West gegen Ost, Gladbach gegen Union – und mehr Gemeinsamkeiten als gedacht
Es ist mit die längste Auswärtsfahrt, die der 1. FC Union Berlin zu diesem Spiel zurücklegen muss. Knappe 600 Kilometer liegen zwischen dem Stadion An der Alten Försterei in Berlin und dem Borussia-Park in Mönchengladbach, dem sie dort die Adresse jenes Trainers gegeben haben, der die legendäre Fohlen-Elf um die damals blutjungen Günter Netzer, Hans-Hubert Vogts, Jupp Heynckes, Herbert Laumen und Herbert Wimmer geformt hat: Hennes-Weisweiler-Allee 1.
Ein Team, das in den 1970er-Jahren Europa rockte, in jener Ära fünfmal und damit öfter als Bayern München Meister wurde, misst sich seit Jahren mit dem 1. FC Union Berlin, der in der DDR-Oberliga jener Zeit eher Zweit- denn Erstligist war. Während die vom damaligen Bökelberg 1974 neben Netzer, Vogts, Heynckes und Wimmer mit Rainer Bonhof und Wolfgang Kleff insgesamt sechs Weltmeister stellten, hießen die Gegner der Eisernen damals Motor Babelsberg, Aufbau Schwedt, Stahl Hennigsdorf, Stahl Eisenhüttenstadt und Motor Ludwigsfelde. Ab und an auch Lichtenberg 47 und Narva Berlin.
Christoph Kramer ist Fan von Torsten Mattuschka
Bei dieser Fallhöhe kann einem schwindelig werden. Gemeinsamkeiten oder andere Schnittpunkte sind nahezu ausgeschlossen. Und doch gibt es sie, wenn auch erst aus späterer Zeit. Noch immer klingt es wie von einem anderen Stern, dass Christoph Kramer, der seine Karriere 2024 nach 271 Bundesligaspielen, von denen er bis auf 28 alle anderen für die Mönchengladbacher bestritt, beendete, Torsten Mattuschka als einen seiner Lieblingsspieler nennt.
Selbst wenn Kramer da noch Zweitligaspieler im Dress des VfL Bochum war und Tusche mit Union im Ruhrstadion aufkreuzte, stach der Eisern-Kapitän dem künftigen Weltmeister ins Auge. „Zweite Liga ist Kampf und Krampf, in diesem Umfeld war Torsten Mattuschka ein Lichtblick. Er war auf dem Platz ein Zocker“, sagte Kramer einst.
Und wenn der Jung-Profi sich ein Spiel der Köpenicker im Fernsehen anschaute, was er oft tat, weil die Bochumer eine Woche später gegen den jeweiligen Union-Gegner an der Reihe waren, fiel ihm auf: „Wenn ich gesehen habe, der Ball müsste jetzt dort oder dort hin und Mattuschka war am Ball, dann kam der Ball auch genau dort hin. Das siehst du in der Zweiten Liga wirklich selten.“
Bei einer Dopingkontrolle lernten sie sich schließlich näher kennen. Auch hier lässt Kramer, der damals seine ersten Spiele in der Zweiten Liga bestritt, auf den damaligen Union-Kapitän nichts kommen. „Obwohl Union verloren hatte, war er höflich, freundlich, respektvoll“, erinnert sich der spätere Nationalspieler, „es war von Anfang an eine lockere, freundschaftliche Atmosphäre.“ Sympathie, die zwischen Profis verschiedener Vereine nicht alltäglich ist.
Trotzdem ist es außergewöhnlich, dass Kramer, dessen Gegenspieler in seinen Länderspielen zu den Superstars zählten, den Dress von Torsten Mattuschka zu seinen emotionalsten Trikots zählt. Dabei spielten der Kameruner Samuel Eto’o, die Franzosen Karim Benzema, Raphael Varane, Oliver Giroud, Paul Pogba und Antoine Griezmann, der Italiener Thiago Motta und natürlich Weltfußballer Lionel Messi in einer vollkommen anderen Liga als die Union-Legende.
Andererseits sollte man sich auf die Wertevorstellungen eines Profis, der nach seiner Karriere ein vielbeachtetes Buch („Das Leben fing im Sommer an“ stand lange Zeit in den Bestsellerlisten) geschrieben hat, auch anderweitig verlassen dürfen. Dass wiederum beide – Kramer die Länderspiele des DFB-Teams, Mattuschka die der 2. Bundesliga – als TV-Experten den Fußball analysieren und ihn in seinen Nuancen einem breiten Publikum verständlicher machen, dient womöglich als zusätzliche Klammer.
Abgesehen von diesen beiden Vereinslegenden, der deutlichen Entfernung und dem in die Union-Historie eingebrannten Pokal-Halbfinale im Februar 2001 mit dem besseren Ende für den damaligen Drittligisten aus Köpenick, findet man zwischen dem Kult-Team aus dem tiefen Westen und dem Kult-Team aus dem tiefen Osten mehr Gemeinsamkeiten, als es auf den ersten Blick zu geben scheint.
