei Interesse hat, an einer US-geführten Militäroperation gegen seinen wichtigsten Öllieferanten teilzunehmen.
Die Ironie ist bemerkenswert. Iran bot an, Tanker durch die Straße von Hormus passieren zu lassen – sofern das Öl in chinesischen Yuan statt in US-Dollar gehandelt würde. Das ist nicht nur eine Provokation. Es ist ein Frontalangriff auf die Dollar-Dominanz im Ölhandel, jene Petrodollar-Architektur, die seit den 1970er-Jahren ein Fundament US-Finanzmacht bildet.
In diesem Licht betrachtet ist der Iran-Krieg kein regionaler Konflikt. Er ist ein Stellvertreterkrieg um die Energieversorgung des einzigen Landes, das Washington als systemischen Rivalen betrachtet.
Die bündnispolitische Fehlkalkulation
Doch Trumps Strategie hat einen gravierenden Konstruktionsfehler: Sie funktioniert nur mit Verbündeten. Und die Verbündeten machen nicht mit.
Die Hormuz-Koalition, die Trump am Wochenende des 15. März ausrief, ist bislang eine Koalition der Absagen. Frankreich erklärte, seine Haltung sei „defensiv“ und bleibe es. Japan schloss die Entsendung von Kriegsschiffen aus. Premierministerin Sanae Takaichi sagte vor dem Parlament, man habe „keinerlei Entscheidungen über die Entsendung von Eskortschiffen getroffen“ und prüfe, „was Japan eigenständig und im Rahmen seiner Rechtsordnung tun kann“. Australien sagte Nein. Südkorea „beobachtet“ und „prüft umfassend verschiedene Maßnahmen“. Selbst Großbritannien, traditionell Washingtons verlässlichster Verbündeter, sagte lediglich, man schaue sich „intensiv“ an, was möglich sei – eine diplomatische Formulierung für: noch nicht.
Kein einziges Land hat sich öffentlich zur Teilnahme bekannt.
Stattdessen verhandeln Staaten bilateral mit Teheran. Indien, das 80 Prozent seiner LPG-Importe durch die Straße von Hormus bezieht, hat von Iran eine Ausnahmegenehmigung für seine Tanker erhalten. Irans Botschafter in Neu-Delhi bestätigte, Teheran habe „einigen indischen Schiffen die Durchfahrt durch die Straße von Hormus als seltene Ausnahme von der Blockade gestattet“. Die Türkei handelte die Durchfahrt für ein Schiff aus und wartet auf Freigabe für 14 weitere. Frankreich und Italien sollen Gespräche mit iranischen Vertretern aufgenommen haben. Deutschland zaudert, wie so oft.
Die Botschaft ist eindeutig: Selbst enge Verbündete der USA ziehen es vor, mit dem Feind zu verhandeln, statt sich einer US-geführten Militärkoalition anzuschließen, die sie in einen Krieg hineinziehen könnte, den sie nicht wollen und nicht brauchen.
Irans Außenminister Abbas Araghtschi formulierte die Lage mit kalkulierter Gelassenheit: „Die Straße von Hormus ist offen. Sie ist nur geschlossen für die Tanker und Schiffe, die unseren Feinden gehören, für diejenigen, die uns angreifen, und ihre Verbündeten. Alle anderen können frei passieren.“ Das ist keine Blockade im klassischen Sinn. Es ist selektive Kontrolle – und damit ein Instrument, das Bündnisse spaltet, statt sie zu einen.
Trump reagierte auf die Absagen mit Drohungen. Nato-Staaten, die sich nicht beteiligten, erwarte eine „sehr schlechte Zukunft“, schrieb er auf Truth Social. Das ist die Sprache eines Mannes, der merkt, dass sein Plan nicht aufgeht – und der keine andere Antwort kennt als Eskalation.
Das Regime-Narrativ: Eine Kulisse
Vor diesem Hintergrund wirkt das Narrativ vom Regimesturz wie eine nachträglich aufgeklebte Legitimation. Trump hat es selbst formuliert: Das iranische Volk solle sich erheben und die Islamische Republik stürzen. Bundeskanzler Merz hat diese Linie übernommen.
Doch die eigenen Handlungen der US-Regierung widersprechen diesem Narrativ an jeder Stelle.
Wenn es um das Wohl des iranischen Volkes ginge, warum droht Trump dann, die Ölinfrastruktur zu zerstören, die das wirtschaftliche Rückgrat des Landes bildet? Als Chargs Ölanlagen im Iran-Irak-Krieg der 1980er-Jahre zerstört wurden, dauerte der Wiederaufbau Jahre.
