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Verbrecher ohne Höhenangst: Vom Aufstieg und Fall der ersten Fassadenkletterer Berlins

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06.03.2026

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.

Es war eine hochgradig gefährliche Klettertour, die eine große Körperbeherrschung und noch größeren Mut erforderte: Hausvorsprünge, Spaliere, Pfeiler, Bäume, Regenrinnen und Blitzableiter dienten dem Vorwärtskommen an der Hauswand. Es waren jedoch keine Akrobaten, die der Unterhaltung des Publikums dienten, sondern Verbrecher. Die Fassadenkletterer waren geboren und wollten vor allem eins: Beute machen.

Im Laufe der 1920er-Jahre wurde daraus der gefährlich verniedlichte „Klettermax“ oder auch „Das Gespenst von Berlin“. Die Lage wurde zunehmend unübersichtlicher, weil immer mehr Verbrecher die Häuserwände fluteten. Aber wer war das Original-Klettermäxchen, das von funkelnden Juwelen träumte, die es aber nicht selbst erarbeiten wollte? Ein historischer Pressebericht gibt heute die Antwort: „Die Gebrüder Kaßner waren die ersten, die die Fassadenkletterei in größtem Stil betrieben.“

Oktober 1918. Während in Berlin Wilhelm II. nur kurz vor seiner Abdankung steht, die am 9. November 1918 bekannt gegeben werden wird, klettert Paul Kaßner eines Abends an der Fassade des Eden-Hotels hoch und verschafft sich durch ein offenes Fenster Zugang zu einem der Zimmer. Pech für ihn, dass er dabei von einem Rechtsanwalt überrascht wird, der den Eindringling kurzerhand überwältigt, mit Bettlaken fesselt und ihn verschnürt wie ein Paket der Polizei übergibt. Drei Monate Gefängnis sind das Ergebnis dieses gescheiterten Einbruchs, der keinerlei abschreckende Wirkung auf den Verbrecher hat.

Paul Kaßner ist 18 Jahre alt und gebürtig aus Berlin, während sein älterer Bruder Wilhelm 1895 in Neu-Levin im Oberbarnim das Licht der Welt erblickte. Beide haben sich auf das Fassadenklettern spezialisiert und leben von den „Einkünften“ aus diesen lebensgefährlichen Raubzügen. Nach Abzug einer beträchtlichen Geldsumme für den Hehler, versteht sich. Das ärgert sie sehr, aber ändern können sie es nicht.

Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei

Nur vier Monate nach dem Eden-Coup wiederholt Paul Kaßner das kriminelle Muster, diesmal in der Nacht zum 17. Februar 1919 an der Fassade des Adlon-Hotels, das dem Kletterer für seine „Arbeit“ sehr praktische Rillen im Sandsteinbau bietet. Er erleichtert dabei den Großindustriellen Stinnes um viel Bargeld und flieht.

Doch die Berliner Kriminalpolizei kennt ihren „Pappenheimer“ mittlerweile nur zu gut und so lehnen sie sich beruhigt in ihren Bürostühlen zurück, weil sie wissen, dass er ihnen irgendwann in die Falle gehen wird. So auch diesmal: Am 26. April 1919 wird Paul Kaßner zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt.

Seine „Karriere“ als gewerbsmäßiger Einbrecher beendet er natürlich nicht. Zu verlockend sind die Reichtümer, die in den Hotelzimmern auf ihn warten, zu ehrgeizig ist der Kletterer, der immer höher hinauswill, am liebsten bis in die Wolken. Sein Bruder Willi ist ihm offenbar ebenbürtig, auch er kann es nicht lassen und trägt dabei stets einen Revolver mit sich. Wenn sie gerade nicht klettern, verstecken sie sich in den düsteren Schlupfwinkeln der Großstadt, wo sie von ihren „Bräuten“ mit Essen versorgt werden. Und aus denen sie sofort fliehen und weiterziehen, wenn die Polizei ihnen mal wieder auf den Fersen ist.

