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Ist die Freundschaft zwischen Europa und den USA am Ende?

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18.01.2026

Thanks for the memory
Of candlelight and wine,
Castles on the Rhine,
The Parthenon,
And moments on the Hudson River line.

Es gibt Momente, in denen man zu spüren beginnt, dass etwas Großes endet, lange bevor man es begreifen kann. Mein Vater, Jahrgang 1934, erzählte von dem Tag, als er zum ersten Mal AFN hörte, den erst drei Jahre zuvor geggründeten amerikanischen Soldatensender, der Jazz und Swing in die Wohnzimmer des zerstörten Deutschlands brachte. Als der Krieg endete, war er zehn Jahre alt, und die Musik klang wie ein Versprechen. Es wird besser werden. Amerika wird uns zeigen, wie.

Diese Zäsur nach dem Ende des Faschismus vollzog sich im Kleinen erneut im Jahr 1957 bei der sogenannten kleinen Wiedervereinigung des Saarlandes mit der Bundesrepublik. Es war ein langer Weg nach Westen, und er war voller Hoffnung, die man erst im Rückblick richtig zu erfassen vermochte.

Mancher, der zur gleichen Zeit im Osten aufwuchs, hörte dieselbe Musik heimlich über Rias Berlin. Was unerwünscht, verfemt war, machte es nur noch süßer. Eine Jeans zu besitzen bedeutete nicht nur, Kleidung zu haben, sondern auch, einen stillen Akt des Widerstands zu begehen und ein Bekenntnis zu einer Welt abzulegen, die bunter sein sollte als das Nachkriegsgrau, das ganz Deutschland ausmachte.

All das ist viele Jahre her. Heute ist der 18. Januar 2026. Ich sitze an diesem grauen Januarmorgen vor meinem Laptop und lese die neue National Security Strategy der Vereinigten Staaten. 33 Seiten, die wie eine Scheidungsurkunde für die transatlantischen Beziehungen wirken. Und ich frage mich: Wann genau hat Amerika aufgehört, unser Freund zu sein?

Man muss verstehen, was transatlantische Beziehungen einmal bedeuteten. Ich meine damit nicht die politische Allianz, nicht die Nato-Verträge, nicht die Stationierung von Truppen. Ich meine das Gefühl. Das Versprechen. Den Traum.

Bei uns im Westen war Amerika überall. James Dean auf der Kinoleinwand, die Lederjacke, das gegelte Haar – die Halbstarken auf ihren Motorrädern ahmten nach, was sie in Filmen sahen. Lucky Strike, Kaugummi, Coca-Cola und Hamburger.

Diese Dinge waren mehr als Konsum, sie waren Symbole einer Modernität, die unser Deutschland aus den Trümmern hob. Der American Way of Life verschmolz mit dem Wirtschaftswunder zu einem einzigen glitzernden Versprechen: Wohlstand, Freiheit, Zukunft.

Im Osten war Amerika das Unerwünschte, die „Monontonie des Yeah, Yeah, Yeah“ – und gerade deshalb so mächtig. Trat Louis Armstrong in der DDR auf – was selten und fast unwirklich war –, dann sahen die Menschen nicht nur einen Jazzmusiker.

Sie sahen das andere Amerika: das Amerika der Bürgerrechtsbewegung, des Friedens und der Hoffnung. Jeans, die man über Westpakete erhielt, wurden wie Reliquien gehütet. Eine Schallplatte mit amerikanischer Musik, die heimlich weitergereicht wurde, konnte ein ganzes Leben prägen.

Im Film „The Big Broadcast of 1938“ sitzen Shirley Ross und Bob Hope auf einem Ozeandampfer und singen „Thanks for the Memory“. Sie sind ein geschiedenes Paar, das sich wiederbegegnet und gemeinsam auf das zurückblickt, was war. Heute fühlt sich Europa wie Shirley Ross an diesem Tisch: Wir singen noch die alten Lieder,........

© Berliner Zeitung