Wenn es um Demokratie ginge, warum wird dann in Venezuela – wo die USA gerade einen Machtwechsel erzwungen haben – die Ölkontrolle nicht an eine demokratische Regierung übergeben, sondern in US-Treasury-Konten kanalisiert?
Wenn es um regionale Stabilität ginge, warum droht Trump dann mit Angriffen, die laut Analysten iranische Vergeltungsschläge auf saudische, emiratische und bahrainische Ölanlagen auslösen könnten – und damit genau jene Golfstaaten treffen würden, die Washington angeblich schützen will? Irans Militär hat ausdrücklich gewarnt, dass Öl- und Energieinfrastruktur von Unternehmen, die mit den USA zusammenarbeiten, „sofort zerstört und in einen Aschehaufen verwandelt“ würde, sollte Chargs Ölinfrastruktur angegriffen werden.
Die Antwort ist: Es geht nicht um Demokratie, nicht um das iranische Volk, nicht um regionale Stabilität. Es geht um Öl. Um die Kontrolle über Förderung, Transport, Vermarktung und Zahlungsströme. Um die systematische Ausschaltung jener Energiequellen, die Chinas Aufstieg befeuern. Und um die Festigung einer amerikanischen Energiehegemonie, die Verbündete zu Abhängigen und Rivalen zu Bittstellern macht.
Europa: Zuschauer seiner eigenen Marginalisierung
Für Europa ist die Lage besonders bitter. Der Kontinent hat sich in den vergangenen Jahren von russischem Gas gelöst – und dafür US-LNG eingekauft, zu höheren Preisen, unter politischem Druck, mit Infrastrukturinvestitionen, die eine Rückkehr erschweren. Nun steigen durch den Iran-Krieg die Ölpreise auf über 100 Dollar pro Barrel. Irans neuer Oberster Führer Mojtaba Khamenei warnt vor 200 US-Dollar.
Europa hat keine eigenen nennenswerten Ölreserven. Es hat keinen Sitz am Tisch, an dem über Krieg und Frieden im Golf entschieden wird. Es hat keine militärische Kapazität, die Straße von Hormus eigenständig zu sichern. Und Deutschland hat einen Bundeskanzler, der Trumps Regime-Change-Narrativ echot, ohne erkennbar eigene Interessen zu formulieren.
Die Staaten, die bilateral mit Iran verhandeln – Indien, Türkei, möglicherweise Frankreich und Italien –, tun das nicht notwendigerweise aus Sympathie für Teheran. Sie tun es, weil sie verstanden haben, dass in einem Konflikt, in dem es um Energiekontrolle geht, nur derjenige Handlungsspielraum hat, der eigene Zugänge zu Energiequellen sichert. Die deustche Bundesregierung hat das offenbar noch nicht verstanden.
Die Risiken der Eskalation
Die größte Gefahr liegt in der Logik der Eskalation selbst. Trump hat die militärische Infrastruktur auf Charg zerstört, aber die Ölinfrastruktur verschont – vorerst. Er hat eine Koalition gefordert, die bislang niemand unterstützt. Er erwägt eine Bodenoperation, die laut Militäranalytikern mindestens 5.000 Soldaten erfordern würde, um die Insel zu nehmen und zu halten.
Selbst eine erfolgreiche Einnahme von Charg wäre laut Fachanalysen nur der Anfang. Iran könnte die Insel dauerhaft unter Raketen- und Drohnenfeuer halten. Die USA wären in eine teure, verwundbare Dauerpräsenz gezwungen – ohne klaren strategischen Endzustand. Es wäre, in den Worten eines US-Beamten gegenüber Axios, ein Szenario mit „großen Risiken“ und „großen möglichen Gewinnen“.
Was bleibt, wenn man die Rhetorik abzieht und die Fakten sprechen lässt, ist das Bild einer Supermacht, die unter dem Banner der Befreiung einen Energiekrieg führt. In Venezuela hat sie die Blaupause geschrieben: Regierung stürzen, Ölströme umleiten, Erlöse kontrollieren, Rivalen ausschließen. Im Iran versucht sie, dasselbe Muster anzuwenden – nur unter ungleich gefährlicheren Bedingungen.
Was in Washington gerade geschieht, hat einen Namen. Es ist kein Kampf für Freiheit. Es ist Energieimperialismus. Und sein Ziel ist nicht Teheran. Sein Ziel ist Peking.
