Europa verliert Gas: Immer mehr LNG-Tanker fahren nach Asien
Durch die Iran-Krise wächst der globale Kampf um Flüssigerdgas (LNG). Offenbar kehren immer mehr Tanker Europa den Rücken – und fahren stattdessen nach Asien, weil dort die Preise verlockender sind. Das berichtet die britische Financial Times (FT), die aktuelle Schiffverfolgungsdaten analysiert hat.Bereits vergangene Woche hatte ein LNG-Tanker seinen Kurs von Europa nach Asien geändert, die Berliner Zeitung berichtete. Nun sind offenbar drei weitere Schiffe dem Beispiel gefolgt. Die Sperrung der Straße von Hormus und Katars Produktionsstopp am weltweit größten LNG-Exportkomplex sorgen für große Unruhe bei den Käufern, da LNG in der Regel an den Höchstbietenden geliefert wird. Da Asien stärker von LNG abhängig ist als Europa, sind die LNG-Preise dort noch höher. Für die EU könnte der Kampf um Flüssigerdgas zum Problem für die ohnehin schwierige Befüllung der Gasspeicher werden.
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Vier LNG-Tanker von Europa nach Asien umgeleitet
Flüssigerdgas wird global gehandelt. „Wenn Mengen fehlen, steigen die Preise überall, wo LNG den Preis bestimmt – also auch bei uns“, sagte Jakob Schlandt vom Hamburg-Institut zu n-tv. „Letztlich fahren LNG- und Öltanker immer dorthin, wo es ökonomisch gerade am sinnvollsten ist. Der Höchstbietende gewinnt“, so Schlandt.
Der größte Teil des im Nahen Osten produzierten LNG wird in der Regel durch die Straße von Hormus nach Asien verschifft. Asien ist somit stärker durch die Iran-Krise bedroht als Europa und zahlt entsprechend auch höhere Preise für LNG. Dieses Phänomen zieht offensichtlich immer mehr Tanker von Europa ab. Insgesamt vier Tanker haben laut FT in den letzten Tagen ihren Kurs von Europa nach Asien geändert.
Unter anderem Taiwan, Südkorea und Japan müssten mehr LNG beschaffen, um die fehlenden Lieferungen aus dem Golf auszugleichen, sagte Massimo Di Odoardo, Leiter der Gas- und LNG-Analyse beim Beratungsunternehmen Wood Mackenzie, der FT. 2025 hat Taiwan laut Daten der Citigroup mehr als 30 Prozent seines Gasbedarfs aus Katar gedeckt – bei Südkorea und Japan lag der Anteil bei 15 beziehungsweise fünf Prozent.
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Für größeren Profit: LNG-Verkäufer kündigen Verträge
Zwar wird der überwiegende Teil des LNG im Rahmen von langfristigen Verträgen statt auf dem Spotmarkt verkauft. Doch einige Käufer können den endgültigen Bestimmungsort ihrer Lieferungen ändern, heißt es im FT-Bericht. Einige Verkäufer seien zudem bereit, ihre Verträge zu kündigen, wenn die Preise hoch genug steigen.
Europas Kampf um LNG-Lieferungen mit Asien erinnert an die Situation vor vier Jahren, als Russland nach dem großangelegten Einmarsch in die Ukraine die Erdgaslieferungen per Pipeline nach Europa drastisch reduzierte. Auch damals trieb der Wettbewerb um die verbleibenden Mengen die Gaspreise auf ein Rekordniveau.
Am Montag erreichten die Gaspreise in Europa einen Höchststand von 69,50 Euro pro Megawattstunde. Das ist zwar noch deutlich unter den 342 Euro pro Megawattstunde, die 2022 erreicht wurden. Dennoch sind die Gaspreise aktuell doppelt so hoch wie vor Beginn des Iran-Konflikts.
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Die Iran-Krise und der damit einhergehende LNG-Wettkampf könnten die Befüllung der europäischen Gasspeicher für den nächsten Winter zusätzlich erschweren. Europas Speicher sind derzeit historisch leer. Laut Daten des europäischen Branchenverbands Gas Infrastructure Europe sind sie aktuell nur zu etwa 29 Prozent gefüllt – deutlich unter dem Schnitt der letzten fünf Jahre (rund 45 Prozent).
Seit der Abkehr von russischem Gas ist Europa bei der Befüllung seiner zunehmend auf LNG-Lieferungen angewiesen. Während Flüssigerdgas laut ENTSOG-Daten 2021 noch etwa 19 Prozent der europäischen Gasversorgung ausmachte, ist der Anteil im vergangenen Jahr auf über 43 Prozent gestiegen.
Ein Teil des für die Speicherbefüllung benötigten Gases wird laut Analysten von Kpler über Pipelines aus Norwegen und Algerien geliefert – ebenso wie kleinere Mengen aus Russland. Der größte Teil werde jedoch aus LNG-Lieferungen bestehen, heißt es. Sollte die Sperrung der Straße von Hormus länger als einen Monat anhalten, drohen Europa auch zu Beginn der kommenden Heizsaison niedrige Füllstände in den Gasspeichern, warnte Erisa Pasko, Analystin bei Energy Aspects.Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns gern! briefe@berliner-zeitung.de
