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Rapper Grim104 über Berlin: „Alles ein bisschen härter und schmuddeliger geworden“

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28.03.2026

Die Taverna Hellas, unweit des Leopoldplatzes in Wedding. Hier sind wir mit Grim104 verabredet, um über sein neues Album zu sprechen. Zwischen Säulen mit korinthisch anmutenden Kapitellen und griechischen Miniatur-Skulpturen nimmt der Berliner Rapper Platz, eine Portion Gyros und Hähnchenspieße stehen alsbald auf dem Tisch: „Ich habe lange in der benachbarten Turiner Straße gewohnt. Wenn meine Eltern da waren, war die Taverna Hellas für uns alle ein Safe Haven“, erzählt Grim104. Neben dem guten Essen ein großer Vorteil: „Auch nach drei großen Bier und ’nem Ouzo kam man immer noch gut fußläufig nach Hause.“

Auf seinem neuen Album „No Country for Old Grim“ hat der Rapper dem gediegenen Tavernen-Besuch einen ganzen Song gewidmet. Er handelt von einer Rückkehr in die heimische norddeutsche Provinz und dem Abhängen mit den alten, vom Leben verbitterten Freunden. Zur Stimmungsaufhellung benötigt man da unbedingt ein leckeres Bifteki und vor allem: Bier. „Dass zwischen dem Besuch einer Kneipe und dem eines griechischen Restaurants eine sehr interessante Überschneidung besteht, habe ich erst in den letzten Jahren bemerkt“, beichtet Grim104. Besser spät als nie! Weil es aber noch am frühen Mittag ist, bestellen wir lieber Cola.

Die jugendliche Sozialisation auf dem Dorf, das spätere Leben in der Großstadt: „Das lässt mich nicht so ganz los“, resümiert Grim104. Für das Musikvideo zu seinem Song „Nie so cool“ hat er der größten jährlichen Attraktion seines Heimatdorfes einen Besuch abgestattet. Der „Zeteler Markt“ ist eine mehrtägige Kirmes, die sich allseits großer Beliebtheit erfreut, unter anderem, weil es am Mittwoch zum großen „Viehmarkt“ zugunsten eines rauschhaften Marktbesuches meist ausgesprochen kulante Fehlzeitenregelungen in Schulen und Betrieben gibt.

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Grims Plan: drei Songs im „Junge Leute“-Zelt spielen. Aber so richtig Bock auf dieses Mini-Konzert, das Grim104 wohl nur durch Vermittlung des Bürgermeisters überhaupt gestattet wurde, scheint keiner zu haben: „Ich habe direkt gemerkt, die sind super feindselig mir gegenüber. Die finden das gar nicht geil. Das nervt sie. Die halten mich für irgendeinen Dulli. Das hat mich dann auch schon ein bisschen in meinem Ego gekränkt, weil ganz ehrlich, ich bin ja wirklich schon auf Rock am Ring oder dem Splash zu guten Uhrzeiten aufgetreten“, gibt Grim104 zu. Aber die sehr erfolgreiche erste Karriere als Teil des Rap-Duos Zugezogen Maskulin scheint das bierdurstige Publikum im Kirmeszelt wenig zu beeindrucken: Beim Auftritt wird gebuht und gepöbelt. Grim104, ein aus der Heimat verstoßener?

„Warum trägt der so eine dämliche Kinderuhr?“

Ganz so schlimm ist es wohl nicht. Aber der Stadt-Land-Kontrast spielt bei ihm immer wieder eine große Rolle. Die wechselseitigen Vorurteile, das gegenseitige Unverständnis. So musste Grim104 feststellen, dass die Statussymbole des hippen Berliner Bürgertums auf dem Dorf nur für erstaunte Blicke sorgen: „Meine trendige y2k-Uhr, mein irres japanisches Auto. In der Heimat denken die sich nur: Warum trägt der so eine dämliche Kinderuhr, warum fährt er so ein Schrottauto?“, erzählt Grim104.

Der direkte norddeutsche Schnack seiner Heimat führt wiederum bei Grim104 zu Irritationen, aber „genauso verspüre ich auch ein habituelles Befremden, wenn mir Leute hier in Berlin erzählen, dass sie jetzt im Running Club sind oder den fünften Thailand-Urlaub im Jahr planen. Was natürlich die Frage aufmacht: Wo gehöre ich denn jetzt eigentlich hin?“

Das Motiv, zwischen den Stühlen zu stehen, zieht sich bei Grim104 auf der neuen Platte durch: Das lyrische Ich hat sowohl in der Kirche als auch in der Kneipe Hausverbot, lebt im gedämpften Rauschzustand zwischen dem Ende einer verflossenen Liebschaft und dem Tag, an dem man sich endlich wirklich von ihr frei machen wird können – und fühlt sich als Außenseiter im Popbetrieb.