Als da wäre Hans Meyer. In der DDR-Oberliga vor allem als Coach von Carl Zeiss Jena schon ein Trainerkauz, kam er via Köpenick (gut acht Monate) und Twente-Enschede (knapp vier Jahre) 1999 an den Bökelberg und leicht verspätet doch noch in der Bundesliga an. Dass er im erwähnten Pokal-Halbfinale sein neues Team an alter Wirkungsstätte nicht ins Endspiel zu führen vermochte, gehört nicht zu seinen Sternstunden. Dafür hat er genug andere erlebt.
Trainerparallelen gibt es weiterhin. So setzten beide Vereine mit mehr oder weniger Erfolg auf Fußballlehrer aus der Schweiz. Regelrecht in Stein gemeißelt sind die Verdienste von Urs Fischer im Berliner Südosten. In Mönchengladbach haben in der jüngeren Vergangenheit sogar zwei Schweizer ihre Spuren hinterlassen, auch wenn die von Gerardo Seoane (wurde im September 2025 nach einem miesen Saisonstart ohne Tor und nur einem Punkt aus den ersten drei Partien und saisonübergreifend zehn Spielen in Folge ohne Sieg entlassen) nicht nachhaltig bleiben. Lucien Favre lieferte dafür überaus anständig ab. Er mag gar als Abziehbild für die Erfahrung der Eisernen mit Urs Fischer taugen.
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Als Favre die Fohlen im Frühjahr 2011 übernahm, waren sie Tabellen-Schlusslicht mit einem Rückstand auf den Relegationsplatz von sieben Zählern. Trotzdem führte ihr neuer Coach sie über die Relegation zum Klassenerhalt. In seinem vierten vollen Bundesligajahr – die Parallele zu seinem Landsmann später in Köpenick ist nahezu mystisch, weil der die Eisernen übernommen hatte, als die in Liga zwei gerade Tabellenachter geworden waren – gelang als Tabellendritter der Sprung in die Champions League.
Danach zum „Trainer-Gewinner der Saison“ gewählt – Fischer war 2023 nach Rang 4 gar Trainer der Saison –, ging die nächste Spielzeit jedoch brutal nach hinten los. Obwohl Favre nach sechs Pflichtspiel-Niederlagen in Folge seinen Rücktritt anbot, das Borussia-Präsidium, zu dem damals auch Hans Meyer gehörte, aber ablehnte, zog Favre dennoch aus eigenem Antrieb einen Schlussstrich. Verblüffend ähnlich lief es mit dem Aus von Urs Fischer beim 1. FC Union Berlin.
Ebenso haben Spieler in der Bundesliga bereits hier wie da ihre Duftmarken gesetzt. Moritz Nicolas, längst die Nummer eins im Borussia-Tor, mit einem Einsatz im ersten Bundesligajahr der Berliner, einem 0:4 bei der TSG Hoffenheim, eher marginal und mit unglücklichem Ausgang. Dafür umso mehr Marvin Friedrich, eiserner Aufstiegsheld 2019 mit einem Treffer beim 2:2 im Relegations-Hinspiel in Stuttgart, um im Januar 2022 von der 16 Kilometer langen Wuhle an die 113 Kilometer lange Niers zu wechseln, wo er inzwischen nur noch bedingt glücklich ist.
Erst recht aber Max Kruse, der zu Favre-Zeiten in Mönchengladbach spielte, beim 1. FC Union Berlin aber (dort 23 Tore in 66 Spielen, hier 16 in 38) erfolgreicher war. Dass sich Kruse von den Eisernen einst mit einem Doppelpack bei einem 2:1-Sieg ausgerechnet in Mönchengladbach verabschiedet hat, passt ebenso ins Raster. Nur Kruses weitere Zukunft nicht: schnelles Ende in Wolfsburg; noch schnelleres Aus in Paderborn; spektakuläres Engagement beim Berliner Siebtligisten Al-Dersimspor; aktuell beim Fünftligisten TuS Dassendorf aus der Oberliga Hamburg mit Vertrag bis Saisonende.
1. FC Union Berlin gewinnt wegweisende Duelle gegen Gladbach
Auch dank Kruse sieht die Bilanz des 1. FC Union Berlin gegen die Borussia, die 1965 gemeinsam mit Bayern München in die Bundesliga aufstieg und dort nunmehr ihre 58. Saison bestreitet (nur die Bayern, Bremen, Dortmund und Stuttgart haben mehr), ganz vorzüglich aus. Von den bisherigen 13 Duellen haben die Berliner stramme sieben gewonnen. So auch ziemlich wegweisende.
Das 1:0 im Borussia-Park durch ein Tor von Sheraldo Becker im Frühjahr 2023 war mitentscheidend für den geschichtsträchtigen Sprung in Europas Königsklasse. Als es im Champions-League-Herbst 2023 dann aber partout nicht laufen wollte, kamen die Fohlen gerade recht ins Stadion An der Alten Försterei, um die Horrorserie von wettbewerbsübergreifend 16 Spielen ohne Sieg zu beenden. Beim damaligen 3:1 erzielte Benedict Hollerbach übrigens sein erstes von insgesamt 14 Bundesligatoren für die Eisernen.
Bleibt abzuwarten, welchen Namen das Kapitel bekommt, das an diesem Sonnabend ab 15.30 Uhr geschrieben wird, wenn der 1. FC Union Berlin tief im deutschen Westen auf Punktejagd geht.