Der tote Gigolo in der Kraftdroschke

November 1925: Die Kaßner-Brüder bewegen sich nach wie vor in diesen dubiosen Kreisen der Kletterspezialisten. Paul Kaßner ist kurz zuvor aus der Strafanstalt Luckau entwichen, als Willi Kaßner sein Waterloo an einer Berliner Hotelfassade erlebt – in Form eines widerspenstigen Schweizer Hotelgastes namens Hollinger, der mit seiner Frau im Hotel Kaiserhof abgestiegen ist. Noch am selben Abend ihrer Ankunft kommt es zum Tumult.

Hollinger ist im Bad, da hört er seine Frau im Schlafzimmer panisch schreien. Ohne zu zögern stürzt er in das Zimmer und sieht sich einem schwarz maskierten Mann gegenüber, der keine Schuhe trägt und mit seinem Revolver auf ihn zielt.

Der furchtlose Hollinger wirft sich auf den Eindringling. Beide ringen miteinander, bis Kaßner Hollinger schließlich mit dem Revolverkolben ins Gesicht schlägt, was aber nicht die erwünschte besänftigende Wirkung hat. Der vor Wut rasende Hollinger revanchiert sich, indem er den Verbrecher in den Schwitzkasten nimmt und ihn dann in Richtung Fenster zerrt.

Pech für Kaßner, dass es offensteht. Hollinger hebt zuerst die Beine und dann den Oberkörper des Mannes hoch und legt so den ganzen Verbrecher auf der Fensterbank ab – ein lauter Schrei ertönt und dann befindet sich nur noch ein Mann im Zimmer.

Von der Charité bis zum Altar

Kaßner überlebt mit mehreren Knochenbrüchen auf dem Asphalt, sodass Kommissar Werneburg, der Spezialist für Raubüberfälle im Polizeipräsidium, ihn zunächst in die Charité einweisen lassen muss. Aber auch dieses einschneidende Erlebnis und die Demütigung läutern Kaßner nicht, und sie halten ihn schon gar nicht davon ab, sich nach seiner Genesung im Dunkel der Nacht wieder neue Fassaden zu suchen. Er will klettern, muss klettern, um zu überleben, auch wenn die Gefahr sein ständiger Begleiter ist. Das Klettern ist auch zur unwiderstehlichen Sucht geworden.

Anderthalb Jahre später sorgt er erneut für Polizeieinsätze. Im Mai 1927 findet im Norden der Stadt im Hause eines Gastwirts eine Verlobungsfeier statt. Der Sekt fließt in Strömen, dann eskaliert die Lage, als aus unbekannten Gründen eine Prügelei eskaliert, sodass die Polizei anrücken muss. Doch auf dem Polizeirevier kommt der zukünftige Bräutigam der Gastwirtstochter gar nicht an. Und dann müssen die Beamten der ahnungslosen jungen Frau auch noch mitteilen, dass sie sich ausgerechnet mit dem „König der Fassadenkletterer“, Paul Kaßner, verlobt hatte, der sich ihr gegenüber unter falschem Namen als Kaufmann präsentiert hatte. Und auch das Verlobungsgeschenk, eine Diamantenbrosche, musste sie wieder abgeben – sie stammte aus einem der Raubzüge Kaßners. Kurze Zeit später wird Kaßner in der Nähe des Stettiner Bahnhofs bei einer Prügelei festgenommen.

Auch die letzte Phase der Weimarer Zeit wird für die Kaßners zu einem munteren Potpourri an Festnahmen, Gefängnisstrafen – und erneuten Ausbrüchen beider Brüder. Die Fassadenkletterer waren da schon längst in die Unterhaltungskultur der Stadt eingegangen: Ihre Abenteuer wurden in Gedichten, Romanen, Theaterstücken und sogar in Filmen aufgegriffen.

