menu_open Columnists
We use cookies to provide some features and experiences in QOSHE

More information  .  Close

Thomas Reschke ist tot, ein großer Vermittler der russischen Literatur

11 0
05.03.2026

Wer seine Bücher zu Hause nach Sprachen oder Regionen sortiert, wird bei der russischen Literatur gleich mehrere Hände voll mit Thomas Reschkes Werken haben. Mindestens 160 Titel hat er aus dem Russischen übersetzt. Dazu gehört alles des genialen Michail Bulgakow, dazu gehören der so einflussreiche Dichter und Romancier Jewgeni Jewtuschenko, das komödiantische Duo Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, der hintersinnig-komische Michail Sostschenko, der so kritische Anatoli Pristwawkin, auch Boris Pasternaks „Doktor Schiwago“. Nun wird nichts Neues mehr dazukommen. Thomas Reschke ist am 3. März in Berlin gestorben.

Thomas Reschke wurde am 4. Juni 1932 in Danzig geboren, im September 1945 kam die Familie auf der Flucht im mecklenburgischen Ludwigslust an. Er studierte Slawistik an der Humboldt-Universität in Berlin und trat daraufhin eine Stelle als Redakteur und Lektor beim Verlag Kultur und Fortschritt an, der einige Jahre später mit dem Verlag Volk und Welt verschmolz.

„Die Russen haben Danzig niedergebrannt, das durfte man in der DDR nicht sagen“

In dieser Funktion entdeckte Reschke Werke für das Publikum in der DDR, überprüfte die Qualität der Übertragungen. Noch während des Studiums – der erste Auftrag war eine Erzählung von Konstantin Paustowski – fing er in seiner Freizeit selbst mit dem Übersetzen an. Und er machte damit weiter, als der Verlag ihn im Zuge der deutschen Vereinigung entließ (die Volk und Welt selbst nicht lange überlebte).

Im Jahr 1987, zu Zeiten von Glasnost und Perestroika, erhielt Reschke den Maxim-Gorki-Preis des Sowjetischen Schriftstellerverbandes. 2000 wurde er im vereinten Deutschland mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt, im Jahr darauf mit dem Übersetzerpreis der Stiftung Kunst und Kultur des Landes Nordrhein-Westfalen. In seiner Laudatio nannte Friedrich Dieckmann ihn damals einen der „bedeutendsten deutschen Übersetzer der Gegenwart“, er lobte seine „Prägnanz der Diktion und die Lebendigkeit der sprachlichen Aneignung“.

Furcht vor Putins Russland

Der Beruf bringt es mit sich, dass Übersetzer meist im Hintergrund bleiben, ihr Name verschwindet hinter dem der Autorin, des Autors. Dabei prägen sie durch ihre Auswahl, der oft ein nachdrücklicher Einsatz bei dem entsprechenden Verlag vorausgeht, den Eindruck einer Literatur bei den Lesern.

Thomas Reschke übersetzte acht Werke von Boris Akunin aus dem Russischen, von einem Autor, dessen Bücher heute in Russland aus den Bibliotheken verschwunden sind. Weil er den Überfall auf die Ukraine verurteilte, gilt er heute als ausländischer Agent. Als wir Thomas Reschke kurz vor seinem 90. Geburtstag für ein Interview in der Berliner Zeitung besuchten, sagte er auf die Frage, warum viele Ostdeutsche sich zurückhaltend zeigen, wenn mehr Härte gegen Putins Russland gefordert wird: „Weil wir die Russen kennen. Diese Zurückhaltung ist nicht Freundschaft. Das ist Furcht.“


© Berliner Zeitung