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Mit blauem Auge davongekommen:  Auf den Leviathan ist kein Verlass mehr

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08.02.2026

Berlin, Silvesternacht 2025

Ich sitze abends am Rechner in Berlin-Tempelhof, fast schon Mariendorf. Im Silvesterchat der Redaktion tauschen die Kolleginnen und Kollegen ihre Eindrücke aus. Eine eigentümliche Mischung aus Routine und Erwartung liegt über der Stadt. Keine Vorfreude auf das neue Jahr, dafür Erwartung dessen, was verlässlich kommen wird: Eskalation, Bilder, Schlagzeilen. Silvester in Berlin ist kein Ereignis mehr, sondern folgt einem Muster.

Im Chat gibt es keine Feuerwerksbilder, keine Wünsche, kein Pathos. Dort stehen Lageberichte. Neukölln meldet massive Polizeipräsenz, Wedding spricht von Absperrungen, aus Mitte kommen Fotos von Einsatzfahrzeugen aus Niedersachsen, Sachsen, Bayern – quer in Wohnstraßen geparkt, Belege einer föderalen Mobilmachung. Eine Kollegin schreibt aus der High-Deck-Siedlung von Festnahmen. Niemand reagiert überrascht. Niemand fragt nach den Gründen.

Wie in Vorbereitung auf einen Krieg werden Kräfte aus dem Bundesgebiet nach Berlin verlegt. Hundertschaften, Wasserwerfer, Hubschrauber. Aufrüstung im Inneren, Jahr für Jahr. Doch Abschreckung entscheidet sich nicht an der Sichtbarkeit des Staates, sondern an dem, was folgt. Und dieses Danach bleibt aus.

Für den englischen Staatsphilosophen Thomas Hobbes war der Naturzustand ein Krieg aller gegen alle, ein Zustand permanenter Unsicherheit, der durch den Leviathan überwunden werden soll. Staatliche Macht ist hier ein Schutzversprechen, nicht bloße Präsenz. Wo der Schutz ausbleibt, verliert der Staat seine Legitimität.

Der Leviathan ist auch in dieser Nacht präsent, sichtbar, bewaffnet. Aber innerlich wirkt er leer. Ein Vollkaskostaat, der Sicherheit verspricht und im Schadensfall auf das Prozedere verweist.

23.57 Uhr

Ein letzter, fast mechanischer Wunsch: Guten Rutsch! Dann klappe ich den Laptop zu und gehe.

Draußen liegt die Stadt unter einer Glocke aus Rauch, Schwarzpulver und Feinstaub. Die Luft ist kalt und wie verbrannt zugleich. Raketen zerreißen den Himmel, tauchen ihn sekundenlang in grelle Farben. Dazwischen das serielle Knallen von Schreckschusspistolen, Magazin um Magazin, rhythmisch, beinahe einstudiert.

Das ist kein Feiern mehr.
Das ist Revierverhalten.

Vor einem Mietshaus in der Attilastraße hat sich eine größere Gruppe versammelt. Zehn, fünfzehn Personen. Die Haustür steht offen, Menschen gehen ein und aus, als sei die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Raum aufgehoben. Die Vortreppe fungiert als Bühne.

Ich zücke mein Handy und filme. Zunächst die Straße, den Rauch, das flackernde Licht, dann die Gruppe.

Drei Männer treten vor, ein paar Schritte vom Hauseingang weg. Sie halten Schusswaffen in der Hand, offensichtlich Schreckschusspistolen, locker, nicht verkrampft, nicht nervös. Die Körperhaltung ist entspannt, die Gesichter regungslos, fast gelangweilt. Dann heben sie die Arme und feuern in die Luft, ohne Hast, ohne erkennbare Aufregung. Das Mündungsfeuer blitzt auf, leere Hülsen prasseln auf den Beton.

Die Pose ist kalkuliert. OG-Haltung, Coolness als Attitüde. Straight-outta-Compton-Vibes, mitten in Tempelhof.

Die Botschaft ist eindeutig: Heute Nacht gehört die Straße uns!

In dem Moment tritt eine junge Frau aus dem Haus. Sie trägt einen hellen, beigen Mantel, sauber geschnitten, beinahe elegant. Keine Maske, kein Zögern. Auch sie hält eine Pistole in der Hand, so selbstverständlich wie ein Accessoire. Sie bleibt kurz stehen, schaut nicht in die Runde, sondern nach oben, hebt den Arm und feuert in die Luft.

Zehn Schüsse. Schnell hintereinander.

Die Hülsen klirren auf die Stufen, Rauch legt sich um sie. Dann dreht sie sich um und verschwindet wieder im Haus. Niemand kommentiert. Niemand widerspricht. Hier sind alle in ihrem Element.

Ich filme weiter, keine einzelnen Gesichter, sondern das Gesamtbild, die Inszenierung, die Selbstverständlichkeit, mit der der öffentliche Raum genutzt wird. Dann beschließe ich zu gehen.

Ich habe mich kaum von der Gruppe gelöst, da tritt ein älterer Mann, Anfang 50, aus ihr heraus. Eine Brille, ein gespanntes Gesicht, ein Blick, der nicht fragt. Im nächsten Moment ist er bei mir, greift nach meinem Mantel und zieht mich heran, so abrupt, dass jede Distanz sofort verschwindet.

„Wallah, gib mir dein Handy.“ Wallah stammt aus dem Arabischen und bedeutet wörtlich „bei Gott“. Im subkulturellen Kontext dient er als sprachliches Verstärkungsmittel, um zu markieren, dass kein Widerspruch geduldet ist.

Es ist kein Satz, der eine Antwort erwartet. Es ist ein Befehl. Kurz, scharf, mit dem Anspruch auf sofortige Unterwerfung.

Ich versuche, einen Schritt zurückzuweichen, doch hinter ihm schiebt sich die Gruppe zusammen. Mehrere Männer stehen dicht beieinander, seitlich versetzt, Schulter an Schulter. Vielleicht Söhne, Verwandte, Begleiter. Niemand widerspricht, niemand bremst. Jede Bewegung des Mannes wird gestützt, abgesichert, bestätigt. Die Situation kippt innerhalb von Sekunden von Konfrontation zu Umzingelung.

Neben dem........

© Berliner Zeitung