Im April 1928 gelingt Paul Kaßner die Flucht aus einem streng bewachten Gefangenentransport gen Plötzensee. Seine neu gewonnene Freiheit nutzt er dann, um sich ausgiebig zu betrinken, wonach er schließlich besinnungslos an der Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße von einem Polizeibeamten aufgegriffen wird. Die Gerichtsverhandlung im September des Jahres offenbart schließlich einen nahezu typischen Lebenslauf so mancher Berliner Verbrecher dieser Zeit: Der Vater war Trinker, die Jugend trostlos, von mehreren Geschwistern überlebten nur Paul und Willi. Die ersten Taschendiebstähle begingen sie im Alter von 13 Jahren, dann folgte die Fürsorgeanstalt und schließlich irgendwann das Zuchthaus.

Der Bann war gebrochen und der Verbrecher geboren, der diesem ewigen Kreislauf nichts entgegensetzen konnte oder wollte. Als „guten Jungen“, der jedoch „leicht erregbar und krankhaft veranlagt“ sei, beschrieb ihn seine Mutter; als „jähzornigen Psychopathen, der unbeherrscht seinen Trieben folgt und auch von hohen Strafen nicht abgeschreckt wird“, der Gerichtsmediziner Medizinalrat Dr. Münich. Münich kam auch zu dem Ergebnis, dass der § 51 Reichsstrafgesetzbuch (RStrGB), der über die Zurechnungsfähigkeit der Angeklagten entschied, nicht zur Anwendung kommen könne. Paul Kaßner wurde somit zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, was – der Leser ahnt es schon – auch wieder keinerlei abschreckende Wirkung hatte.

Doch wie lange kann ein Mensch auf diese Art und Weise leben? Was macht er, wenn er älter und vor allem unbeweglicher wird? Für die Gebrüder Kaßner sollte sich diese Frage nicht mehr stellen. In der Nacht zum 2. Juni 1933 erschoss die Dresdener Polizei einen Diamantenhändler in der Walpurgisstraße, der dort Edelsteine zum Verkauf angeboten hatte. Es war Willi Kaßner, den ein Polizeibeamter zur Rede gestellt hatte.

Willi Kaßner hatte keine Sekunde gezögert und seine Waffe gezogen, mit tödlichem Ausgang: einem Schuss in seinen Kopf. Und so hieß es diesmal in der standesamtlichen Sterbeurkunde: Das Landeskriminalamt Dresden zeigte an, dass „Wilhelm Hermann Friedrich Kaßner, ohne Beruf, 38 Jahre alt, Wohnort unbekannt, geboren zu Beauregard, Kreis Oberbarnim, Familienstand unbekannt, zu Dresden auf dem Fußweg vor dem Grundstück Walpurgisstraße 4 am ersten Juni des Jahres tausendneunhundertdreiunddreißig nachmittags um elfeinhalb Uhr verstorben sei“.

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Paul Kaßner sollte seinen Bruder nur vier Jahre überleben. Zunächst geriet er als „Gewohnheitsverbrecher“ in den Fokus der Nationalsozialisten. Im Juni 1934 wurde er im schlesischen Brieg von einem Schöffengericht zu Sicherheitsverwahrung verurteilt und nach Berlin abtransportiert. Dort wurde Paul Kaßner „am 19. Februar 1937 in der Alexanderstraße 10 tot aufgefunden“. Es war die Adresse des Untersuchungsgefängnisses im Berliner Polizeipräsidium.Bettina Müller lebt als freie Autorin in Köln und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften vor allem über historische True-Crime-Fälle, Kunst, Kultur und Literatur der Weimarer Republik, Reise und Genealogie. Im April erscheint ihr neues Buch „Die Masseuse mit der Hundepeitsche: 12 historische Mordfälle aus Berlin und Umgebung“ im Ammian Verlag. Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.


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