Aber der Hang zum uneindeutigen Dazwischen, zur Ambivalenz ist durchaus auch politisch zu verstehen: „Mir fällt es zunehmend schwerer, zu allem eine klare, gleichbleibende Meinung zu haben“, erzählt Grim104, der angesichts des allgegenwärtigen politischen Positionierungsdruck, dem Zeitalter der auf absolute Eindeutigkeit setzenden Statements-Posts auf Social Media ein großes Befremden verspürt.

„Eindeutigkeit funktioniert nur auf Social Media super“

Ihn, der von sich selbst auf dem Titelsong behauptet, von jeder Hoffnung, „dass eine Farbe oder ein Gott kommt“, verlassen zu sein, beängstigt die erbarmungslose Entschlossenheit der Internet-Aktivisten: „Absolute Eindeutigkeit, die ganz klare Vorstellung davon, wer die Guten und wer die Bösen sind, die Weigerung, alles ohne jede Grautöne zu betrachten, das funktioniert auf Social Media super, aber ich kann damit immer weniger anfangen“, sagt uns Grim104.

Auch angesichts der Brutalität der Debatten, fühlt sich Grim104 manchmal wie der Sheriff aus dem Film „No Country for Old Men“, der mit der Kompromisslosigkeit und Gewalt der neuen Welt nicht mehr zurechtkommt und entsetzt dem Zerfall bisheriger Ordnungsvorstellung beiwohnt.

Auf dem in seinem Titel auf den Coen-Brothers-Film anspielenden Album von Grim104 zeigt sich dieser Zerfall vor allem anhand gnadenloser Beobachtungen aus dem Berliner Alltag: mit truthahngrauer Haut durch die U-Bahnen streifende Junkies, verarmte Rollator-Rentner im nach verkippten Bierdosen müffelnden Discounter und sinnlose Gewalt auf den Straßen.

Nimmt Grim104 unsere Hauptstadt als ein solch verkommendes, nach dem Leid seiner Bewohner lechzendes Moloch wahr? „Das hat schon auch damit zu tun, dass ich die letzten Jahre am Rande eines Industriegebiets in der Einflugschneise zu Tegel zugebracht habe und da einen anderen Blick auf Berlin hatte, als wenn ich am Paul-Linke-Ufer wohnen würde“, erklärt Grim104. Wobei er eigentlich erklärtermaßen einen Faible für die unprätentiösen Orte der Stadt hat: „Ich bin gerne in der Kopenhagener Straße in Reinickendorf, weil da der Cozy-Wash ist, bei dem ich nicht so lange anstehen muss. Ich mag die Mittelbruchzeile, ich mag die verlängerte Koloniestraße, diese ganzen weirden Unorte.“

„Tendenziell scheiße, wenn Spritzen im Gebüsch liegen“

Aber manchmal ist es doch zu viel, dann fühlt man sich als Bewohner dieser Stadt wie der Splitter in einer Wunde, den der Organismus unbedingt herauseitern will. „Ich habe das Gefühl, dass alles ein bisschen härter und schmuddeliger geworden ist“, sagt Grim104 und führt aus: „Jedem, der in den letzten Jahren mal im Winter S- oder U-Bahn gefahren ist, dem muss ja irgendwie aufgefallen sein, dass die Verelendung zunimmt.“

Wobei sich natürlich auch die Wahrnehmung ändert. Was man als junger vom den Freiheiten der Metropole faszinierter Glücksritter als gottgegeben angesehen hat, wird im Alter fragwürdig. Insbesondere, wenn man Kinder hat: „Wenn man sich nur um sich selbst kümmern muss, na gut, dann trittst du halt nicht in die Spritze rein. Aber wenn du noch für einen anderen Menschen verantwortlich bist, der das noch nicht so verinnerlicht hat, dann ist das tendenziell scheiße, wenn Spritzen im Gebüsch liegen“, sagt Grim104.

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Die Abgefucktheit der Stadt kulminiert auf dem Album in einer spezifischen Träumerei: „Ich will ein Haus in Lübars, meine Ruhe und das war’s“, rappt Grim104 da. „Das sind Fantasien, die nicht den Anspruch haben, deckungsgleich mit der Realität sein. Oder überhaupt durchführbar …“, resümiert der Rapper. Und wäre man zwischen all den Reichen und Schönen überhaupt glücklicher?

Zurück in die norddeutsche Heimat will Grim104 aber auch nicht, so ein Vierkanthof in der Märkischen Schweiz jedoch, das wäre vielleicht etwas: „Den könnte man dann so richtig schön renovieren …“, tagträumt Grim104 kurz, um dann abzubrechen, „aber, ich kann ja gar nicht renovieren.“ Wo das persönliche Glück liegt, bleibt eben eine knifflige Frage. Bis man nähere Anhaltspunkte hat, wo es zu suchen gilt, ist man im Safe Haven der Taverna Hellas aber wohl nicht am gänzlich falschen Ort.Grim104: No Country For Old Grim. Zebralution, 2026; Konzerte: 18.4. Leipzig, 9.5. Berlin, Karten erhältlich im Ticketshop der Berliner Zeitung.


© Berliner Zeitung