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Bürgermeisterpaare im Stilcheck: Was sich Berlin von London und Mailand abschauen kann

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23.02.2026

Natürlich, repräsentative Aufgaben gehören zum Stellenprofil eines Politikers dazu. Aber sobald ein gewählter Volksvertreter zu häufig posiert, wird es oft heikel. Denn anders als Schauspieler oder Models müssen sich Politikerinnen und Politiker häufig die unbequeme Frage gefallen lassen: Wäre die Zeit auf dem roten Teppich nicht am Schreibtisch besser investiert?

Die Antwort darauf entscheidet mitunter, ob ein Red-Carpet-Auftritt zum PR-Coup wird oder zur Peinlichkeit. Wer für seine Wählerinnen und Bürger Ergebnisse liefert, darf glänzen. Der Auftritt wird dann zur verdienten Bühne – ein Bürgermeister, der seine Stadt repräsentiert, nicht sich selbst. Wer hingegen mehr Zeit auf dem roten Teppich verbringt, als im (Roten) Rathaus, muss mit Kritik rechnen.

Berlin: Kai Wegner und Katharina Günther-Wünsch

Kai Wegner (CDU), seit April 2023 Regierender Bürgermeister, regiert in einer schwarz-roten Koalition – und damit in einer Farbkombination, die stilistisch herausfordernd sein kann. Seine Partnerin Katharina Günther-Wünsch sitzt als Senatorin für Bildung, Jugend und Familie in seinem Kabinett und bringt als ehemalige Lehrerin und Schulpolitikerin die richtige Erfahrung für den Posten mit.

Erfahrung mit dem roten Teppich sammeln die beiden momentan noch, weswegen man sie im Februar nicht nur ein-, sondern gleich zweimal dort antraf: auf der Berlinale und beim Wirtschaftsball. Immerhin kann man Herrn Wegner nicht vorwerfen, Steuergelder zu verschwenden, indem er ständig neue Anzüge kauft. Er trägt alles mehrmals, selbst das Einstecktuch scheint exakt dasselbe zu sein. Auch Frau Günther-Wünsch hat sich auf einen Stil eingeschossen: grau und bodenlang, mit Glitzerapplikationen. Keine Vollkatastrophe, aber auch nicht wirklich inspiriert – ähnlich wie die Politik der Hauptstadt an mancher Stelle.

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London: Sadiq Khan und Saadiya Khan

Sadiq Khan regiert London seit 2016 – und damit länger, als mancher britische Premierminister zuletzt im Amt war. Als Sohn pakistanischer Einwanderer aus Tooting, South London, schrieb er als erster muslimischer Bürgermeister einer großen westlichen Hauptstadt Geschichte. Bevor er in die Politik ging, verdiente er sein Geld als Menschenrechtsanwalt – eine Berufswahl, die ihm bis heute wahlweise als Qualifikation oder als Vorwurf ausgelegt wird. An seiner Seite seit 1994: Saadiya Khan, geborene Ahmed, selbst Juristin und offenkundig wenig interessiert daran, sich ins Rampenlicht zu drängen. In London nennt man das: Sophistication.

Entsprechend gelungen ist auch das Outfit des Paares. Er trug bei den Fashion Awards im vergangenen Jahr ein mitternachtsblaues Smokingsakko aus Samt, sie ein Rollkragenshirt aus Lurex, darüber ein Gilet. Lockere Haltung, sichtlich entspannter Gesichtsausdruck – die beiden müssen die Red-Carpet-Pose nicht mehr üben.

Mailand: Giuseppe Sala und Chiara Bazoli

Giuseppe Sala, Bürgermeister von Mailand seit 2016, ist das, was man im italienischen Politikbetrieb einen Quereinsteiger mit dem richtigen Adressbuch nennt. Als Chef der Expo 2015 bewies er Organisationstalent – oder zumindest die Fähigkeit, ein milliardenschweres Großprojekt nicht vollständig entgleisen zu lassen.

2023 heiratete er Chiara Bazoli, Tochter des legendären Bankiers Giovanni Bazoli. Mailands Bürgermeister ehelicht also eine Tochter der Finanzaristokratie – in Italien wundert das niemanden, im wohlhabenden Mailand schon gar nicht. Dass die Dame obendrein aussieht wie eine Filmdiva – geschenkt.

Da in Mailand die Modemarken Prada und Armani sitzen, hätte man hier aber von beiden auch etwas mehr Stilgeschick erwarten können. Das kamelfarbene Kleid macht etwas blass, und auch der blaue Anzug mit blauer Krawatte ist uns – zumal für die erwartete italienische Sprezzatura, also eine gewisse Leichtigkeit und Mühelosigkeit – eine Nummer zu sicher.


© Berliner Zeitung