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„Ausverkauf“: Marzahn-Hellersdorfer beklagen Wuchermieten und Vernachlässigung

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19.02.2026

Der Bezirksverband der Partei Die Linke hat im Rahmen des Projektes „Wem gehört Marzahn-Hellersdorf“ am Mittwoch eine sogenannte digitale Eigentümerkarte vorgestellt. Auf dieser Stadtkarte ist markiert, welche Wohneinheiten im Bezirk in welcher Hand liegen: privat, genossenschaftlich oder landeseigen. Diese eigenständig erhobenen Daten sollen helfen, sich gegen einen angeblichen „Ausverkauf unserer Stadt“ zu wehren.

Gemeint ist damit die seit der Wende fortschreitende Privatisierung von Mietwohnungen. Bereits jede fünfte ist laut der Partei derzeit vergesellschaftet, angeblich zum Leidwesen betroffener Mieter, die teils mit horrenden Mieten und Ignoranz abgestraft werden.

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Jetzt soll die „digitale Eigentümerkarte“ Transparenz und Aufmerksamkeit schaffen. Auch als Werkzeug für Bürgerinitiativen wie „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ soll die Datenerhebung dienen und damit stellvertretend für einen Transformationsprozess im Berliner Mietmarkt stehen – hin zu immer mehr Privateigentum. Es handele sich schon lange nicht mehr um ein reines Problem der Mitte, sagt der linke Bezirksverband.

„Bei den Privaten wohnt man schlechter und teurer“

Christoph Trautvetter, ein Aktivist im Bereich Steuergerechtigkeit und Beteiligter am Projekt, kritisiert den Umgang großer Immobilienkonzerne wie Deutsche Wohnen/Vonovia oder DVI Investment mit ihren Mietern. „Unsere stichprobenartige Befragung in drei baugleichen Wohnblocks zeigt: Bei den Privaten wohnt man schlechter und teurer, teilweise bis zum Mietwucher.“

In weiterführenden Gesprächen berichteten Mieter zudem von erheblichen Missständen und belastenden Erfahrungen. So sei ihnen mitgeteilt worden, dass sie die Kosten bereits durchgeführter Modernisierungsmaßnahmen selbst tragen müssten – unabhängig davon, ob diese Maßnahmen für sie nachvollziehbar oder notwendig gewesen seien. In einzelnen Fällen beträfen die umgelegten Kosten sogar Positionen, die aus Sicht der Betroffenen kaum plausibel erscheinen: So solle etwa eine Erdgeschosswohnung anteilig Aufzugskosten übernehmen, obwohl deren Nutzung faktisch nicht erforderlich sei.

Mieter berichten von Schimmel und Wasserschäden

Besonders schwer wiegt der Vorwurf, dass Druck auf Mieter ausgeübt worden sei. Eine Mieterin schilderte, ihr sei im Zusammenhang mit der Ablehnung einer Mieterhöhung indirekt mit einer Kündigung gedroht worden. Dieses Vorgehen habe bei den Betroffenen große Verunsicherung ausgelöst und das Vertrauensverhältnis zwischen Mietern und Vermieter nachhaltig belastet.

Vor allem die „Grand City Properties“ soll deren Mieter mit hoher Fluktuation, sehr unterschiedlicher Miethöhe, Wuchermieten für Erstbezügler, vernachlässigter Instandhaltung und Sauberkeit sowie zahlreichen Kündigungsdrohungen belasten. Mieter von Deutsche Wohnen berichten teils von Schimmel und Wasserschäden, gekümmert werde sich darum nicht. Vor allem einkommensschwächere Haushalte wären betroffen.

„Diese Beispiele stehen exemplarisch für eine Entwicklung, die längst auch am Berliner Stadtrand Realität ist“, äußert sich Bjoern Tielebein, Co-Vorsitzender der Linksfraktion im Bezirk.

Vom Staatsbauprojekt zum freien Markt

Dabei war die Vision von Marzahn-Hellersdorf einmal eine ganz andere. Entstanden ist der Bezirk in den 1970er- und 1980er-Jahren als staatliches Wohnbauprogramm der DDR, das die akute Wohnungsnot lindern sollte. In kurzer Zeit entstanden große Plattenbausiedlungen mit vergleichsweise moderner Ausstattung, Grünflächen sowie sozialer Infrastruktur wie Schulen und Kindergärten. Die Wohnungen galten als bezahlbar und waren fast vollständig in öffentlicher Hand. Zu Spitzenzeiten lebten über 450.000 Menschen in Marzahn-Hellersdorf.

Nach der Wende veränderte sich diese Struktur grundlegend. Große Teile des Wohnungsbestandes wurden schrittweise privatisiert, Wohnungen und ganze Häuserkomplexe gingen an private Unternehmen oder wurden einzeln verkauft. Dieser Prozess erstreckte sich über Jahre und prägt die Eigentumsverhältnisse bis heute.

Derzeit befinden sich 21 Prozent der Wohneinheiten in privater Hand. Landeseigene Wohnungsunternehmen halten rund 48 Prozent, während Genossenschaften auf etwa 30 Prozent kommen. Größter Eigentümer ist die landeseigene Stadt und Land mit 1284 Wohneinheiten, gefolgt von der privaten Deutsche Wohnen/Vonovia mit 965. Die größte Genossenschaft im Bezirk ist die WG Friedenshort mit 265. Diese Verteilung verdeutlicht den Wandel Marzahn-Hellersdorfs von einem nahezu vollständig staatlichen Wohnbezirk zu einer gemischten Eigentümerstruktur.


© Berliner Zeitung